Das Bewusstsein des Anderen – Peter Høeg: Durch deine Augen

Peters Pflegebruder Simon hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Die beiden sind zusammen aufgewachsen, inzwischen um die 40, beide sind geschieden. Peter möchte seinem Freund helfen und trifft dabei zufällig auf Lisa, die eine Klinik leitet, in der psychisch Kranken, Missbrauchsopfern, Versehrten aller Art geholfen wird. Sie arbeitet dort mit Scannern, die Hologramme der Patienten erstellen. Auf diese Art kann der Therapeut oder die Therapeutin selbst in das Bewusstsein des Patienten eindringen und das erleben, was dieser erlebt hat. Die Patienten sollen so in Verbindung mit anderen treten. Lisa glaubt, dass man den Schmerz zulassen und erleben muss, um eine Chance zu haben, ihn zu überwinden. Sie weiß auch, dass sie nicht allen helfen kann.

Peter, Lisa und Simon kennen sich aus dem Kindergarten, woran sich Lisa jedoch nicht erinnert. Ihre Eltern starben, als sie sieben war, und alle Erinnerungen an die Zeit davor sind aus ihrem Gedächtnis getilgt. Peter erzählt Lisa detailliert, an was er sich aus der gemeinsamen Kindheit erinnern kann. Sie beide und Simon nannten sich „Der Club der schlaflosen Kinder“, denen ausnahmsweise erlaubt war, im Kindergarten keinen Mittagsschlaf zu halten, weil sie keinen Schlaf fanden. Es sind besondere Erinnerungen, die Peter teilt. Erinnerungen daran, wie die drei Freunde Träume anderer Kinder besuchten, um ihnen zu helfen, oder um schlimme Ereignisse abzuwenden. Die Grenzen zwischen Realität und Traum, bzw. zwischen verschiedenen Realitäten verschwimmen in diesen Rückblenden.

„Durch deine Augen“, der neue Roman des dänischen Bestsellerautors Peter Høeg, ist ein schwer greifbares, ein schwer zu fassendes Buch, eines, über das zu schreiben nicht ganz einfach ist. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Da ist die Zeit, als Peter, Lisa, Simon und Simons Schwester Maria, die ebenfalls in den Kindheitserlebnissen eine Rolle spielt, sehr klein waren, und die Ebene ca. 30 Jahre später, als Peter und Lisa sich wieder treffen und neu kennen lernen. Peter, weil er Lisa nun als Erwachsene kennenlernt, Lisa, weil sie in Peter nichts Anderes als einen Fremden sehen kann. Äußere Ereignisse sowie kleinere Hinweise im Roman lassen darauf schließen, dass die Ereignisse in der Kindheit ca. Anfang der 60er Jahre angesiedelt sein müssen und die spätere Zeitebene in den 90er Jahren liegt. Die futuristisch wirkenden Beschreibungen der Scanneranlage in Lisas Klinik, die Geheimniskrämerei darum und die hohen Sicherheitsvorkehrungen lassen diese wie ein dystopisches Element wirken, das allerdings für den Leser bereits lange in der Vergangenheit liegt.

Høeg entfaltet seine Geschichte behutsam und geduldig, erzählt oft in einfachen, klaren Sätzen, so dass sich nicht immer gleich alles entwirren und verstehen lässt. Oftmals wiederholt er, was wichtig erscheint. Obwohl Høeg mehrfach erläutert, wie Lisa und Peter in der Klinik gemeinsam Patienten scannen – denn Peter ist schon bald sehr häufig bei Lisas Arbeit dabei bzw. mittendrin – ist dennoch nicht leicht zu verstehen, was genau dort eigentlich passiert. Høeg verwirrt mich von Zeit zu Zeit, fasziniert mich aber im gleichen Maße. Denn wie Peter das Bewusstsein von Lisas Patienten dann betritt und dort erlebt bzw. mitfühlt, was diesen widerfahren ist, das ist so plastisch und überzeugend geschildert, dass man es fast am eigenen Leib spürt.

Dabei umkreist Høeg große Fragen, die sich tatsächlich nicht so einfach beantworten lassen: Was ist das überhaupt, das Bewusstsein, in das Lisa und Peter so einfach bei anderen eindringen können – und zwar sowohl als Kinder als auch als Erwachsene, nur eben mit anderen Mitteln? Und da er auch nicht mit großem Leid hinterm Berg hält – wir lesen von Missbrauch in seinen schlimmsten Formen, von Menschen, denen so viel angetan wurde, dass es unwahrscheinlich ist, dass sie je ein „normales“ Leben werden führen können – stellt sich immer wieder auch die Frage, ob Hilfe manchmal nicht einfach unmöglich ist. Lisa weiß das, doch sie versucht es trotzdem.

Auch Lisa und Peter sind Versehrte; an ihnen zeigt sich, dass wohl jeder, im Kleinen oder Größeren, eine Last mit sich herumträgt. Lisa hat nicht nur im Alter von sieben Jahren ihre Adoptiveltern verloren, sie hat schon zuvor einmal ihre Eltern verloren, als sie sie, aus welchen Gründen auch immer, zur Adoption freigaben. Und Simon, der Freund und Pflegebruder, der Lisa und Peter eigentlich überhaupt erst wieder zusammengeführt hat? Auch er wurde einst so tief verwundet, dass er im Suizid die einzige Lösung sieht.

„Durch deine Augen“ ist zutiefst melancholisch, immer ein wenig verwirrend, und obwohl Høegs Protagonisten sich gegenseitig und damit auch dem Leser immer wieder ihre Erkenntnisse erläutern, ist mir nicht ganz klar, welche Absicht der Autor mit seinem Roman verfolgt. Manchmal stört mich das, bzw. fehlt mir das, hier fügt sich alles schlüssig zusammen. Im Feuilleton wird kritisiert, dass sich einige Allgemeinplätze und Banalitäten finden im Roman, was man bei genauerer Prüfung durchaus so sehen kann, einige Aussagen bezüglich männlich-weiblichen Klischees fielen zumindest auf. Womöglich ist zumindest eine Offenheit für Surreales, wenn schon nicht Übernatürliches vonnöten, um an „Durch deine Augen“ seine Freude zu haben – obwohl Peter und Lisa das Erlebte niemals als surreal oder übernatürlich empfinden oder es überhaupt so dargestellt wird. Høegs Roman schert sich nicht um Erwartungen, ist mutig und scheut sich nicht, in tiefe Abgründe zu blicken. Für mich trotz einiger offen gebliebener Fragen einer der Romane in diesem Frühling, die mir mit Sicherheit positiv im Gedächtnis bleiben werden.

Peter Høeg: Durch deine Augen, Hanser Verlag, 2019, 336 Seiten

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