Eine ganz gewöhnliche Beziehung – Geir Gulliksen: Geschichte einer Ehe

Eine Ehe ist gescheitert. Das Paar ist schon lange zusammen, sie haben zwei Söhne, sind zufrieden, lassen sich Freiräume. Sie mögen und lieben sich, verstehen sich auch sexuell hervorragend. Und dann irgendwann passiert etwas und die Ehe zerbricht. Darum und um die Frage, wieso dies geschehen ist, geht es in „Geschichte einer Ehe“ des Norwegers Geir Gulliksen.

Erzählt wird aus der Sicht des Ehemannes. Er erzählt, wie es war, als er und seine Frau zusammenkamen. Beide noch recht jung, er verheiratet und mit noch sehr kleiner Tochter. Frau und Kind verließ er für seine neue Liebe, sah sich kaum um, benahm sich gegenüber seiner Familie kalt. Sah nur die neue Frau, mit der er zusammen sein wollte. Wenn er dann davon berichtet, wie seine Exfrau ihm am Ende nur eines mit auf den Weg gab, nämlich den Wunsch, er möge eines Tages genauso verlassen werden wie er sie verlassen habe, dann ahnt man als Leser schon, dass dieser Wunsch im Raum stehen bleiben, über dem Text schweben wird. Und verstehen kann ihn auch, diesen Wunsch der Verlassenen.

Der Klappentext suggeriert, dass wir nun von zwei Sichten auf das Scheitern dieser Ehe lesen werden, dass diese Sichten sich womöglich signifikant unterscheiden werden. Doch wie sich herausstellt, ist die Form dieses kurzen Romans eine andere, und eine, die für meinen Geschmack nicht gut funktioniert: Der Mann erzählt vom Zusammenkommen, vom Zusammensein und von der Trennung – und nimmt dabei immer wieder die Sicht seiner Exfrau ein. Er erzählt also einerseits aus der Ich-Perspektive, schlüpft dann aber immer wieder in die eines allwissenden Erzählers, wenn er ins Innere der Frau schaut, uns erzählt, was sie denkt und fühlt. Diese Form wirkt leider ziemlich künstlich und funktioniert meines Erachtens nicht, weil sie so unorganisch ist.

Leider hat mir „Geschichte einer Ehe“ auch aus anderen Gründen nicht gefallen. Dass der Erzähler kein Sympathieträger ist, macht die Sache nicht einfacher, auch wenn es daran allein nicht liegt. Dennoch, er betont immer wieder, wie sehr er seiner Frau ihre Freiheit wünscht und lässt, wie tolerant er ist – er würde ihr einen Seitensprung zugestehen. Das wiederholt er mehrfach, wie generell Einiges in diesem Roman redundant ist, und das bei gerade einmal 220 Seiten, die noch einmal sehr zusammenschrumpfen würden, wenn man die vielen Wiederholungen herausstreichen würde. Das gilt auch für die vielen Sexszenen, hier wird alles technisch erklärt, minutiös geschildert, wo sich wann welches Körperteil befindet und überhaupt, wie befriedigend der Sex ist (wie gut der Erzähler seine Frau immer befriedigt hat, darauf scheint es vor allem anzukommen), und das immer wieder und nur leicht variiert. An diesen Szenen ist alles aufgesetzt und nicht im Geringsten stimmungsvoll.

So stellt sich nach und nach immer deutlicher heraus, dass diese Ehe, von der der Erzähler immer glaubte, sie sei so außergewöhnlich und die Liebe so groß, eigentlich ziemlich gewöhnlich war. Und auch der schließliche Trennungsgrund ist alles andere als besonders, im Gegenteil. Ich habe aber gar nicht den Eindruck, dass das Buch mir das sagen möchte, eher kommt es mir so vor, als wolle der Erzähler genau das sagen, dass diese Liebe eben doch eine besondere war. Was ihm aber einfach nicht gelingt.

So hat mich Geir Gulliksens Roman ziemlich enttäuscht, und wenn ich bedenke, dass mir das Buch mit seinen 220 Seiten zu lang war, dann spricht das eine deutliche Sprache. „Geschichte einer Ehe“ ist für mich ein ziemlich gewöhnliches, mittelmäßiges Buch über eine ebenso mittelmäßige Ehe, die glaubte, viel mehr zu sein. Wenn überhaupt, dann ist das der einzige Kniff, den der Roman mir zu bieten hat – und das ist zu wenig.

Geir Gulliksen: Geschichte einer Ehe, Luchterhand Verlag, 2019, 224 Seiten

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2 Antworten zu Eine ganz gewöhnliche Beziehung – Geir Gulliksen: Geschichte einer Ehe

  1. marinabuettner schreibt:

    Der Erzähler ging mir schon auf den ersten 50 Seiten so auf die Nerven, dass ich abgebrochen habe. Und verpasst habe ich offenbar nichts.
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Nein, meiner Meinung nach nicht… ich war froh, dass es so dünn war, sonst hätte ich wohl auch abgebrochen… ich fand es wirklich enttäuschend. Viele Grüße!

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