Glaube und Fanatismus – John Wray: Gotteskind

Aden Sawyer ist eine amerikanische Teenagerin, gerade achtzehn geworden, kürzlich zum Islam konvertiert, und sie hat viel vor. Zusammen mit ihrem Freund Decker, den sie in der Moschee kennengelernt hat, reist sie nach Pakistan, um dort den Koran zu studieren. Ihre Eltern konnten sie nicht aufhalten, ihnen hat sie nur die halbe Wahrheit erzählt. In Pakistan angekommen, verkleidet sich Aden als Junge, nennt sich fortan Suleyman und träumt davon, an der Front zu kämpfen, für ihren Glauben und für Gott.

John Wray erzählt die Geschichte seiner jungen Heldin in hohem Tempo, charakterisiert sie gerade zu Beginn hauptsächlich durch die vielen Dialoge mit ihrem Freund Decker. Er ist der Einzige, der weiß, wer Aden wirklich ist. Decker hat Familie in Pakistan, sie ist die erste Anlaufstelle der beiden. Decker ist skeptisch, was Adens Verkleidung angeht, fürchtet, dass sie sich nicht dauerhaft verstecken wird können und hat Angst, was bei ihrer Entdeckung passieren könnte.

Später, als Aden an der Waffe ausgebildet wird, untersteht sie direkt einem Mann namens Ziar. Zwischen beiden entsteht eine besondere Bindung, wodurch Aden direkt unter Ziars Schutz steht. Sie fällt allgemein auf unter den Kämpfern, die sie für einen sehr jungen Amerikaner halten, einen aus dem Volk der Feinde. Einen gläubigen Amerikaner, das kennen sie so nicht. Und sie ist besonders eifrig und entschlossen. Sie imponiert und irritiert.

„Gotteskind“ ist packend geschrieben und lässt sich in kürzester Zeit lesen. Teils verfolgt man wie atemlos das Geschehen, immer in der Angst, dass Aden auffliegen könnte. Allerdings fehlt dem Roman Tiefe. Wird auf dem Buchumschlag die glaubwürdige Schilderung eines gläubigen, fanatischen Menschen gelobt, so habe ich genau dies immer stärker vermisst. Denn obwohl Aden selbst zuweilen von der Leere in ihrem Leben erzählt, bevor sie zum Islam konvertierte, so werden ihre Motive dennoch nicht überzeugend und schlüssig dargestellt. Ihr voriges Leben in den USA bleibt nebulös, die Beziehung zu ihren Eltern wird immer wieder angedeutet, aber nicht ausformuliert, und auch die Entscheidung, sich als Mann zu verkleiden, wird zwar im Laufe der Geschichte begründet, aber auch hier war ich nicht überzeugt von Adens Motivation. Gespräche über den Koran und den Islam mit dem Leiter der Medrese, der Schule, an die sie zunächst zum Koranstudium kommt, wie auch später mit den Kämpfern, bleiben eher oberflächlich, wo es viel Potential gegeben hätte. Zwar wird von Aden / Suleyman in erster Linie sowieso in erster Linie Gehorsam erwartet und Diskussionen sind nicht unbedingt gewünscht, andererseits ist sie oft viel weniger unterwürfig, als es von ihr erwartet wird, stellt Gegenfragen, widersetzt sich. Das verwundert auch als Leser, denn woher kommt dieser Mut? Aden ist sich lange sicher, dass ihr nichts passieren kann, dass sie durch ihren besonderen Status und durch Ziar geschützt ist und ein Stück weit ist man gewillt, ihr das auch zu glauben, doch woher nimmt sie diese tiefe Überzeugung? Sie glaubt offenbar, etwas Besonderes zu sein. Man könnte nun argumentieren, dass genau dies ihren Fanatismus, ihre Verblendung ausmacht, dennoch ist diese mir zu wenig überzeugend unterfüttert.

Die Handlung wird mir schließlich irgendwann zu klebrig-kitschig, ohne hier mehr verraten zu wollen, wobei sich Einiges schon lang unterschwellig ankündigt.

„Gotteskind“ lässt mich ein wenig ratlos zurück. Die Geschichte versprach viel, sie war von vornherein ein Wagnis. Es fehlt dem Roman nicht an Spannung, wohl aber an Differenziertheit und Tiefe, gerade bei seinem emotional aufgeladenen Thema. Mir fehlt eine klarere Linie zwischen Religion und Fanatismus, sowie eine deutliche, nachvollziehbare, nachempfindbare Motivation von Wrays Hauptfigur. All dies geht auf Kosten einer in erster Linie spannenden, packend erzählten Geschichte. Das ist nicht nichts, mir aber ist es zu wenig.

John Wray: Gotteskind, Rowohlt Verlag, 2019, 352 Seiten

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4 Antworten zu Glaube und Fanatismus – John Wray: Gotteskind

  1. thursdaynext schreibt:

    Eine etwas krude Story scheint mir. Allein auf die Idee zu kommen, für einen Glauben zu kämpfen der mit dem vorhandenen Geschlecht nicht fair umgeht erscheint mir hanebüchen. Aber Glaube und Logik *seufz*

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    • letteratura schreibt:

      Hm, mich hat hauptsächlich gestört, dass es für mich nicht nachvollziehbar geschildert war, wieso sie diesen Weg eingeschlagen hat und dann auch noch als Mann verkleidet. Oder nicht nachvollziehbar genug. Das wäre dann eben die Logik der Figur, die der Autor dem Leser irgendwie vermitteln sollte.

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  2. Mikka Liest schreibt:

    Hallo,

    die Thematik und die junge Heldin finde ich an sich sehr spannend, weswegen das Buch auch auf meiner Wunschliste steht. Allerdings habe ich neben begeisterten Stimmen auch schon Kritik an dem Buch gelesen.

    „Dazu fehlt es den Dialogen über Gott, den Koran und die Welt an Tiefe“ sagt Deutschlandfunk Kultur zum Beispiel, und nennt die Spannung zwischen ‚Suleyman‘ und Ziar ‚kitschverdächtig‘.

    Ich bin mir unschlüssig, ob ich es dennoch lesen möchte.

    LG,
    Mikka

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