Freunde – Stefan Moster: Alleingang

Stefan Moster ist für mich einer der Autoren, von denen ich sofort jedes neue Buch lesen will. Und mögen, ich will es unbedingt mögen, seitdem ich vor einigen Jahren mit „Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels“ meine erste, nachdrückliche Begegnung mit dem Werk des Autors hatte. Zum Glück fiel es mir bisher immer leicht, seine nachfolgenden Romane zu mögen, die mir alle, manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger gefallen haben.

Moster schreibt direkt und schnörkellos, er erzählt von Menschen an Scheidewegen, von besonderen und alltäglichen Begegnungen. In seinem neuen, wunderbaren Roman „Alleingang“ erzählt er von Freundschaft, davon, anders zu sein, als jene, mit denen man sich umgibt, nicht wirklich dazuzugehören. Und dennoch da zu sein für seine Freunde, wenn auch vielleicht nicht immer auf eine Art und Weise, die diese verstehen und gutheißen können.

Freddie ist zu Beginn des Romans um die 50 und für ihn ist ein besonderer Tag: Er wird aus dem Gefängnis entlassen. Wir Leser begleiten ihn an diesem Tag – und nur an diesem Tag – und erfahren dennoch seine ganze Geschichte, Kindheit und Jugend, die Fehler, die er gemacht hat, das, was ihn an diesen Ort gebracht hat.

Freddies Eltern verließen ihn und seine zahlreichen Geschwister früh, die Großmutter kümmerte sich daraufhin in einem verwahrlosten Haus um die Enkelkinder, soweit man das „kümmern“ nennen kann. Freddie war der Jüngste, die Älteren gerieten früh auf die schiefe Bahn. Ein Weg aus der Unterschicht schien niemandem von ihnen möglich. Freddie aber freundete sich mit Tom an, einem Jungen aus gutem Elternhaus, liebevoll und gut erzogen, einer, der gelernt hat, sich an Regeln zu halten. Später lernt er Toms Freunde kennen, drei Paare, die in einer WG leben. Sie demonstrieren und diskutieren, geben sich links, feministisch und politisch, fahren gemeinsam in den Urlaub. Und Freddie gehört irgendwie dazu, irgendwie auch wieder nicht.

Für Freddie zählen andere Dinge als für die Freunde. Werden ihre Ausführungen zu verschwurbelt und femdwörterlastig, versteht er sie nicht. Versteht auch nicht, was das ganze Gerede immer soll. Er ist eher ein Macher, besorgt das Auto, mit dem sie zur Demo fahren, stürzt sich ins Getümmel, während die Freunde sich eher verpflichtet fühlen. Ihnen ist es wichtiger, hinterher sagen zu können, dass sie dabei waren.

Moster erzählt seine Geschichte im Wechsel, beschreibt einerseits den Weg Freddies aus dem Knast heraus, die ersten Begegnungen in Freiheit, die drängende Frage, wo er hin soll, wo er überhaupt noch hin kann. Und dazwischen erfahren wir Stück für Stück die Vergangenheit, die Geschichte seiner Freundschaft zu Tom, die mehr und mehr zu einer Freundschaft zu Finger und Mechthild wird; die Geschichte, wieso er bereits zum dritten Mal im Knast war. „Alleingang“ ist dabei immer auch eine Charakterstudie dieses Mannes, erklärt auf behutsame, aber ehrliche Weise, warum Freddie letztlich gescheitert ist. Dabei ist er eigentlich ein guter Kerl, hat das Herz am rechten Fleck.

Die Art und Weise, wie Moster das erzählt, wie er Stück für Stück aufrollt, was passiert ist und dabei immer wieder die Zeitebene wechselt, das ist natürlich nicht neu. Am Anfang scheint es auch ein bisschen zu sehr in die Klischeekiste gegriffen, wenn deutlich wird, dass derjenige der Freunde, der aus einer zerrütteten Familie stammt, letztlich im Knast landet – als ob das eine fast logische Konsequenz wäre. Aber so einfach ist das alles nicht. Mit der Zeit zeigen sich jede Menge Zwischentöne. Vor allem ist da eine ganz besondere Dynamik, die das Verhältnis der Clique zu Freddie auszeichnet. Sie fühlen sich ihm einerseits überlegen, glauben, ihm etwas beibringen und ihn zurückhalten zu müssen, sie verstehen oft nicht, wie er tickt. Andererseits mögen und brauchen sie ihn. Freddie hat im Gegensatz zu ihnen nicht gelernt, sich zu erklären, über das zu sprechen, was in ihm vorgeht. Er hat aber sehr klare Vorstellungen davon, wie Freunde sich verhalten sollten und ist sehr verlässlich. Seine Impulsivität wird ihm manches Mal zum Verhängnis.

„Alleingang“ hat mich überzeugt und erneut bestätigt, dass Stefan Moster nach wie vor einer meiner Lieblingsautoren ist. Mit leichter Hand erzählt er klar und fesselnd von Freundschaft und dem Wunsch, irgendwo dazuzugehören, vom Versuch, Fuß zu fassen, seinen Weg zu gehen, von der Jugend der heute um die 50-Jährigen und vom Zeitgeist einer Epoche. Für mich im noch jungen Jahr schon ein heißer Kandidat für meine Top Ten 2019.

Stefan Moster: Alleingang, Mare Verlag, 2019, 368 Seiten

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6 Antworten zu Freunde – Stefan Moster: Alleingang

  1. Hauke Harder schreibt:

    Danke für Deine schöne Besprechung! „Alleingang“ wird auch bald ein Leseschatz. Es hat mich ebenfalls überzeugt und bestätigt, dass Stefan Moster auch einer meiner Lieblingsautoren ist! Liebe Grüße, Hauke

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Ach wie schön! Ich hatte ein bisschen das Gefühl, dass er vielleicht etwas unterschätzt wird, weil er sich so leicht „weglesen“ lässt, aber es steckt so viel drin. Viele Grüße!

      Gefällt 1 Person

  2. thursdaynext schreibt:

    Na da muss ich doch direkt mal reinschnuppern, so wie du du diesen Roman hier vorstellst. Das klingt sehr interessant, leichtfüßig (schreibig) und ich bin mal gespannt was meine Generation in ihrer Jugend so alles erlebt hat ;)

    Gefällt 1 Person

  3. Constanze Matthes schreibt:

    Ich habe damals „Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels“ ebenfalls sehr sehr gern gelesen. Nun machst Du mich wirklich neugierig auf den neuen Moster. Danke für Deine wundervolle Besprechung. Viele Grüße

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ich habe noch weitere Romane gelesen von ihm, mochte das vierhändige Spiel aber immer am liebsten. Dieses hier ist in meiner ganz subjektiven Rangordnung ähnlich weit vorne :) viele Grüße!

      Gefällt 2 Personen

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