Ein großer Mann? – Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume

Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ aus dem Jahr 2015 (bei uns Anfang 2017 erschienen) war ein Welterfolg und wohl eins der meistdiskutierten Bücher der letzten Jahre. Ein Roman, den man offenbar liebt oder hasst. Eine Lektüre, die ich als eine der intensivsten überhaupt der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Erinnerung habe, eine Geschichte um Freundschaft, Missbrauch, darüber, was Menschen einander antun und darüber, was Menschen ertragen können. Ich gehöre zu denen, die „Ein wenig Leben“ großartig fanden, daher war die Freude groß, als mich vor einigen Wochen überraschend Yanagiharas Debütroman aus dem Jahr 2013 erreichte. „Das Volk der Bäume“ erschien gerade bei Hanser Berlin, wo man sich also dazu entschloss, nach dem Erfolg von „Ein wenig Leben“ den Vorgänger ebenfalls auf Deutsch herauszubringen.

Natürlich neigt man dazu, beide Romane miteinander zu vergleichen, sowohl, was die Sujets als auch was die Qualität angeht. War es bei „Ein wenig Leben“ ein Missbrauch, der aus Opfersicht beschrieben wurde, so erfahren wir hier eine Tätersicht, es geht aber noch um viel mehr.

Hauptfigur ist Wissenschaftler und Mediziner Norton Perina, der, zu Beginn des Romans bereits betagt, eine Haftstrafe wegen Kindesmissbrauchs absitzt. Perina wurde in jüngeren Jahren berühmt, da er auf der Insel Ivu’Ivu, irgendwo im mikronesischen Dschungel liegend, eine bahnbrechende Entdeckung machte, durch die er Weltruhm erlangte. Er erforschte dort mit zwei anderen Wissenschaftlern das ansässige Volk, ihre Gewohnheiten und Riten, ihre komplette Art zu leben und entdeckte, dass einige von ihnen ein Alter erreicht hatten, das so eigentlich nicht möglich schien. Deutlich über 100 Jahre waren sie alt, körperlich fit, während sie sich geistig aber stark zurückentwickelt hatten. Perina entdeckte, dass dies auf den rituellen Verzehr einer bestimmten Schildkrötenart zurückging und schmuggelte eine von ihnen in die USA, um Tests mit ihr durchzuführen.

In „Das Volk der Bäume“ erzählt Perina selbst von diesen Jahren, von seinem gesamten Leben. Es sind seine Aufzeichnungen, die er im Gefängnis verfasst und die sein ihm ergebener Kollege und Assistent Dr. Ronald Kubodera herausgibt. Eine pseudowissenschaftliche Publikation im Roman also, die wir da zu lesen bekommen, und die durch den immensen Fußnotenapparat, mit dem Kubodera den Text versieht (manchmal gehen diese Fußnoten über ganze Seiten), einigermaßen echt wirkt.

Diese von Perina im Gefängnis verfasste Lebensbeichte nimmt den Großteil von Yanagiharas Roman ein. Ein bisschen riskant ist das schon, weil dieser Perina alles andere als ein Sympathieträger ist. Schon als Kind und Jugendlicher beginnt er, andere, seine Eltern eingeschlossen, zu verachten, er hält generell die meisten Menschen für schwach und dumm, sich selbst aber für zu Höherem geschaffen, während ihn sein Umfeld entweder langweilt oder ärgert. Er hält seine eigene Meinung für die einzig Richtige und blickt auf andere herab. Dass man trotzdem dranbleibt an seiner Lebensbeichte, zeigt, dass Yanagihara packend zu erzählen weiß und dass „Das Volk der Bäume“ keine eindimensionale Geschichte ist. Gerade die Zeit auf Ivu’ivu wird sehr detailliert geschildert, so dass sehr deutlich wird, wie sehr die amerikanischen Forscher in diesen ihnen fremden Lebensraum eindringen, ihn von oben herab analysieren, ihn keinesfalls respektieren, obwohl sie den Eindruck erwecken wollen (auch vor sich selbst) und letztlich den Grundstein für seine Zerstörung legen. Mir waren diese Passagen, die auf der Insel spielen, schlicht zu lang und zu ausgewalzt, obwohl es viel Spannendes und Interessantes über die Ivu’ivuaner zu erfahren gab. Außerdem ging mir Perinas Selbstgerechtigkeit dann doch auf die Nerven.

Die fiktive Figur des Perina basiert auf dem Wissenschaftler Daniel Carlton Gajdusek, einem Mediziner, der wie Yanagiharas Norton Perina für bahnbrechende Forschungen den Nobelpreis erhielt, und später des sexuellen Missbrauchs angeklagt und verurteilt wurde. Hanya Yanagihara erzählt in einem Vorwort zu „Das Volk der Bäume“, dass dieser Gajdusek in ihrer Familie oft Thema war und mit ihm die Frage danach, ob „ein großer Mann“, der schlimme Dinge tut, immer noch ein großer Mann ist.

Auch Perina adoptiert in „Das Volk der Bäume“ über 40 Kinder aus dem (fiktiven) Volk der Ivu’ivuaner und wird später von einem von ihnen des Missbrauchs angezeigt. Daher ist es natürlich ein einigermaßen interessantes Wagnis, ihn selbst seine Geschichte erzählen zu lassen. Schließlich ist von vornherein klar, dass er sich zu eben diesen Vorwürfen auch positionieren werden muss. Kann man seinen Lesern also wirklich die detaillierte Lebensgeschichte eines solchen Mannes aus dessen Feder zumuten? Man kann vermutlich auch deshalb, weil zunächst unklar bleibt, ob die Vorwürfe aus der Luft gegriffen sind oder Hand und Fuß haben.

„Das Volk der Bäume“ ist nur bedingt mit „Ein wenig Leben“ vergleichbar. Schon in diesem, im früheren Werk ist deutlich, dass Yanagihara Talent hat, packend zu erzählen, sie schreibt starke Szenen, weckt ambivalente Charaktere zum Leben. Mir war ihr Roman insgesamt etwas zu unausgewogen, der Hauptteil zu lang, der Schluss, der dann noch mal Fahrt aufnimmt und mich sehr gefesselt hat, im Vergleich zu kurz. Ihre Techniken, Spannung zu erzeugen, Informationen zurückzuhalten, um später auf sie zurückzukommen, sind teils leicht durchschaubar. „Das Volk der Bäume“ ist dennoch lesenswert, zumal, wenn man sich für die ausschweifenden Schilderungen des Lebens auf Ivu’ivu begeistern kann. In jedem Fall freue ich mich auf den nächsten Roman dieser Autorin, die in ihren Bann zu ziehen weiß.

Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume, Hanser Berlin Verlag, 2019, 480 Seiten

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