Das einfache Leben – Kent Haruf: Abendrot

Vor etwas mehr als einem Jahr las und besprach ich Kent Harufs Roman „Lied der Weite“, einen von insgesamt sechs Romanen des Autors, die angesiedelt sind in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado. Kent Haruf starb 2014. Von seinen Romanen hat der Diogenes Verlag nunmehr drei neu herausgebracht.

Bei erneuter Lektüre meiner Besprechung vom Januar 2018 stellte ich fest, dass alles, was ich damals zu „Lied der Weite“ schrieb, genauso auf „Abendrot“ zutrifft. Ich hätte es mir einfach machen und die Rezension zu großen Teilen kopieren können. Ist der spätere Roman also kein Abklatsch? Fällt er gegenüber dem Vorgänger nicht ab? Keinesfalls.

„Abendrot“ ist eine Fortsetzung zu „Lied der Weite“, so dass es sich tatsächlich lohnt, hier chronologisch zu lesen. Die Handlung setzt ca. zwei Jahre nach dem Ende des Vorgängers ein, und wir treffen einige alte Bekannte wieder. Allen voran die McPheron-Brüder, Harold und Raymond, die damals die minderjährige Schwangere Viktoria bei sich auf dem Hof aufnahmen. Eine zunächst merkwürdig wirkende Konstellation, die im Ort wohl auch interessiert beäugt wurde, und die Brüder taten sich anfangs schwer im Kontakt mit dem jungen Mädchen. Inzwischen ist Viktoria Mutter einer kleinen Tochter und zieht ins College. Mit Raymond und Harold bleibt sie in Kontakt, für alle ist die Begegnung miteinander eine Bereicherung, und sie möchten sie nicht mehr missen. Vor allem Harold und Raymond empfinden das Haus ohne Viktoria als leer und tun sich zunächst schwer, den Alltag ohne sie zu meistern.

Andere Figuren aus „Lied der Weite“ begegnen uns ebenfalls wieder, wobei diese oftmals eher auf Nebenschausplätzen auftreten, während auch ganz neue Charaktere auftauchen. Vor allem sind da Betty und Luther mit ihren beiden kleinen Kindern, die am Existenzminimum leben und Schwierigkeiten haben, den Alltag zu bewältigen. Daher werden sie betreut von Rose, einer Sozialarbeiterin, die mit den beiden Pläne erstellt, sie an Termine erinnert und alles tut, damit sie ihre Kinder behalten können, denn dies ist nicht gesichert. Das gelingt einigermaßen, bis Bettys Onkel Hoyt auftaucht, ein gewalttätiger Choleriker, dem Betty und Luther nicht gewachsen sind. Außerdem ist da noch der junge DJ, der nach dem Tod seiner Mutter bei seinem Großvater lebt, sich viel erwachsener gibt, als er ist, und auch ein bisschen einsam – wie so viele in Holt.

Haruf erzählt vom Leben dieser Menschen, und er tut das mit der gleichen Behutsamkeit und Liebe zu seinen Figuren, die mich schon bei „Lied der Weite“ völlig in ihren Bann gezogen und für sich eingenommen hat. Es sind meist einfache, pragmatische Menschen, die vor allem deshalb so enorm liebenswert sind, weil sie so geradeheraus sind, weil sie größtenteils zu ihren Schwächen stehen, und weil sie niemals aufgeben. Wieder ist Harufs Roman wie ein großes Plädoyer dafür, für andere einzustehen, sich gegenseitig zu helfen und vor allem, egal in welchem Alter, immer offen für Neues zu sein. Für Begegnungen, Freundschaften und Beziehungen. Haruf erzählt das alles mit einer ungeheuren Leichtigkeit, einem leisen Humor und nur vermeintlich einfach, denn all das hat auch eine große Tiefe und ist immer von einer großen Lebensweisheit. Das macht ihn zu einem großen Schriftsteller.

Harufs Figuren sind alles in allem einfach ungeheuer menschlich, was vielleicht das Geheimnis seines Erfolgs ist. Hier kann sich jeder wieder finden. Bei Haruf gibt es keine oder kaum Knalleffekte, es gibt einfach nur Menschen mit Ecken und Kanten, in einem Kosmos, der wahrscheinlich jedem ein bisschen bekannt vorkommt. Und vor allem mit Hoffnung und einer großen Liebe zum Leben, bei aller Melancholie, die sich immer wieder einschleicht. Harufs Bücher sind leise, aber eindringlich und sehr, sehr lesenswert. Auf dem Feinen Buchstoff gibt es eine weitere, begeisterte Besprechung.

Kent Haruf: Abendrot, Diogenes Verlag, 2019, 416 Seiten

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7 Antworten zu Das einfache Leben – Kent Haruf: Abendrot

  1. thursdaynext schreibt:

    Ging mir ebenso, tiefenentspannte wunderbare Literatur, schön, dass sie wiederaufgelegt wurden.

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    • letteratura schreibt:

      Ja, schade, dass die Anzahl seiner Bücher begrenzt ist und keine neuen mehr nachkommen werden…

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      • thursdaynext schreibt:

        Endloser Genuß wäre auch öde … ;) Ganz ehrlich, ich bange auch um heißverehrte, geliebte ältere Autoren, wie John Irving und George R.R. Martin dessen Reihe noch das ENDE fehlt. Bei Haruf ist der Fisch geputzt, das lässt mich emotional stabiler zurück.

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      • letteratura schreibt:

        Der Fisch geputzt? Das hab ich ja noch nie gehört! Ja, da ist natürlich was dran, aber es gibt schon Autoren, wo ich es bedauere, dass sie nicht mehr ganz die Jüngsten sind… Ondaatje zum Beispiel, den ich ja für mich entdeckt habe und der auch kein Vielschreiber ist… Ich hoffe, von ihm kommt noch Einiges. Und von Haruf fehlen ja auch noch ein paar Romane. LG

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      • thursdaynext schreibt:

        Das ist schwäbisch: „Der Fisch isch butzt“ will sagen hat sich erledigt. Nach so vielen Jahren im Ländle verfall ich doch auch mal ins Idiom des sozialen Umfelds😉
        Haruf werde ich mir auch nach und nach gönnen, dieser hier ist schon auf der Stabi Merkliste.

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  2. buchuhu schreibt:

    Klingt nach einem Autor, den ich gerne für mich entdecken würde.

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