Am liebsten verschwinden – Ottessa Moshfegh: Eileen

Sympathische Charaktere sind Ottessa Moshfeghs Sache nicht. In ihrem neuesten Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“, der letztes Jahr zu meinen absoluten Highlights gehörte, stand eine junge Frau im Mittelpunkt, die gut aussah, keine Geldprobleme hatte, aber dennoch ständig genervt war und nichts wollte, außer der Welt zu entfliehen, indem sie sich selbst in einen Winterschlaf versetzte. Ein abgefahrenes Buch, das ich nicht müde werde, zu empfehlen.

Auch Eileen, die Hauptfigur aus Moshfeghs zweitem Roman „Eileen“, der 2015 erschien, ist alles andere als eine Sympathieträgerin. Sie ist Mitte 20, unscheinbar und dünn, ungepflegt und voller Selbsthass, völlig ohne Empathie für ihre Mitmenschen. Sie arbeitet in einer Justizvollzugsanstalt für minderjährige Jungen. Es sind die 60er Jahre. Eileen interessiert sich nicht für sie, denkt schlecht von ihren Kolleginnen und auch sonst so ziemlich jedem und sie träumt davon, ihre Arbeit, aber auch ihr zu Hause für immer hinter sich zu lassen. Ihre Mutter ist tot, der Vater Alkoholiker. Mit ihm lebt sie in einem heruntergekommen Haus, versorgt ihn mit Nachschub, lässt sich von ihm quälen und träumt davon, wie er zu Tode kommen könnte. Weitere Träume befassen sich mit dem Wärter Randy aus dem Gefängnis, den sie aus der Ferne anschmachtet und dem sie hinterher spioniert, dem sie aber nie Avancen machen würde, da sie sicher ist, dass er sich nie für sie interessieren würde. Ein ziemlich trostloses Leben also und eine Protagonistin, die man als Leser nur verachten kann – während sie gleichzeitig doch auch irgendwie fasziniert.

Erzählt werden die Geschehnisse aus der Sicht einer längst gealterten Eileen, die von vornherein keinen Zweifel daran lässt, dass am Ende ihrer Ausführungen etwas Schlimmes passieren wird. Die Geschehnisse hängen mit Rebecca zusammen, einer neuen Kollegin Eileens im Jungengefängnis, von der sie fasziniert ist. Von einem Moment auf den anderen ist Randy abgeschrieben und Eileen wünscht sich nur noch, Rebecca nah zu sein, ihre Freundin zu werden. Rebecca schafft es schnell, Eileen zu bezirzen und zu manipulieren – was die gealterte Eileen aus der großen zeitlichen Entfernung nur zu genau beobachtet und an ihrem jungen Ich kaum ein gutes Haar lässt.

Lange dreht sich alles ein wenig im Kreis. Wie in einer Endlosschleife erzählt die alte Eileen uns von ihren Charaktereigenschaften, von ihren sozialen Ängsten, von ihrer Sicht auf andere. Von ihrem Hass auf ihren Körper und seinen Funktionen – bei Moshfegh steht der Körper mit all seinen Funktionen im Fokus, es wird gestunken, es wird menstruiert. Durch die Wiederholungen wird das dicke Ende, das man erwartet, immer weiter hinausgezögert und man wird ungeduldig, vielleicht auch ärgerlich, irgendwann war ich gewillt zu sagen: Ja, das weiß ich, das habe ich schon dreimal gelesen. Natürlich hat diese Art zu erzählen Kalkül. Nicht nur wird hier Spannung erzeugt (was allein etwas billig wäre), vor allem dringen wir als Leser so immer weiter in Eileens Kopf, in ihre Gedanken, in sie. Wir sind angezogen und gleichermaßen abgestoßen.

Dass „Eileen“ kein Wohlfühlbuch ist, dürfte von vornherein klar sein. Moshfegh erzeugt eine deprimierende Stimmung, eine, aus der man sich herauswinden möchte, man möchte nicht Zeuge dessen werden, was da noch passieren wird – und liest doch immer weiter, kann gar nicht anders, als immer weiter zu lesen. Denn was genau wird noch passieren, das Eileens Leben, so viel wird schon früh verraten, so völlig verändern wird? Es muss etwas Ungeheuerliches sein… Ob es das dann auch wirklich ist?

Ich habe mit „Eileen“ gehadert, und die vielen Wiederholungen haben mir einiges an Geduld abverlangt. Inzwischen denke ich, dass Ottessa Moshfegh damit erreicht hat, was sie wollte. „Eileen“ ist kein Krimi, eher ein Psychogramm einer zutiefst verunsicherten jungen Frau, die alles tut, um zu verschwinden (zum Beispiel nimmt sie jede Menge Abführmittel, um dünn zu bleiben) und sich nach Aufmerksamkeit sehnt, während sie doch (fast) alle anderen verachtet und sehr egozentrisch ist. Ein verstörender Roman, der sich sperrt und dem man sich doch nicht entziehen kann. Eine weitere Besprechung findet sich bei Bookster HRO.

 

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2 Antworten zu Am liebsten verschwinden – Ottessa Moshfegh: Eileen

  1. Xeniana schreibt:

    Ein sehr vielschichtiges Buch, fand ich.

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    • letteratura schreibt:

      Durchaus, wobei ich das erst nach und nach bemerkt habe und mir die Wiederholungen durchaus zu schaffen gemacht haben….

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