Vom Gehen und Bleiben – Paolo Cognetti: Acht Berge

Pietro kommt nur im Sommer in die Berge, mit seinen Eltern verbringt er stets die Sommerferien dort. Das Jahr über freut er sich auf die Wochen in Grana. Es fühlt sich für ihn an, wie zwei Leben. In Grana leben nur 14 Menschen, und der jüngste von ihnen ist Bruno, mit dem Pietro sich anfreundet. Die beiden wird eine lebenslange Freundschaft verbinden.

Pietros Vater liebt das Bergsteigen und nimmt seinen Sohn schon früh auf seine Touren mit. Es ist eine enge und später sehr komplizierte Beziehung zwischen Vater und Sohn. Als sie sich entfremden, ist es irgendwann Bruno, der den engeren Kontakt zu Pietros Vater hat. Auch Pietro und Bruno sehen sich nur sporadisch. Bruno lebt zurückgezogen im Einklang mit der Natur, ihn zieht es nicht fort, während Pietros Liebe zu den Bergen ihn in die Welt hinauszieht, nach Nepal, in den Himalaya, zu den ganz großen Bergen. Doch er kommt auch immer wieder zurück in seine Berge und somit auch zu Bruno.

„Acht Berge“ ist die Geschichte dieser Männerfreundschaft, die Entfernung und Zeit überdauert, auch wenn es zwischen den ungleichen Freunden nicht immer einfach ist. Pietro und Bruno haben gänzlich unterschiedliche Entscheidungen getroffen, wie ihr Leben aussehen soll. Es ist die Suche nach Antworten, die beide umtreibt, wobei der eine diese in der Heimat, an Ort und Stelle, sucht, der andere nicht weit genug in die Welt reisen kann, um seinen persönlichen Weg zu finden. Da es hier keine allgemeingültige Antwort geben kann, bleibt Autor Paulo Cognetti sie auch schuldig, zeigt vielmehr auf, dass es viele Möglichkeiten gibt, seinem Leben einen Sinn zu geben und dass jeder den seinen selbst finden muss.

„Acht Berge“ erzählt leise fließend und sehr unaufgeregt von Pietro und Bruno, und ebenso von der schwierigen Beziehung Pietros zu seinem Vater. Cognettis Naturbeschreibungen tragen zu einer ruhigen Grundstimmung bei, die Einblicke in die Charaktere seiner Figuren sind behutsam, doch treffend. Cognetti besitzt selbst eine Hütte im Aostatal und weiß genau, wovon er schreibt. Man spürt dies bei der Lektüre, der Roman liest sich sehr authentisch, und oft ein wenig schmerzlich-melancholisch.

So ist es die Frage nach dem Gehen und dem Bleiben, die „Acht Berge“ stellt, und wieder einmal – dies scheint zur Zeit tatsächlich ein großes Thema in der Literatur zu sein – um Heimat und Fremde, die Cognettis Geschichte umkreist. Ein unaufgeregter, stiller und kraftvoller Roman.

Paolo Cognetti: Acht Berge, Penguin Taschenbuch Verlag, 2018, 272 Seiten

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