Wie man leben will – Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Mia und ihre Tochter Pearl haben schon an vielen Orten gelebt, als sie nach Shaker Heights, einen kleinen wohlhabenden Vorort im Bundesstaat Ohio ziehen. Sie wohnen in einem Häuschen, das die Richardsons ihnen vermieten, eine Familie mit vier Kindern im Teenageralter, bei denen alles in geordneten Bahnen läuft. Mrs. Richardson schreibt (harmlose) Kolumnen, ihr Mann ist Anwalt, die Kinder Trip, Moody und Lexie machen den Eltern wenig Sorgen, lediglich die rebellische Izzy, die jüngste, eckt immer wieder an. Ihre Mutter empfindet Izzy im Innersten als Strafe und behandelt sie ungeduldig und streng. Es ist kein einfaches Verhältnis zwischen Mutter und Tochter.

Mia arbeitet als Künstlerin. Da sie davon nicht leben kann, nimmt sie kleinere Jobs an. Leider lässt sich Mrs. Richardson nicht abwimmeln, als sie darauf besteht, dass Mia für ein paar Tage in der Woche bei ihr im Haushalt helfen soll. Mrs. Richardson fühlt sich dabei großzügig und wohltätig, Mia ist das Ganze erst einmal unangenehm und Mias Tochter Pearl, die sich erst mit Moody, dem zweitjüngsten Sohn der Richardsons anfreundet, später auch mit Lexie, der Tochter, während sie sich zu Trip, dem gutaussehenden Ältesten hingezogen fühlt, Pearl will ihre Mutter eigentlich nicht dabei haben, wenn sie bei ihren neuen Freunden ist. Und Izzy? Izzy entdeckt, dass Mia ganz anders ist als ihre eigene Mutter und sucht Mias Nähe, was Mrs. Richardson eher skeptisch beäugt.

„Kleine Feuer überall“, der zweite Roman der us-amerikanischen Autorin Celeste Ng, beginnt mit einem Knall: Das Haus der Richardson geht in Flammen auf. Verdächtigt wird sogleich Izzy, die jüngste Tochter, die verschwunden ist. Der Roman erzählt daraufhin die Vorgeschichte bis zum Tag dieses Feuers und dabei vor allem vom Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Lebensarten bzw. –entwürfe, als das unkonventionelle Mutter-Tochter-Paar Mia und Pearl in den wohlgeordneten Vorort Shaker Heights kommt. Mrs. Richardson ist das Paradebeispiel einer Mutter und Ehefrau, die dort lebt: Ihr ganzes Leben folgt einem Plan, den sie früh entworfen hatte und danach Punkt für Punkt abgearbeitet hat. Dabei ist es wichtig, dass man sich an Regeln hält, und Mias unkonventionelle Art zu leben wird ihr mehr und mehr ein Dorn im Auge. Gefällt sie sich anfangs noch darin, Mia unter die Arme zu greifen und sich dabei erfolgreich einzureden, dass sie anderen Lebensentwürfen aufgeschlossen gegenüber steht, während sie sich vor allem als Wohltäterin sieht, so kippt dies mehr und mehr, je bewusster ihr wird, dass sie Mias Art zu leben in Wirklichkeit eben doch verachtet und sich für etwas Besseres hält.

Es ist unterhaltsam und auch recht packend zu lesen, wie die Lebensentwürfe dieser beiden Familien aufeinanderprallen, wie vor allem Mias Teenagertochter Pearl sich abnabelt von der Mutter, die immer ihre einzige und sehr enge Bezugsperson war, wie alle Beteiligten neugierig, wenn auch immer ein wenig skeptisch diese andere Art zu leben in Augenschein nehmen. Pearl, Moody, Lexie und Trip machen dabei typische Teenagererfahrungen.

Eine weitere Komponente fügt Ng ein mit einer Nebenhandlung um eine Adoption hinzu, wirft moralisch-ethische Fragen auf, wenn die ganze Stadt quasi Kopf steht und jeder sich zwangsläufig positionieren zu müssen scheint, wem das Baby, um das es dabei geht, zugesprochen werden soll. Dadurch erhält der Roman noch mehr Konfliktpotential, wirklich nötig ist dieser Strang eigentlich nicht. Eher wirkt er auf mich etwas zu konstruiert.

All diese Geschehnisse schildert Celeste Ng temporeich und gut lesbar, aber eben auch ein wenig zu glatt und herunter erzählt. Mir fehlen in „Kleine Feuer überall“ diese Sätze, zu denen man nickt und die man sich anstreichen und herausschreiben will, die kleinen und größeren Erkenntnisse, das, was einen ordentlichen Roman zu einem sehr guten macht. Ich habe „Kleine Feuer überall“ in kürzester Zeit gelesen, weil die Autorin die Spannung hält, weil man als Leser dabei bleibt und wissen will, wie die Geschichte ausgeht, aber letztlich fürchte ich, dass ich den Roman in kürzester Zeit vergessen haben werde. Auf dem Feinen Buchstoff hat Bri den Roman deutlich positiver gelesen.

Celeste Ng: Kleine Feuer überall, dtv Verlag, 2018, 384 Seiten

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9 Antworten zu Wie man leben will – Celeste Ng: Kleine Feuer überall

  1. Bri schreibt:

    Also ich finde diesen Roman ja perfekt. Auch der Nebenstrang mit der Adoption war für mich stimmig. Vor allem umgehauen aber hat mich die Tatsache, dass Ng es so gut schafft, dieses Gefühl des Unbehagens, des Brodelns und der perfekten Oberfläche aufkommen zu lassen, ohne es auszusprechen. Sie zeigt es. Das ist großartig gemacht. Da braucht es für mich persönlich keine Sätze, die ich abnicke. Das ist viel subtiler und für mich überhaupt nicht glatt, sondern aufwühlend. Gerne hätte ich ihre Kunstwerke zu den einzelnen Personen gesehen … So unterschiedlich kann ein Buch auf verschiedene Leser*innen wirken. Interessant. LG, Bri

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    • letteratura schreibt:

      Liebe Bri, das weiß ich, und deshalb habe ich deine Besprechung ja auch verlinkt. Ich bin ja immer sehr für Subtiles und zwischen den Zeilen lesen, aber hier war für mich da einfach nichts zu entdecken. Ich fand den Roman ziemlich glatt. Nicht schlecht, aber eben auch nicht herausragend. LG

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  2. thursdaynext schreibt:

    Kleine Feuer überall habe ich als Hörbuch auf der Fahrt in die Bretagne gehört. Glatt habe ich ihn gar nicht empunden. Besonders der Adoptionsstrang hat bei unserer family viele Diskussionen angeregt und Gedanken angestossen und wir haben festgestellt, dass es immens schwierig bis unmöglich ist hier zu einem Urteil zu kommen, was mich sehr berührt hat. Subtiles , nunja, das gab es nicht denn Ng hat alles erklärt, was die Charakter antrieb und sie widmete den Teenagern viel Raum, meintest du das mit glatt? Mich hat er jedenfalls auch mitgerissen und umgehauen, aber so liest jeder anders, nach seinen Interessen. Auch die kleinen Sätze waren da, für mich. Gerade die verschiedenen Lebensentwürfe empand ich als immens spannend.

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    • letteratura schreibt:

      Ich fand den Roman alles in allem wenig überraschend, irgendwie heruntererzählt… und sehr auf Effekt aus. Ja, es war schwierig, dort ein Urteil zu fällen, obwohl ich schon sehr stark den Eindruck hatte, in eine bestimmte Richtung gestoßen zu werden von Seiten der Autorin. Ich freu mich, dass der Roman bei euch beiden offenbar mehr ausgelöst hat als bei mir, so war er für euch wahrscheinlich einfach das richtige Buch und für mich eben nicht.

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      • thursdaynext schreibt:

        Ich hoffe du bist nicht böse, das sollte keine Kritik an deinem Leseempfinden und deiner Beurteilung sein, es hat mich nur überrascht und eben weil mir diese Roman so gefiel musste ich meine Meinung dazu schreiben. Wie gesagt, es ist immer Meinung, subjektiv. So finde ich z.B. den Mukerjee, großartig geschrieben, aber so brutal, bei der Geschichte mit dem Bären, dass ich es nicht gschaffe ihn weiterzulesen. Bei Miami Punk bin ich noch unschlüssig.

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      • letteratura schreibt:

        Nein, bin ich nicht. Ich meine das auch ganz ernst, dass ich es gut finde, wenn ein Roman, der mir nicht so viel gibt, bei anderen besser ankommt. So findet jedes Buch vielleicht den richtigen Leser. Das ist doch schön :) Miami Punk pausiert bei mir grad, ich lese grad mit Begeisterung Peter Hoeg und auch recht angetan Alice Zeniter.

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    • Bri schreibt:

      interessant, ich fand gar nicht so sehr, dass sie alles erklärt hat. Lustig, wie das alles unterschiedlich ankommen kann ;)

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  3. thursdaynext schreibt:

    Peter Hoeg, na sowas, der Susan Effekt liegt derzeit neben meinem Bett.

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