Fremde Heimat Algerien – Alice Zeniter: Die Kunst zu verlieren

Naïma lebt ganz selbstverständlich das Leben einer jungen Französin in Frankreich, arbeitet in einer Galerie, hat eine Affäre mit ihrem Chef und hat mit Algerien, der Heimat ihres Vaters und ihrer Großeltern, nichts weiter zu tun. Ja, ihr Aussehen ist das einer Araberin, bzw. zeugt zumindest von arabischen Wurzeln, doch Algerien hat Naïma nie gesehen. Als sie und ihre drei Schwestern klein waren, sprach ihr Vater Hamid immer wieder davon, das Land einmal zu bereisen, wenn die Töchter älter wären, doch nachdem ein Cousin in Algerien schließlich gewaltsam umkam, wurde dieser Plan verworfen und nie mehr in Erwägung gezogen. Es sei für die Familie dort zu gefährlich.

Hamid selbst kam mit seinen Eltern und Geschwistern nach Frankreich, als er noch klein war. Sein Vater Ali war ein so genannter „Harki“, einer, der zunächst an französischer Seite im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte, später aber im Zuge der Unabhängigkeit Algeriens zwischen den Fronten zerrieben wurde und vielen als Verräter galt. Und so schließlich in Algerien nicht mehr sicher war.

„Die Kunst zu verlieren“, der fünfte Roman Alice Zeniters, einer französischen Autorin, die mit ihrer Hauptfigur die Abstammung von den Harkis gemeinsam hat, gewährt tiefe Einblicke in diese Familie und ihre Geschichte über drei Generationen hinweg. Obwohl die Geschichte von vornherein von Naïma ausgeht, sie in den ausführlichen Schilderungen der Zeit vor ihrer Geburt immer wieder erwähnt und mit den Geschehnissen in Beziehung gesetzt wird, versetzt der Roman uns zunächst zurück zu Ali, Naïmas Großvater, zu seiner ersten und zweiten Ehe, bevor er schließlich Yema heiraten wird, die uns bis in die letzten Seiten des umfangreichen Romans begleiten wird.

Zeniter erzählt dabei in treffender Sprache, voller überzeugender Vergleiche und Bilder und stets sehr lebendig und atmosphärisch dicht von diesen Figuren, denen man bei der Lektüre sehr nah kommt. Psychologisch ausgefeilt ist das und immer auf den Punkt, wenn sie aufzeigt, wie Ali und Yema in Frankreich alles andere als willkommen geheißen werden, sie durch harte Arbeit versuchen, ihren Kindern ein gutes Leben zu bieten, selbst aber nie wirklich in Frankreich ankommen. Wie Hamid, Alis Sohn und später Naïmas Vater, alles tut, um die Herkunft seiner Familie abzuschütteln, Algerien aus seinen Gedanken und Gefühlen zu verdammen versucht. Und wie schließlich Naïma, die Algerien nur aus den Erzählungen der Großmutter kennt, feststellen muss, dass es ein ganz persönliches, kleines Stück Algerien ist, das ihr da immer beschrieben wurde und dass sie eigentlich keine Ahnung hat, was dieses Land ausmacht, das doch das ihrer Vorfahren ist. Und das sie schließlich selbst bereisen wird.

Alice Zeniter erzählt das alles eindrücklich und eindringlich und mit einem sehr guten Gespür für Zwischentöne, für die Zerrissenheit ihrer Charaktere zwischen Frankreich und Algerien. Immer ist da die Frage, was ihnen Heimat und Herkunft bedeuten, was Algerien für sie ist und sein kann. Die Autorin zeigt klug und schlüssig auf, wie unterschiedlich hier die Antworten in den verschiedenen Generationen ausfallen müssen. Dabei ist der Roman letztlich auf die Enkelgeneration, auf Naïmas Rolle in dieser Familie angelegt. Und hier komme ich zum kleinen Kritikpunkt, den ich an „Die Kunst zu verlieren“ habe: Mir kommt Naïma und ihre Geschichte letztlich zu kurz in Zeniters Roman, meiner Meinung nach ist der Roman in der ersten Hälfte etwas zu lang geraten und Naïma und ihr Leben werden mir am Ende zu schnell abgehandelt. Während ich bei der Lektüre zunächst immer wieder kleine Längen empfunden habe, hätte ich im Gegensatz dazu am Ende gern noch weiter gelesen über Naïma und ihr Leben, darüber, was mit ihr und in ihrem Leben geschieht, nachdem sie sich ihrer eigenen Herkunft bzw. der ihres Vaters und ihrer Großeltern gestellt hat. Nach dieser Reise, die so viel in ihr ausgelöst hat. Aber meine Kritik ist Kritik auf sehr hohem Niveau, denn Zeniters Talent, zu erzählen, mitzureißen und dabei ganz nebenbei auch noch Wissen zu vermitteln, steht außer Frage. Daher sei „Die Kunst zu verlieren“ allen am Thema Interessieren hiermit empfohlen. Auf Zeichen und Zeiten und Literaturreich gibt es zudem weitere, ohne Einschränkung begeisterte Besprechungen.

Alice Zeniter: Die Kunst zu verlieren, Berlin Verlag, 2019, 560 Seiten

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3 Antworten zu Fremde Heimat Algerien – Alice Zeniter: Die Kunst zu verlieren

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Es ist wahrlich ein wunderbarer Roman. Eine sehr schöne Besprechung! Wenn ich das Buch noch nicht gelesen hätte, würde ich jetzt dazu greifen. Vielen Dank für die Erwähnung und Verlinkung und viele Grüße

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  2. Pingback: Alice Zeniter „Die Kunst zu verlieren“ – Zeichen & Zeiten

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