Reise in ein neues Leben – Michael Ondaatje: Katzentisch

Obwohl mir Michael Ondaatje seit seinem Welterfolg „Der englische Patient“, vor allem durch die ebenfalls erfolgreiche Verfilmung von Anthony Minghella aus dem Jahr 1996 ein Begriff ist, bin ich erst im letzten Jahr durch seinen neuesten Roman „Kriegslicht“ wirklich mit seinem Werk in Kontakt gekommen. Im Nachhinein lässt sich kaum noch sagen, wieso, vermutlich liegt es einfach an den Themen, denen sich Ondaatje widmet, und die mich nicht ganz bewusst damals einfach weniger ansprachen als andere. Zum Glück können sich Lesevorlieben ändern. Heute frage ich mich, wieso ich nicht viel früher etwas von ihm gelesen habe und bin andererseits froh, dass ich noch einige Romane vor mir habe, bevor ich mit seinem Werk durch bin. Ondaatje ist kein Vielschreiber, zwischen seinen Werken liegen stets mehrere Jahre. Doch das Warten lohnt sich ganz offenbar. Und ich hoffe, dass Ondaatje noch viele weitere Romane schreiben wird.

„Katzentisch“, der Vorgänger von „Kriegslicht“ erschien 2011 (deutsch 2012) und lässt zwangsläufig an die Biographie des Autors denken, der als kleiner Junge von Sri Lanka nach England kam, wo er einige Jahre lebte, bevor er nach Kanada auswanderte. Dort lebt er heute noch. Ondaatje schreibt, dass es sich keineswegs um ein autobiographisches Buch handle, dennoch liegt der Verdacht nahe, dass selbst Erlebtes, in welcher Form auch immer, in den Roman gefunden haben könnten.

Der Katzentisch, das ist der Tisch an Bord des Schiffes, auf dem der Ich-Erzähler in drei Wochen von Colombo nach Großbritannien reist, um dort seine Mutter zu treffen, die er mehrere Jahre nicht gesehen hat. Der Tisch ist so weit wie überhaupt möglich von dem des Kapitäns entfernt und an ihm sitzen weitere Kinder, aber auch ein paar Erwachsene. Michael reist allein, lediglich einer entfernten Verwandten, die ebenfalls auf dem Schiff ist, wurde aufgetragen, ein Auge auf ihn zu haben, allerdings ist sie letztlich zu sehr mit ihren Kartenspielen beschäftigt. Der Held findet in zwei Gleichaltrigen schnell Freunde, mit denen er aus kindlicher Perspektive die Ereignisse auf dem Schiff beobachtet, vor allem natürlich das Treiben der Erwachsenen. Dabei verstehen sie nicht alles, was unter diesen vor sich geht und reimen sich teilweise eigene Geschichten zusammen.

Ondaatje hat ein großes Talent für das Schreiben aus kindlicher Perspektive, das zeigte sich auch in „Kriegslicht“. Der Blick ist dabei stets naiv und kindlich, aber auch voller Phantasie und keinesfalls dumm. Es fließen dabei stets das Wissen und die Erfahrung des Erwachsenen mit ein, der der kleine Junge längst ist, und der aus großer zeitlicher Entfernung von der Reise berichtet – ohne dass der besondere Zauber dieser Zeit verloren ginge. In der Erinnerung wird die Reise surreal, es wurde kein großes Aufhebens darum gemacht, dass Michael größtenteils auf sich gestellt sein würde. Regeln sind außer Kraft gesetzt, alles ist etwas unwirklich – ein bisschen so wie die großen Ferien, in denen man sich als Kind so grenzenlos frei fühlte und die versprachen, endlos zu sein. Dabei sind es nur drei Wochen auf dem Schiff, drei Wochen, die Michael und seinen Freunden viel länger vorkommen müssen, prägende Wochen für ihr ganzes Leben. Für sie ist es aufregend, doch können sie nicht wirklich ermessen, wie groß der Schritt ist, den sie gerade gehen, denn sie verlassen Sri Lanka wahrscheinlich für immer, es ist nicht vorgesehen, dass sie zurückkehren.

Ondaatje fügt seinem Roman denn auch eine weitere Ebene hinzu, wenn er von seinem Helden im Erwachsenenalter erzählt, von seinem späteren Leben in der Fremde. Davon, wie es auch mit seinen Freunden weiterging, vom Kontakt zwischen ihnen. Und immer schwebt über ihnen das Gefühl von Entwurzelung, die Frage nach Herkunft und Heimat, danach, wo Michael eigentlich hingehört. Sie schwebt über allem und prägt sein Handeln, ob er es will oder nicht, ob es ihm bewusst ist, oder nicht. Ondaatje gab seinem Helden seinen eigenen Namen, man kann gar nicht anders, als ihn selbst in ihm zu sehen.

Ondaatje erzählt das einerseits mit einer großen Behutsamkeit und Liebe zu seinen Figuren, andererseits mit einer Einfachheit, die beim Lesen nicht gleich spüren lässt, wie klug dieser Erzähler seine Geschichte zu erzählen weiß, die einen dann ganz plötzlich ins Mark trifft und die Tränen in die Augen treibt. Ondaatjes Geschichten hallen nach. Er ist ein ganz wunderbarer Erzähler.

Michael Ondaatje: Katzentisch, dtv Taschenbuch Verlag, 2014, 304 Seiten

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4 Antworten zu Reise in ein neues Leben – Michael Ondaatje: Katzentisch

  1. Christiane schreibt:

    Wie schön, du hast weitergelesen! Wenn du konsequent rückwärts liest, käme jetzt „Divisadero“ dran, oder?
    Ich gebe dir nach wie vor uneingeschränkt recht: Ondaatje ist ein großartiger Erzähler!
    Liebe Grüße
    Christiane, die von Katzentisch auch das Hörbuch empfehlen kann

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    • letteratura schreibt:

      Ja, das fehlt auf jeden Fall noch. Wird aber wahrscheinlich noch dauern, gerade warten doch sehr viele Neuheiten auf mich… viele Grüße!

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  2. Constanze Matthes schreibt:

    Das habe ich sehr gern gelesen. Es hat mir sogar besser gefallen als das aktuelle Buch „Kriegslicht“. Vielleicht auch weil ich Schiffsgeschichten generell sehr mag. Schön, dass Du noch einmal an dieses Buch erinnerst. Viele Grüße

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