Über schwierige Beziehungen – Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Im Jahr 2011 las ich Daniela Kriens Debütroman „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ und er gefiel mir so gut, so dass ich gespannt war auf ihren neuen, zweiten Roman, obwohl ich den Titel einerseits etwas sperrig, andererseits ein wenig schwammig finde. Doch auch „Die Liebe im Ernstfall“ hat mich überzeugen können.

Daniela Kriens Protagonistinnen sind fünf Frauen um die 40, von denen in jeweils eigenen Kapiteln erzählt wird, und dies vor allem mit Augenmerk auf ihre Beziehungen, wobei diese natürlich nicht vom Rest des Lebens abzukoppeln sind und Familie, Freundschaften, das Berufsleben das Bild abrunden und alles ineinander greift. Die fünf sind lose miteinander verbunden, kennen sich oder sind gar befreundet, dennoch ist „Die Liebe im Ernstfall“ eher episodenhaft, da eine der Frauen immer stark im Mittelpunkt steht. Die fünf sind sehr verschieden und auch ihre Beziehungen, die vergangenen wie die aktuellen, unterscheiden sich voneinander.

Da ist Paula, die einen schlimmen Schlag wegstecken musste, deren Ehe gescheitert ist und die psychisch lange nicht wieder auf die Beine kam, nun aber wieder Hoffnung schöpft. Ihre Freundin Judith dagegen lernt Männer über Kontaktanzeigen kennen und ist vor allem Pferdeliebhaberin. Die Schriftstellerin Brida ist von ihrem Ex-Mann Götz schon lange getrennt, doch können die beiden nicht ohneeinander. Musiklehrerin Malika kannte Götz schon vor Brida, und danach kam ihr kein Mann mehr so nah wie einst Götz. Und Malikas Schwester Jorinde ist Schauspielerin und wird vielleicht eine größere Karriere machen, doch ihre Ehe scheint vor dem Aus zu stehen, als sie zum dritten Mal schwanger wird.

Daniela Krien gelingt es hervorragend, jede Frau sehr lebendig und nachvollziehbar zu schildern, in jedem Kapitel dauert es nur ein paar Zeilen, bis sie einen schon hineingezogen hat in das neue Leben, das sie uns erzählt. In die Gedanken und Gefühle der jeweiligen Protagonistin. Sie alle sind Versehrte, haben ihre Erfahrungen mit Männern und Beziehungen gemacht und Wunden zurück behalten. Haben unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen aus den Enttäuschungen, die sie durchlebt haben. Und manchmal handeln sie dann auch moralisch fragwürdig, egoistisch, um zu bekommen, was sie sich wünschen. Das macht sie nicht unbedingt sympathisch, aber immer ist das, was Kriens Figuren tun oder sagen, absolut nachvollziehbar.

Ihre Sprache ist dabei leicht und einfach, doch immer wieder trifft sie ins Mark. Kriens Frauen sind Erwachsene, mit Verpflichtungen, mit Wünschen und Sehnsüchten, mit einer Vergangenheit. In einem Interview sagte die Autorin, mit zwanzig hätte sie diesen Roman nicht schreiben können. Und vielleicht kann man ihm auch mit zwanzig nichts abgewinnen, weil es ein bisschen Lebenserfahrung braucht, weil man erst später weiß, dass es nicht immer so läuft, wie man es sich gewünscht hat.

„Die Liebe im Ernstfall“ ist sehr zeitgemäß, wie nebenbei scheint der Roman abzubilden, wie das Leben ist um die 40, wenn man versucht, Beruf, Beziehung und eventuell noch eine Familie unter einen Hut zu bringen. Wenn Dinge anders laufen, als es geplant war und man reagieren muss. Und Krien erzählt das eben nicht so, dass man zwangsläufig denkt, man habe das alles schon gelesen, sondern auf eine frische, neue Art.

Daniela Krien macht deutlich, wie schwierig Beziehungen sein können, wie sehr sich Wunsch und Wirklichkeit manchmal unterscheiden. Ihre Figuren scheinen direkt aus dem Leben zu kommen. Sie kommen mir echt vor, auch wenn ich nicht mit jeder von ihnen befreundet sein wollte. „Die Liebe im Ernstfall“ ist ein erfrischender, alles andere als oberflächlicher Roman über Frauen irgendwo in der Lebensmitte, die plötzlich feststellen, dass sie nicht mehr ganz jung sind.

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall, Diogenes Verlag, 2019, 288 Seiten

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2 Antworten zu Über schwierige Beziehungen – Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ich will diesen Roman auch sehr bald lesen und bin gespannt darauf, weil es neben Deiner positiven, sehr schönen Besprechung eben auch eher kritische Stimmen gibt. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Ja, das stimmt, ich habe auch gute und kritische Besprechungen gelesen und wusste daher gar nicht, was mich erwartet, aber mich hat der Roman überzeugt. Bin gespannt, in welchem Lager Du sein wirst :) Viele Grüße!

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