Bleiben, kämpfen oder gehen – Miriam Toews: Die Aussprache

48 Stunden. 48 Stunden haben die acht Frauen Zeit, die in Miriam Toews‘ Roman „Die Aussprache“ im Mittelpunkt stehen. In diesen 48 Stunden sind sie allein in der mennonitischen Gemeinde, in der sie leben, und das ist ungewöhnlich. Es ist eine Gemeinde, in der sehr patriarchale Strukturen herrschen, in der sie keine Stimme haben, in der absoluter Gehorsam von ihnen verlangt wird. Die Männer sind in der Stadt, denn einige von ihnen wurden der Vergewaltigung angeklagt. Nachts haben sie die eigenen Frauen, Schwestern und Kinder betäubt, gefesselt und vergewaltigt. Zunächst einmal wurde den Frauen nicht geglaubt, vielmehr tat man es ab, als sie davon berichteten, geblutet zu haben, Spuren von Fesseln an Hand- und Fußgelenken zu haben. Morgens wachten sie ohne Erinnerung an das, was nachts geschehen war, auf. Sie seien vermutlich von Dämonen besessen, von Gott bestraft worden für unreine Gedanken, so sagte man ihnen. Bis irgendwann zwei der Vergewaltiger auf frischer Tat ertappt wurden. Auch dann noch wollte man die Geschehnisse am liebsten unter den Teppich kehren, doch eine der Frauen ging schließlich voller Wut und Hass auf einen der Angreifer los, die Polizei wurde eingeschaltet. Nun sind die beschuldigten Männer in Haft, und die anderen Männer sind losgezogen, um für sie die Kaution zu hinterlegen.

Wenn sie wiederkommen, müssen die Frauen eine Entscheidung getroffen haben: Sollen sie bleiben, kämpfen oder gehen? Wenn man liest, was den Frauen und Mädchen widerfahren ist, stellt sich natürlich unwillkürlich die Frage, was es da zu überlegen gibt. „Geht weg, so schnell und so weit ihr könnt!“ will man den Frauen zurufen. Doch so einfach ist das nicht. Und 48 Stunden sind eine kurze Zeit, um über die eigene Zukunft (und die seiner Kinder) zu entscheiden.

Die mennonitische Gemeinde, in der „Die Aussprache“ spielt, ist eine sehr konservative – konservativer und strikter noch in ihren Regeln, als jene, in der die Autorin Miriam Toews selbst aufgewachsen ist. Sie weiß also sehr gut, wovon sie schreibt. Die Frauen in ihrem Roman können nicht lesen und schreiben, Gehorsam ist für sie oberstes Prinzip, ihre Aufgaben sind ausschließlich innerhalb des sehr begrenzten Lebensraums zu finden – des einzigen Lebensraums, den sie überhaupt kennen. Vor allem aber ist ihnen ihr Glaube wichtig. Und der besagt, dass sie nicht nur den Männern vergeben müssen, damit diese nach ihrem Tod in den Himmel kommen, nein, auch sie selbst haben nur dann Aussicht auf das Ewige Leben, wenn sie ihnen verzeihen. Das ist für sie ein großes Problem, das sie lösen müssen. Denn können sie das überhaupt, verzeihen? Und dies nicht nur sagen, sondern tief empfinden? Klingt sehr schwierig, wenn nicht unmöglich.

Miriam Toews lässt uns dabei sein bei dieser „Aussprache“ unter den Frauen. Sie kommen aus zwei Familien, sind aber alle miteinander verwandt und verschwägert, und es sind Frauen aus drei Generationen dabei. Protokolliert wird die Sitzung von einem Mann, der eine Art Außenseiter ist: August kennt auch das Leben außerhalb der Gemeinde, er wuchs dort auf, verließ sie dann aber mit seinen Eltern und ist nun zurückgekehrt. Er soll alles, was die Frauen besprechen, aufschreiben – sie selbst können das ja nicht. Es ist nicht erwünscht, dass er sich einmischt, eigentlich sollen die Frauen ihn gar nicht beachten, und es ist auch deutlich, dass sie in ihm keinen „vollwertigen“ Mann sehen, denn er ist schließlich nicht wie die Männer, die sie kennen. Es ist so bezeichnend wie traurig, dass sie vor August weniger Achtung haben, vor ihm, der sie im Gegensatz zu den anderen Männern nicht behandelt wie Menschen zweiter Klasse. August ist die Figur dazwischen, einer, der dazugehört und auch wieder nicht.

Toews gelingt es sehr gut, zu zeigen, wie schwierig die Entscheidung für die Frauen ist, eine Entscheidung, die für uns Außenstehende ganz klar zu sein scheint. Es ist eine seltsame Mischung, die da zum Vorschein kommt, ein Hinnehmen der ganzen Situation und eine merkwürdige Akzeptanz dessen, was man ihnen angetan hat, einerseits und ein teils großer Hass auf die Täter andererseits. Es gibt Momente bei der Lektüre, in denen die Frauen so distanziert und wie abgeklärt von den Taten sprechen, dass man kurz vergisst, wie ungeheuerlich diese waren. Sie gehen ihr Problem aber auch betont sachlich an: Vor- und Nachteile jeder Option werden durchgesprochen und mehr oder weniger nüchtern abgewogen. Natürlich gibt es dabei immer wieder Ausbrüche, und dann ist alles wieder da, und man kann es erneut nicht glauben.

Es ist aber auch wohltuend, zu lesen, wie die Frauen sich ein Stück weit emanzipieren, wie sie beginnen, die Rollenmuster in Frage zu stellen – wenn dies auch nur ein zaghafter Anfang sein kann. Wie es trotz aller Versuche nicht funktioniert hat, die Frauen mundtot zu machen. Wie sie, die natürlich ganz unterschiedliche Charaktere sind, diskutieren, um am Ende zu einer demokratischen Entscheidung zu kommen.

Es ist nicht so einfach, eine Gemeinschaft, in die man hineingeboren wurde, einfach so zu verlassen. Wenn man die Welt da draußen nicht kennt, dort auf sich gestellt sein wird, wenn man nicht lesen und schreiben kann. Wenn man seine Kinder (je nach Alter) vielleicht zurücklassen muss, denn auch das spielt in die Entscheidung mit hinein. Wenn man einen festen Glauben hat, der einem wichtig ist, wenn man die Regeln dieses Glaubens und der Gemeinschaft verinnerlicht hat. Miriam Toews betont das in diesem lesens- bzw. hörenswerten Interview auf Deutschlandfunk Kultur: Die Entscheidung, zu gehen, muss von den Frauen selbst kommen.

„Die Aussprache“ ist ein gelungener Roman über diese Frauen und einen Akt der Emanzipation, eindringlich, aufrüttelnd und oft in seiner Unmittelbarkeit und gleichzeitigen Beiläufigkeit schockierend. Es ist die literarische Verarbeitung eines wahren Falls, der sich in einer Mennonitengemeinde in Bolivien ereignete. Die Männer dort wurden zu 25 Jahren Haft verurteilt. Wie die Frauen in Toews’ Roman sich am Ende entscheiden, wird hier nicht verraten.

Miriam Toews: Die Aussprache, Hoffmann & Campe, 2019, 256 Seiten

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Bleiben, kämpfen oder gehen – Miriam Toews: Die Aussprache

  1. marinabuettner schreibt:

    Habe gerade einen Film über die Gemeinschaft „Colonia Dignidad“ in Chile gesehen. Da ging es ganz ähnlich zu unter einem ein christliches Deckmäntelchen tragenden, Gott spielenden Mann. Das erinnert ein wenig an das Szenario. Furchtbar.

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ja, das ist es wirklich. Hier liegt der Fokus sehr stark auf den Frauen, und wie sie damit umgehen, und das Verbrechen wird nicht ausführlich auserzählt, aber das muss es auch nicht. Es ist auch wirklich eine fremde Welt, in die man sich nur schwer hineinversetzen kann. Es muss ungeheuer schwer sein, sich da herauszulösen, auch, nachdem einem so etwas passiert ist.

      Gefällt 2 Personen

Kommentare sind geschlossen.