Krise – Gunther Geltinger: Benzin

Vinz und Alexander sind schon ca. 20 Jahre ein Paar. Alexander ist Biologe, mit sicherem Job und geregeltem Einkommen, Vinz ist Schriftsteller und sucht nach Inspiration für seinen dritten Roman. Die ersten beiden Romane hatten sie beide und ihre Beziehung zum Thema, es ist das eigene persönliche Leben, das Vinz mehr oder weniger fiktionalisiert verarbeitet. Alles, was zwischen ihnen passiert, wird von ihm wie automatisch daraufhin überprüft, wie es in seine Geschichte passt, wie er die jeweilige Szene abwandeln wird – oft ist das fiktionale Ergebnis sehr nah an der Wirklichkeit.

Vinz und Alexander machen Urlaub in Südafrika. Sie wollen es ganz anders angehen als das befreundete Paar Bernd und Alf, das einen perfekt durchorganisierten Urlaub auf dem Kontinent verbracht hat. Vinz und Alexander wollen sich treiben lassen, sie wollen wirklich etwas von Land und Leuten erfahren, eintauchen in das wirkliche Leben dort. Das andere Paar ist für sie seit jeher Konkurrenz, in allen Bereichen des Lebens und vor allem in Bezug auf ihre Beziehung.

Doch Vinz und Alexander stecken in einer tiefen Krise. Sie haben längst vereinbart, dass ihnen sexuelle Untreue unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist, beide sind bei einer Dating-App angemeldet. Nicht vorgesehen war, dass Vinz sich bei einem seiner Abenteuer verliebt, und zwar in Manuel, der deutlich jünger ist als Vinz und Alexander, und seinerseits auf der Suche nach einer festen Beziehung. Vinz und Alexander glauben, dass sie ihre Krise meistern werden, doch Manuel schwirrt ununterbrochen in Vinz’ Kopf herum. Als Leser kommen wir vor allem an Vinz sehr nah, denn aus seiner Sicht wird der Roman erzählt. Und Manuel ist immer mit dabei in ihrem Urlaub: über Vinz’ Smartphone in seiner Hosentasche.

Eine schwierige Ausgangssituation, in der die beiden sich befinden zu Beginn von Gunther Geltingers Roman „Benzin“. Und es wird noch schwieriger, als sie, kaum in Afrika angekommen, einen jungen Schwarzen nachts auf der Straße anfahren. Sie sind verunsichert, so viel haben sie gehört und gelesen von Fallen und Tricks, von Menschen, die in Hühnerblut auf der Straße liegen und deren Komplizen aus dem Gebüsch springen und die ahnungslosen Urlauber überfallen, sobald diese anhalten, um dem Verletzten zu Hilfe zu eilen. Unami, so heißt der Fremde, ist für Vinz und Alexander undurchschaubar. Er sei aus Simbabwe geflohen, sagt er, er wolle heiraten, er müsse dringend seine Familie sehen. Vinz und Alexander glauben, Unami helfen zu müssen. Die Beziehungskrise schwelt im Hintergrund weiter, belastet wird das Verhältnis zwischen den beiden zusätzlich, weil sie sich als Brüder ausgeben, ihre Homosexualität und ihren Paarstatus verleugnen in einem Land, in dem nicht absehbar ist, was mit ihnen passieren könnte, würden sie ihre Beziehung offen zeigen.

„Benzin“ ist ein sehr dichter Roman. Nicht nur ist er thematisch durchaus ambitioniert, denn Geltinger schafft ein großes Konfliktpotential, wenn er die Krise seiner beiden Hauptfiguren an einem Ort und mit der besagten erst einmal undurchsichtigen Begegnung ihren Höhepunkt erleben lässt, was allein schon genug Futter für einen ganzen Roman hergegeben hätte. Vinz und Alexander sind in mehrfacher Hinsicht „fremd“, sie sind (versteckt) homosexuell, aber vor allem weiß und wohlhabend – schließlich können sie sich diese Reise überhaupt leisten. Rassismus ist immer wieder Thema, auch für Vinz und Alexander selbst, die sich stets prüfen auf das, was sie sagen und tun. Mehrmals ist auch unklar, ob sie sich in Gefahr begeben und wem sie trauen können. Vinz will außerdem neben all den Beziehungsproblemen und seiner Sehnsucht nach Manuel an seinem Buch weiterschreiben. Es ist also kompliziert.

Dicht ist „Benzin“ vor allem auch sprachlich. Geltinger schafft immer wieder überzeugende Bilder, und vor allem hat es mich begeistert, wie sinnlich sein Roman ist, wie deutlich man als Leser alles spürt, was es da überhaupt zu spüren gibt. Wie sehr man die flirrende Hitze mitzuempfinden meint, Gerüche und Geschmäcker zu riechen und zu schmecken glaubt. Ich habe das selten so intensiv in einem Roman erlebt. Immer wieder hatte ich das Gefühl, mit Alexander, Vinz und Umani im Auto zu sitzen.

„Benzin“ ist komplex, und die Art Geltingers, zu schreiben, die für einen ungeheuren Sog bei der Lektüre sorgte, verlangt durchaus einen langen Atem und äußerste Konzentration. Aber es lohnt sich sehr. Seine teils verschachtelten Sätze fügen sich immer zu einem logischen Ganzen, seine Sprache trifft stets auf den Punkt. Zuweilen hat der Roman mich kurz verwirrt, wusste ich nicht gleich zu sagen, wo und wann ich mich befinde – Rückblenden runden das Bild der Beziehung von Vinz und Alexander ab. Doch „Benzin“ ist ungeheuer fesselnd und klug, ein Roman, der mich sehr fasziniert hat. Und ein Buch für die Liste meiner Highlights des Jahres 2019.

Gunther Geltinger: Benzin, Suhrkamp Verlag, 2019, 377 Seiten

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3 Antworten zu Krise – Gunther Geltinger: Benzin

  1. Bookster HRO schreibt:

    Hab ich auch gerade am Wickel und muss zugeben, dass ich da nur sehr schwer reinkomme. Die Sprache ist, wie Du schon sagst, sehr dicht; ich muss mich echt konzentrieren, um am Ball zu bleiben. Bin aber erst auf Seite 50, das wird schon noch…
    Beste Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Ich kann das sehr gut nachvollziehen, und ich war auch wirklich immer mal wieder etwas verwirrt, aber ich fand es so lohnend, weil alles so ungeheuer plastisch war und ich die Sprache so treffend fand. Bin gespannt, ob es bei Dir noch besser wird… Viele Grüße zurück!

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