Die Sterne und der Zufall – Norbert Zähringer: Bis zum Ende der Welt

Gerhard Laska ist schwerkrank und sucht über eine Partnerschaftsagentur nach einer Frau, die ihn in den letzten Wochen oder Monaten seines Lebens begleitet. Um mehr gehe es ihm nicht, so sagt er, er wolle bloß Gesellschaft, und zwar in Portugal, wo er viele Urlaube verbracht hat, früher, in einem anderen Leben. Seine Frau ist lange tot, zu seinem Sohn hat er keinen Kontakt mehr.

So trifft er auf Anna, eine junge ukrainische Studentin, die bei der Partnervermittlung als Hobby angegeben hat, dass sie sich für Astronomie interessiere – die Bedingung, die Laska an seine Begleitung stellt. Anna ist misstrauisch, nicht nur hat sie einige Horrorgeschichten gehört von Frauen, die an alte, widerliche Kerle gerieten, sie hat auch selbst schon einige Erfahrungen gemacht, und zwar einerseits mit Männern an sich, die an ihr stets vor allem ein körperliches Interesse hatten. Andererseits ist sie aber auch von ihrem gewalttätigen Vater und seinen übergriffigen Freunden geflohen, die auf der Suche nach ihr sind und nichts Gutes mit ihr vorhaben, als sie in Berlin Laska kennenlernt.

Norbert Zähringer erzählt in seinem 2012 erschienenen Roman „Bis zum Ende der Welt“ von diesen so unterschiedlichen Menschen, beide ein Stück weit verloren und an einem schwierigen Punkt in ihrem Leben angekommen, wobei es bei Laska um nichts als die eigene Existenz geht. Immer wieder stellt sich die Frage, ob es mit den beiden funktionieren kann. Laska vertraut Anna dabei von Anfang an, lässt sie allein im Haus, als er zum Arzt geht, während Anna lange nur darauf wartet, dass Laska endlich versucht, ihr an die Wäsche zu gehen – sie kann sich einfach nicht vorstellen, dass es ihm nicht darum geht. Für sie ist das alles ein Geschäft. Und wer weiß, vielleicht ist Laska gar nicht krank?

Ein weiterer Handlungsstrang kommt noch hinzu, in dem ein portugiesischer Polizist jemandem eine Geschichte, seine Lebensgeschichte erzählt, lange weiß man hier nicht, wem die Erzählung gilt und worauf sie hinauslaufen wird. Und dann sind da noch die eingeflochtenen Erzählungen von Annas Großvater, Geschichten aus dem Krieg und aus dem Deutschland, in dem sich seine Enkelin jetzt befindet.

All das ist unterhaltsam erzählt und bleibt durch den häufigen Wechsel der verschiedenen Handlungsstränge recht abwechslungsreich, kommt mir aber ein wenig zu zusammengewürfelt daher. Ein bisschen viel, auch Absurdes, hat Zähringer in seinem Roman unterbringen wollen. Dabei verliert er seine Figuren ein wenig aus den Augen, sie bleiben mir ein bisschen zu blass, zu oberflächlich, so dass ich nur halbherzig mit ihnen mitgefiebert habe. Vor allem Anna blieb mir recht fremd, obwohl sie Einiges durchmachen muss und man ihr Misstrauen gut nachvollziehen kann.

Alles ist miteinander verbunden. Und „Bis zum Ende der Welt“ macht deutlich, wie der Zufall uns zusammenführt und was daraus entstehen kann. Ich habe auch gelesen, dass Zähringers Roman mit den drei Hauptfiguren drei Gestirne miteinander in Verbindung setzt, dass er die drei europäischen Kulturen in eine Konstellation setzen möchte. Die Idee gefällt mir zwar, doch muss der Roman nicht auch abseits dieser Interpretation funktionieren? Für sich und aus sich selbst? „Bis zum Ende der Welt“ hat mich über weite Strecken gut unterhalten, wirkt auf mich aber überkonstruiert, was auf Kosten der Figuren und der Geschichte geht. Schade.

Norbert Zähringer: Bis zum Ende der Welt, Rowohlt Verlag, 2012, 272 Seiten

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2 Antworten zu Die Sterne und der Zufall – Norbert Zähringer: Bis zum Ende der Welt

  1. marinabuettner schreibt:

    Zähringer habe ich lange Zeit gerne gelesen. Habe gerade in den ganz neuen Roman hineingeschaut, bin aber nicht gleich warm geworden damit.
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Es war mein erstes Buch von ihm, und eigentlich wollte ich auch sein neues lesen, und dann kam es zu einer Verwechslung :) weiß nun nicht, ob ich ihm noch eine Chance geben soll.

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