Rückkehr – Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung

Vor etwa zweieinhalb Jahren habe ich mit großer Begeisterung Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“ gelesen, der meiner Meinung nach völlig zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Der gerade erschienene neue Roman des österreichischen Autors war somit für mich Pflichtlektüre. „Enteignung“ kommt ganz anders daher, als sein Vorgänger.

Ich-Erzähler des Romans ist ein Journalist, der in sein Heimatdorf zurückkehrt und wieder in das Haus seiner Kindheit einzieht. Sein bisheriges Leben bleibt schemenhaft, er war viel unterwegs in der Welt, lebte ein eher unstetes Leben. Nun schreibt er für das Lokalblatt des Dorfes und fliegt regelmäßig als Hobbypilot über Häuser und Höfe, ist ansonsten ein ziemlicher Einzelgänger. Familie hat er nicht mehr, von Freunden erfahren wir nichts.

So lebt er in den Tag hinein, schreibt Artikel, geht auf den Flugplatz, lernt eines Tages eine Frau kennen, beginnt eine Affäre. Er beschließt, bei einem Bekannten von früher auf dem Hof mitzuarbeiten und schuftet dort von früh bis spät. Warum genau, kann man als Leser eher erahnen als wirklich wissen, und eigentlich gilt das für fast alles, was er tut. Um Geld geht es jedenfalls nicht. Die Situation spitzt sich irgendwann aus verschiedenen Gründen zu, doch der Protagonist bleibt meist zumindest ein Stück weit unbeteiligt. Auch, wenn er irgendwann involviert ist, wenn er bemerkt, dass ihn nicht alles wie gewohnt kalt lässt, so bleibt er doch stets merkwürdig außen vor, als wäre er ein Zuschauer seines eigenen Lebens.

„Enteignung“ ist in ruhiger, klarer Sprache verfasst, Kaiser-Mühleckers unaufgeregter Ton hat mir wieder sehr gefallen. Seine Charaktere sind allesamt keine Charismatiker, es sind eher bodenständige, auch wortkarge Typen, die die Geschichte bevölkern. Somit hat der Roman eigentlich fast alles, was er braucht. Einzig mit dem Verlauf der Handlung habe ich ein wenig gehadert. Ich mag es, Antworten selbst finden zu müssen, Antworten, die für jeden Leser andere sein können, doch hier bleibe ich nach Beendigung der Lektüre ein wenig ratlos.

„Enteignung“, das bezieht sich in erster Linie auf den Hof von Flor und Hemma, auf deren Hof der Protagonist arbeitet, und der den Besitzern genommen werden soll. Es bietet sich natürlich an, den Titel des Romans auch anderweitig und in größerem Zusammenhang zu verstehen, und die Ziellosigkeit des Protagonisten bzw. die Beliebigkeit, die seine Handlungen ausstrahlt, mit diesem Titel in Verbindung zu bringen. Doch so ganz mag mir auch das nicht gelingen.

So hat mir Reinhard Kaiser-Mühleckers neuer Roman im Großen und Ganzen zwar gefallen, ein bisschen Ratlosigkeit bleibt aber gegenüber einer Geschichte, die ich nicht recht einzuordnen weiß. Das muss nicht schlimm sein und vielleicht offenbart sich ihre ganze Kraft auch erst mit der Zeit. Es sind nicht die schlechten Romane, bei denen das der Fall ist. Hier bleibt mir fürs Erste nur zu sagen, dass ich „Enteignung“ durchaus gern gelesen habe, wenn ich auch nicht so genau weiß, warum.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung, Fischer Verlag, 2019, 224 Seiten

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