Die Suche knapp neben dem Glück – Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie

Die Cardinals sind eine große, eine sehr große Familie: 21 Geschwister sind sie, die zusammen, zwangsläufig auf engem Raum, groß werden, auch wenn die Familie vier zusammenhängende Wohnungen besitzt. Da wird geschlafen, wo man gerade einen Platz findet, die einzige Regel dabei ist, dass Mädchen bei Mädchen und Jungen bei Jungen übernachten.

Die Mutter hantiert den ganzen Tag in der Küche, sie ist immer da, und irgendwie auch nicht, sie kümmert sich, aber es ist eher ein allgemeines Kümmern, bei so vielen Kindern bleibt eine individuelle Behandlung aus – zumindest liest es sich so in Jocelyne Sauciers gerade bei Suhrkamp erschienenen Roman „Niemals ohne sie“ aus dem Jahr 2000. Der Roman ist also einige Jahre älter als ihr auch bei uns so erfolgreiche Roman „Ein Leben mehr“.

21 Kinder also, die meisten von ihnen haben Spitznamen, die hier und dort fallen in der Geschichte, die man sich unmöglich merken kann, aber auch nicht muss, denn Saucier erzählt keine stringente Familiengeschichte, in der chronologisch von den Ereignissen in einer Großfamilie zu lesen wäre, in der es um individuelle Unterschiede ginge – das wäre auf den gerade einmal 250 Seiten, die das Buch umfasst, auch gar nicht möglich. „Niemals ohne sie“ lässt in wenigen, groß angelegten Kapiteln einzelne Kinder der Familie zu Wort kommen, und zwar zu einer Zeit, als diese längst erwachsen sind, den Ort ihrer Kindheit, ein kanadisches Dorf, längst verlassen haben, in alle Himmelsrichtungen verstreut eigene Leben leben. Zwischen ihnen besteht eher sporadischer Kontakt, man sieht sich zwar, aber eher in großen zeitlichen Abständen, und niemals alle zusammen. Bis jetzt, zu einem Zeitpunkt, als dem betagten Vater auf einem Kongress eine Medaille als Anerkennung für seine Arbeit in der Mine verliehen werden soll. Dort, wo er, wie er selbst sagt, immer knapp neben dem Glück nach Erz gesucht habe. Gefunden hat er nichts, vielmehr wurde er um seinen Gewinn betrogen, als er einmal auf Zink stieß, so dass der Familie Geld und Reichtum verwehrt blieb.

Doch es ist nicht nur dieser Betrug, der auf der Familie lastet, sondern vor allem ein Schicksalsschlag, den sie ertragen musste, einer, der das romantische Bild des Zusammenhalts in der Großfamilie deutlich eintrübt und unter dem sie alle leiden. Als sie nun wieder zusammen kommen, lässt sich das Geschehene nicht weiter verdrängen, es ist unmöglich, nicht darüber zu sprechen, was damals passiert ist und wie es dazu kommen konnte.

„Niemals ohne sie“ lebt von der sehr ausgefeilten und bildlichen Sprache Sauciers. Zuweilen erzählt sie fast poetisch und metaphernreich, was sicherlich ein Wagnis ist, doch wird es dabei niemals kitschig, vielmehr habe ich den Roman sprachlich als sehr gelungen empfunden. Die große Traurigkeit, die alle Familienmitglieder umgibt und die Vehemenz, mit der sich das Ungesagte, das knapp unter der Oberfläche brodelt, seinen Weg nach außen sucht, wird dabei nur allzu spürbar. Hinzu kommt eine wenig konkrete, schwebende Atmosphäre, die den Roman auszeichnet und in der vieles angedeutet oder ungesagt bleibt.

So geht es auch weniger um die einzelnen Figuren in „Niemals ohne sie“, obwohl einige durchaus näher in den Fokus rücken, wenn sie selbst von ihrer Sicht auf die Familie erzählen. Charakterisiert werden sie daher nur teilweise, da das große Ganze immer im Vordergrund steht. Auffällig ist das vor allem bei den Eltern, die zwar da sind, die aber hauptsächlich in ihrer Funktion als Erwachsene, als Aufpasser, in Erscheinung treten. Von ihren Wünschen und Sorgen, von ihrem Vorleben erfahren wir nichts.

„Niemals ohne sie“ ist einer dieser Romane, bei denen man zwischen den Zeilen lesen muss, einer, der von seiner Sprache lebt. Ich hatte bei der Lektüre den Eindruck, dass die sprachliche Intensität und Virtuosität mit der Zeit abnimmt, ein wenig hat mich der Roman in der zweiten Hälfte verloren. Dennoch ein lesenswertes, leises Buch über versehrte Menschen und den Versuch, mit einem Verlust zu leben. Darüber, wie es ist, wenn man Teil eines großen Ganzen ist, aufgewachsen in einer Großfamilie, in der man als Individuum kaum wahrgenommen wird – was jedoch zumindest vordergründig nicht negativ dargestellt wird. Und darüber, wie Kindheit und Jugend uns prägen für unser gesamtes restliches Leben.

„In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.“ S. 222

Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie, Insel Verlag, 2019, 255 Seiten

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