Lebensreise – Lucy Fricke: Töchter

Lucy Frickes Roman „Töchter“ hätte ich wahrscheinlich nicht gelesen, wenn ich nicht wieder und wieder gehört und gelesen hätte, wie auf den Blogs und in den sozialen Medien davon geschwärmt wurde. Das Ausgangsszenario, zwei Frauen um die 40, die den Vater der einen auf dessen Wunsch zur Sterbehilfe in die Schweiz fahren sollen, erschien mir zunächst zu deprimierend. Doch „Töchter“, so las ich es überall, war wohl ganz anders, als ich dachte. Voller Textstellen, die man sich anstreichen und herausschreiben wollte, voller kleiner kluger Sätze und nebenbei auch noch komisch. Ganz anders als erwartet also. Also gut.

Marthas Vater Kurt hat Krebs, der nicht mehr zu heilen ist, und da seine Tochter sich nicht zutraut, den ganzen Weg in die Schweiz allein zu fahren, bittet sie ihre Freundin Betty, sie zu begleiten. Die beiden sind schon lange befreundet, sind quasi gemeinsam erwachsen geworden und Betty spürt, hier muss sie der Freundin einfach nur beistehen. Also fahren die drei los, doch es kommt alles anders als geplant und das für alle von ihnen.

Der Roman heißt nicht zufällig „Töchter“, denn dies, das „Tochtersein“, ist eins der zentralen Themen in Frickes Roman: Zwar sind Martha und Betty längst erwachsen, Betty hofft, mit Hilfe künstlicher Befruchtung endlich schwanger zu werden, doch sie sind auch die Töchter ihrer Väter. Marthas Beziehung zu Kurt, die oft schwierig war, ist nur noch unter dem Eindruck des nahe stehenden Abschieds zu betrachten, Betty dagegen hatte mehrere Ersatzväter, Männer, mit denen ihre Mutter zusammen war, und einen davon vermisst sie nach wie vor, so sehr, dass die Reise auch für sie zu einer Spurensuche wird.

So sind Betty und Martha zwar für immer die Kinder ihrer Väter, dennoch sind sie selbst nicht mehr ganz jung, haben Erfahrungen gemacht, das Rebellische der Jugend längst abgelegt. Sie wissen, dass sie sich nicht mehr jeden Traum werden erfüllen können, dass es Türen gibt, die unwiderruflich geschlossen sind. Grund zum Trübsalblasen ist das aber nicht, vielmehr haben die beiden einen unwiderstehlichen Humor, mit dem sie auch über die ernsten Dinge lachen können. Und weinen, das auch, alles zu seiner Zeit.

„Töchter“ ist leicht und dennoch voller Lebensweisheit, es ist warmherzig und witzig, ein Roman, bei dem der Trauer immer auch Dankbarkeit und ein bisschen Fatalismus beigemischt ist. So dass der Stachel, den man zuweilen empfindet ob der großen Themen Tod und Abschied, nie ganz so tief sitzt, wie er könnte. Und es gibt sie wirklich zuhauf, die Stellen, bei denen man innerlich mit dem Kopf nickt und denkt, dass sie Recht haben, Betty und Martha, oder am Ende Lucy Fricke, die ihren Protagonistinnen diese kleinen Lebensweisheiten in den Mund gelegt hat. Ein Buch, das einen mitnimmt und forträgt, kurz innehalten lässt und das frei ist von jedem Pathos und süßlicher Gefühlsduseligkeit.

Luci Fricke: Töchter, Rowohlt Verlag, 2018, 240 Seiten

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2 Antworten zu Lebensreise – Lucy Fricke: Töchter

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ich habe mir kürzlich die Ausgabe der Büchergilde gekauft. Ich bin gespannt auf die Lektüre. Viele Grüße

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