Der letzte Wille – Vea Kaiser: Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger

„Würde kostet fast achttausend Euro, Lorenz!“, sagte Hedi scharf. S. 150

Würde, die hätte Lorenz, seines Zeichens erfolgloser Schauspieler Anfang 30, gern für seinen soeben gestorbenen Onkel Willi. Doch weder er noch seine Tanten haben so viel Geld, obwohl Willi selbst gespart hatte, damit seine Familie ihm seinen letzten Wunsch erfüllen könnte: Ein Grab in Montenegro, seiner alten Heimat. Das Geld ist weg, Willis Frau Hedi hat es der gemeinsamen Tochter für deren veganen Onlineshop gegeben. Und so beschließen Hedi und ihre ebenfalls betagten Schwestern Wetti und Mirl, dass sie Willis Leichnam einfach selbst überführen. Mit Hilfe eines befreundeten Fleischers frieren sie den Onkel kurzerhand ein, verfrachten ihn dann auf den Beifahrersitz und machen sich auf die lange Autofahrt, immer in der Angst, erwischt zu werden.

So viel zu den Ereignissen in der Gegenwart, die allein wohl einen eher kurzen Roman mit Slapstickelementen ergeben hätten. Einen Roman, der an seiner überdrehten, überkandidelten Idee leicht hätte scheitern können. Zum Glück erfahren wir aber in wohldosierten Rückblenden so ziemlich alles Entscheidende aus der Vergangenheit der Protagonisten. Darüber, warum Hedi einst glaubte, ins Kloster gehen zu müssen, bevor sie später auf Willi traf. Wie die stets perfekt angezogene und herausgeputzte Mirl Schürzenjäger Gottfried kennenlernte, der sich nicht nur für ihr „Popscherl“, sondern vor allem für die anderer Frauen interessierte, während sie sich in Brieffreundschaften zu Gefängnisinsassen flüchtete. Und wir lesen über die Einzelgängerin Wetti, die sich vor allem für Tiere und Pflanzen interessiert und alles erst einmal von der logischen Seite anzugehen versucht, da sie Gefühlen nicht recht traut. Lorenz ist der Sohn des Bruders der drei Frauen, und die Tanten sind der Meinung, dass Sepp ihn viel zu sehr verhätschelt hat, was zu der handfesten Krise, in der der sich gerade befindet, beigetragen hat. Lorenz ist (nicht unverschuldet) vorerst Job und Freundin los und hat also sicher nichts Besseres zu tun, als den Tanten zu helfen, Willis letzten Wunsch zu erfüllen. Die haben zwar alle einmal den Führerschein gemacht, selbst gefahren sind sie aber nie.

„Rückwärtswalzer“ ist skurril und durchaus originell, auch wenn die Idee, einen Toten als lebend auszugeben und ihn durch halb Europa zu kutschieren, erst einmal nicht ausreicht für einen Roman, der nicht nur unterhalten will, sondern auch immer mal wieder leise und ernste Töne anschlägt. Nicht umsonst heißt der Roman im Untertitel: „Die Manen der Familie Prischinger“: Dabei bezieht er sich auf die alten Römer, deren Verstorbene, die Manen eben, im Glauben der Nachkommen immer noch bei ihnen waren, sie als Totengeister beobachtet haben und in gewissem Sinne auch einschreiten konnten, wenn sie es für nötig erachteten. Die drei Prischinger-Schwestern werden, so wird es immer deutlicher, von ihren Toten begleitet auf ihrer Reise durch Europa, und sie verbindet eine Schuld, die sie zusammenschweißt.

Vea Kaisers Stärke ist ganz klar ihre Figurenzeichnung, denn sie schafft es, dass man ihre Helden (und Antihelden) sehr schnell ins Herz schließt. Bestimmte Eigenschaften ihrer Figuren erinnern dabei sicherlich an Menschen, die jeder so oder ähnlich kennt, und dieser Wiedererkennungswert lässt den Leser sich sehr bald heimisch fühlen im Roman. Nicht nur sind sie alle wunderbar menschlich, sondern eben auch ein bisschen skurril, was zu schönen, locker-flockigen, schlagfertigen Dialogen führt. Mir war das manchmal ein bisschen zu gewollt originell, dabei zuweilen auch ein Stück weit vorhersehbar, aber darüber lässt sich leicht hinwegsehen, da Kaiser wunderbar unterhält und auch ihre Konstruktion aufgeht, da sie immer dann die Zeitebene wechselt, wenn es organisch wunderbar in den Lauf der Erzählung passt.

Persönlich hätte ich mir die durchaus vorhandene Tiefe noch ein bisschen ausgereifter gewünscht, geriet der sehr launige Ton mir manchmal einen Hauch zu stark, um das Gleichgewicht zwischen Komik und Trauer perfekt zu machen. Aber ich bin mir sicher, dass andere Leser das anders sehen, dass Kaiser für andere genau die richtige Balance gefunden hat. Letztlich hat Vea Kaiser mich wunderbar unterhalten und auch berührt, und eine Geschichte voller sehr menschlicher Charaktere geschrieben, die alle, auch in fortgeschrittenem Alter, noch etwas lernen und eine Entwicklung durchmachen dürfen. Ein leichter, völlig unseichter Roman, in den man nur zu gern eintaucht und dessen Charaktere man gern begleitet auf ihrer Reise durch Europa und durch all das vergangene Erlebte, an das sie sich auf ihrer Fahrt erinnern. Geschrieben von einer Autorin, deren leidenschaftliche, humorvolle und auch nachdenkliche Art, die ich auf ihrer Buchpräsentation auf der Buchmesse erleben durfte, immer wieder zwischen den Zeilen aufblitzt.

Vea Kaiser: Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger, Kiepenheuer & Witsch, 2019, 432 Seiten

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3 Antworten zu Der letzte Wille – Vea Kaiser: Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger

  1. Bei mir hat sie genau die richtige Mischung aus schräg und tiefsinnig gefunden. Aber ich kann verstehen, dass es für andere zu viel ist. Ich mochte den Roman sehr gerne. :)

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