Den Mond verlieren – Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

Tobias ist im Sommer 1969 elf Jahre alt. Die erste Mondlandung steht kurz bevor, und er fiebert ihr gespannt entgegen. Die Raumfahrt ist sein größtes Hobby. Er träumt davon, selbst einmal ins All zu reisen. Das ändert sich auch erstmal nicht, als eine neue Familie ins Nachbarhaus einzieht: Die Leinharts sind ganz anders als Tobias’ bürgerlich-katholische Eltern. Sie seien Kommunisten, klärt ihn Rosa, die 12-jährige Tochter der Leinharts auf. Tobias weiß nicht, was das ist, und es gibt noch viel mehr, das er in diesem Sommer zu verstehen versucht. Seine verwirrenden Gefühle für Rosa zum Beispiel. Und ob Rosa ihn eigentlich mag oder ihn für einen kleinen Jungen hält und nur mit ihm spielt. Sie kommt ihm so viel erwachsener und klüger vor als er selbst es ist.

Aber auch zwischen den Erwachsenen verändern sich die Dinge. Tobias nimmt das wahr, versteht es aber nicht recht. Seine Mutter freundet sich mit Rosas Mutter an, geht mit ihr gegen den Vietnamkrieg demonstrieren und will sogar arbeiten, ganz gegen den Wunsch von Tobias’ Vater, der sich um das Gerede der Leute sorgt. Am Ende könnten sie noch denken, sie hätten finanzielle Probleme. Eine Frau habe schließlich andere Aufgaben als ein Mann….

„Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk erzählt auf wenigen Seiten die Geschichte von Tobias, der in kurzer Zeit einen großen Schritt in seiner Entwicklung machen muss, und in dessen Leben sich schnell unheimlich viel verändert. Vor allem aber ist es der Sommer, in dem er zum ersten Mal überhaupt begreift, dass es Seiten an seinen Eltern gibt, die er nicht kennt, dass seine Mutter eigene Wünsche und Bedürfnisse hat. Dass es nicht mehr selbstverständlich ist, dass sie alles stehen und liegen lässt, wenn er etwas braucht. Und auch, dass Eltern nicht unfehlbar sind.

Der Roman zeigt ebenfalls auf überzeugende Weise, wie eingestaubt in den späten 60er Jahren noch das Bild einer vorzeigbaren Ehe war, wie schwierig es für Frauen war, aus einem festgefahrenen Schema auszubrechen. Tobias’ Vater hat sehr konservative Ansichten, die er ziemlich selbstgerecht und manchmal fast arrogant zum Besten gibt – er weiß es einfach nicht besser. Seine Mutter tut zum ersten Mal Dinge nur für sich, möchte Übersetzerin werden, trägt Jeans, und droht ihrem Mann so zu entgleiten und ihre Aufgaben zu vernachlässigen, zumindest muss er das so sehen.

So machen letztlich sowohl Tobias als auch seine Mutter einschneidende Erfahrungen in diesem Sommer 1969, so viel verrät schon der Titel von Woelks Roman. Nicht ganz überzeugt haben mich die Szenen zwischen Tobias und Rosa, ganz realistisch fand ich nicht, was sich zwischen beiden abspielt. Gelungen ist aber, wie Woelk parallel von den jeweils neuen, so aufregend wie irritierenden Erfahrungen von Mutter und Sohn erzählt. Wie sich beides zu spiegeln scheint, letztlich beide aber doch allein bleiben mit all dem Neuen, und beide auf unterschiedliche Weise schlicht überfordert sind. Und wenn Rosa irgendwann gegenüber Tobias äußert, sie wolle nicht, dass er „seinen inneren Mond“ verliere, was er zunächst nicht versteht, dann wird ebenso deutlich, dass sich hier Dinge verändern, die nicht mehr umkehrbar sind. Und dass Tobias bald kein Kind mehr sein wird.

Man merkt während der Lektüre erst nach und nach, dass eine Menge drinsteckt in diesem schmalen Roman von nicht einmal 200 Seiten. Woelk fängt die Atmosphäre einer Zeit des Ausbruchs gekonnt ein. Neben Tobias sind es vor allem die Frauenfiguren, die im Mittelpunkt stehen, ihr Wunsch nach Emanzipation und mehr Freiheit, nach einem Aufbruch alter Rollenbilder. Es ist, als übertrage sich die Faszination der bevorstehenden Mondlandung gleichermaßen auf die Menschen, als lasse sie sie an die Möglichkeiten von Veränderung glauben, wenn diese auch für jeden unterschiedlich aussehen. Aus der Sicht von Tobias erzählt, ist der Ton lange eher naiv, Sprache und Stil sind einfach, aber eindringlich. Als Leser versteht man stets mehr als der kindliche Protagonist und spürt früh, dass sich da etwas anbahnt (und das nicht nur, weil der Roman es ganz zu Beginn schon ankündigt). Am Ende bleibt die Hoffnung, dass sich die Welt in den letzten 50 Jahren dann doch ein bisschen weiter entwickelt hat und die Ahnung, dass Woelks Roman aktueller ist, als es zu wünschen wäre.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter, C.H. Beck Verlag, 2019, 189 Seiten

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2 Antworten zu Den Mond verlieren – Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

  1. literaturreich schreibt:

    Habe ich auch sehr gern gelesen! Viele Grüße!

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  2. Pingback: Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter – LiteraturReich

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