Frau und Mutter – Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Leda ist Ende 40, alleinstehend und Mutter zweier erwachsener Töchter. Sie hat sich in ihrem Leben gut eingerichtet, glaubt, zufrieden zu sein. Sie beschließt, den Sommer allein am Meer zu verbringen, mietet eine kleine Wohnung und macht sich auf den Weg. Tag für Tag verbringt sie am Strand, eigentlich, um dort auch zu arbeiten, doch mehr und mehr erregt eine neapolitanische Großfamilie ihre Aufmerksamkeit. Vor allem eine junge Frau und ihre kleine Tochter haben es ihr angetan. Sie beobachtet beide mit wachsendem Interesse. Nach und nach kommt sie mit der jungen Mutter, Nina, in Kontakt, aber auch mit der Schwägerin der jungen Frau und mit dem jungen Gino, der am Strand arbeitet, und jenseits des Strandes auch mit dem älteren Giovanni, der ihr zu Beginn ihres Urlaubs ihre Ferienwohnung gezeigt hatte.

Zu Beginn von „Frau im Dunkeln“, dem bereits 2006 erschienenen schmalen Roman Elena Ferrantes wissen wir nur wenig über Leda und ihre Vergangenheit. Die Autorin lässt Leda selbst ihre Geschichte erzählen und langsam, nach und nach davon berichten, wie es war, als sie in jungen Jahren ihre beiden Töchter bekam, ihre Ehe zu ihrem jetzigen Exmann immer schwieriger wurde, und Leda letztlich ihrer Mutterrolle nicht mehr gerecht werden konnte. Diese Erinnerungen, die für Leda schmerzhaft und mit Scham behaftet sind, lässt sie nur widerwillig zu, versucht, ihr Handeln vor sich selbst und somit vor dem Leser zu rechtfertigen, was ihr aber nicht wirklich gelingt. Die Schuld sitzt bei Leda tief.

Dabei ist diese Leda keine Figur, mit der man sich leicht identifizieren könnte – oder eher wollte, sie stößt andere durch ihr Verhalten vor den Kopf, verhält sich distanziert und manchmal schlicht merkwürdig und boshaft, so auch, wenn sie dem kleinen Mädchen am Strand etwas antut, das nicht nur für den Leser, sondern auch für sie selbst schwer zu verstehen ist. Leda ist oft ein Opfer ihrer eigenen Launen, handelt impulsiv und ohne an die Konsequenzen zu denken, eine, mit der es zuweilen schwierig ist, auszukommen.

Dennoch ist Leda für mich keine negative Figur, sondern eine durch und durch ambivalente, die Ferrante meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist, denn ihre Zerrissenheit spürt man in jeder Zeile. In ihr findet sich eines der zentralen Themen, die in Ferrantes Neapolitanischer Tetralogie ebenfalls vorherrschend waren: Wieder geht es um Frauen und ihre Selbstbestimmung, um Mütter und Töchter, und vor allem um den Konflikt zwischen dem Wunsch, eine gute Mutter zu sein und dennoch ein erfülltes Leben zu führen neben der Mutterschaft, im Beruf, aber auch im Privaten. Wie schwierig das sein kann, hat Ferrante in der später entstandenen „Neapolitanischen Saga“ noch differenzierter dargestellt, doch auch in Leda ist der Konflikt schon komplett und sehr überzeugend angelegt. Dass das manchmal auf Kosten der Sympathie der Figur geht, ist nicht nur zu verschmerzen, sondern regelrecht zwingend, zeigt dann aber auch, wie sehr Frauen in der allgemeinen Betrachtungsweise einem Bild zu entsprechen haben, in dem sie sich ihren Kindern stets völlig aufopfern müssen, um nicht als schlechte Mutter dazustehen (wobei Leda ein extremes Beispiel ist).

Wer die Neapolitanische Tetralogie gelesen hat, dem wird noch einiges mehr bekannt vorkommen, allein schon die Namen ihrer Figuren tauchen hier schon zum Teil auf, aber auch Orte, Milieus, einzelne gröbere Handlungsstränge finden sich hier wie dort. Mich hat das nicht gestört, weil „Frau im Dunkeln“ sich ansonsten doch sehr von dem sehr viel breiter angelegten Hauptwerk Ferrantes absetzt, weil der Schwerpunkt anders gesetzt ist und die Geschichte aufgrund ihrer Kürze ganz anders funktioniert. Auffällig ist es dennoch und man kann sich fragen, warum die Autorin nicht in der Tetralogie einige Eckpunkte variiert hat. Womöglich haben sie einfach genau so zu der Geschichte, die sie erzählen wollte, dazugehört.

„Frau im Dunkeln“ hat mir sehr viel besser gefallen, als der vor ein paar Monaten ebenfalls bei Suhrkamp erneut herausgebrachte Debütroman Ferrantes „Lästige Liebe“. Ein zwar manchmal verstörendes, aber packendes Werk, das zum Nachdenken anregt. In dem diese ganz spezielle, sinnliche Atmosphäre wieder zu spüren ist, die Elena Ferrante in ihren Büchern zu schaffen weiß, in der man sich stets und bereits nach wenigen Seiten so vorkommt, als sei man selbst am Ort des Geschehens, wie eine kleine, unbedeutende Randfigur des Romans, den man liest.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln, Suhrkamp Verlag, 2019, 188 Seiten

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