Ganz nach unten – Demian Lienhard: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

Ich bin mir schon beim Titel unsicher: Ist das nun kreativ und originell? Oder eher lahm, abgedroschen, sagt heute ja auch keiner mehr? Okay, die Geschichte spielt in den 80er und 90er Jahren, vielleicht hat man das da ja noch gesagt und fand es nicht lahm, sondern fing damit ein Lebensgefühl ein. Eines, das auch in diesem Roman eingefangen werden sollte? Ich weiß es nicht. Dieses Buch zu lesen, war verwirrend. Es war nicht anstrengend, es war nicht langweilig, es war eher ein immer größer werdendes Fragezeichen, das sich in meinem Kopf breit machte. Es war faszinierend. Was soll das alles? Was will der Autor mir sagen? Okay, er muss mir nichts sagen. Oder, wie der Satz bei Alba vielleicht aussähe: Jedenfalls, er muss mir nichts sagen.

Aber nein, ich werde hier nicht versuchen, den Ton nachzuahmen, der das Buch durchzieht. Das wäre erst recht lahm und es würde mir auch nicht gelingen – was schon mal für den Roman spricht, denn den Ton, den trifft er wirklich, der Autor. Und den hält er durch, und das, ich weiß nicht, ob man es unbedingt betonen muss, obwohl er erstens komplett aus weiblicher Sicht schreibt und zweitens eine Zeit heraufbeschwört, die er nicht selbst erlebt hat. Demian Lienhard ist Jahrgang 1987, wurde also quasi irgendwann zu der Zeit, als seine Geschichte spielt, die er erzählt, geboren.

Seine Protagonistin ist Alba, zu Beginn noch Schülerin. Sie wohnt in einer kleinen Stadt in der Schweiz, die einen einsamen und fragwürdigen Rekord hält: Von einer Hochbrücke in Reichweite der Schule haben sich in dem Jahr, als der Roman beginnt, schon einige Schüler in den Tod gestürzt. 2,08 Sekunden fällt man, bei Windstille. Nun, Alba stürzt sich nicht von dieser Brücke, aber an ihrem Leben scheint sie auch nicht gerade zu hängen. „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ beginnt im Krankenhaus – was sie dort hin gebracht hat, erfahren wir erst nach und nach und eher nebenbei. Und das bleibt so, im Laufe des Romans. Alba erzählt selbst, es gibt nur diese eine Sicht und die ist höchst unzuverlässig. Das lässt sie uns wissen, sie sagt uns, dass sie, wann immer sie ihre Geschichte erzählt, die Dinge verändert, wie es ihr gerade gefällt. Schwer zu sagen, was davon wirklich passiert ist. Und es sind schlimme Erfahrungen, die Alba in ihren jungen Jahren schon gemacht hat – falls genau die schlimmen die sind, die sie sich nicht ausgedacht hat. Die Mutter, die sie vernachlässigt, die Schwester, die bei einem Unfall umkam, der Stiefvater, der daran schuld war… Wer weiß? Alba erzählt so, wie es ihr gerade einfällt. So, wie sie redet, sprunghaft, alles andere als druckreif, umgangssprachlich, doch plötzlich auch sehr bildhaft, und wenn auch meist wie nebenbei, so doch auf eine Art sehr treffend und berührend.

„Ich bin allein, denke ich und drehe mich um. Ich schaue ins leere Zimmer und sehe meinen Schatten, der da gefangen ist in ihm. Er tut mir leid, wie er da an der Raufasertapete hängt und weder ein noch aus weiß, so unendlich leid, dass ich ihn umarme.“ S. 83

Der Roman steht und fällt also mit seiner Erzählerin. Und natürlich mit dem, was sie erzählt, und das driftet plötzlich ab in eine Richtung, die ich so gar nicht erwartet hatte und die ich erst einmal auch nicht mitgehen wollte. Aber ich entscheide das ja nicht, und Alba erzählt fesselnd genug, auf ihre eigene Weise, dass ich ihr eben doch folge. Erheiternd ist das alles nicht, optimistisch auch nicht. Es ist eher der Weg ganz nach unten, der da nachgezeichnet wird.

Lienhard fängt das schlussendlich alles gut ein, er hält seine Perspektive und den besonderen, den widerborstigen Ton, wie es auf dem Buchumschlag sehr treffend heiß, den hält er durch bis zum Schluss. Ich würde ihn gern fragen, wieso er sich ausgerechnet dieses Sujet ausgesucht hat, woher sie kommt, diese Alba, wieso es die 80er und 90er Jahre sein mussten. Fragen, die mir sonst eigentlich nicht in den Sinn kommen, oder zumindest nicht mit dieser Vehemenz. Und vielleicht sind das genau die Fragen, die einen Autor nerven und so stelle ich sie einfach mir selbst. Und dann bemerke ich, wenn ein Roman mich so verwirrt und vor den Kopf stößt, wenn er mich aber auch so mitreißt und mich wenn auch widerwillig völlig in seinen Bann zieht, dann kann er nicht schlecht sein. Vermutlich ist Lienhards Debütroman einer jener Romane, die mir noch lange im Kopf herumschwirren werden – und das ist meistens ein gutes Zeichen. Und jetzt bin ich eigentlich auch nicht mehr unsicher.

„Meine Mutter schnaubt etwas heftiger durch die Nase, als es tatsächlich nottäte, und sagt:
– Jeder, der etwas von deinen Problemen versteht, existiert nur in deinem Kopf.
Und dann sammelt sie meine Glieder zusammen, räumt sie eins ums andere ins Auto und bringt sie weg, um sie wieder zusammenzusetzen und mich.“ S. 244

Demian Lienhard: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat, Frankfurter Verlagsanstalt, 2019, 377 Seiten

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