Verlangen und Angst – A. L. Kennedy: Süßer Ernst

Jon und Meg sind Getriebene, sie sind einsame Menschen in London, gebeutelt und geplagt von privaten und persönlichen Problemen in einer schnelllebigen und unpersönlichen Welt. Jon ist geschieden und arbeitet für die Regierung, er hat eine Tochter, die er liebt und vor deren Meinung über ihn er sich fürchtet. Er hält sich selbst für unzureichend, das Leben für anstrengend.

Meg ist trockene Alkoholikern und versucht, sich von ihrer Sucht zu erholen, wieder Fuß zu fassen und zurück zu finden in ein geregeltes Leben. Beide wären sich wohl nicht begegnet, wenn nicht Jon irgendwann angefangen hätte, Briefe an Frauen zu schreiben, Briefe, für die sie ihn bezahlen und in denen er ihnen Komplimente macht und sie umwirbt. Und auf die er keine Antworten erwartet, eigentlich. Oder doch? Für Jon sind die Briefe einerseits eine Geldquelle, andererseits ein Fliehen vor seiner regulären, ihm verhassten Arbeit, in der er sich verstellen und stets seinen Vorgesetzten gehorchen muss.

Mit „süßem Ernst“ schreibt Jon seine Briefe, und da Meg glaubt, in Jon jemanden gefunden zu haben, der ihr in seinen Selbstzweifeln, in seiner Verlorenheit ähnelt, lauert sie ihm auf. Sie will wissen, wer das ist, der ihr da schreibt. Sie mögen und gefallen sich, aber sie bringen so viel Unsicherheit und Kränkung mit, eine große Angst davor, sich jemandem zu nähern und dabei ein großes Verlagen nach solch einer Nähe, dass es sehr, sehr kompliziert ist.

A. L Kennedys neuer Roman spielt an einem einzigen Tag in London, den Kapiteln sind die Uhrzeiten vorangestellt. Am Ende dieses Tages wollen Jon und Meg sich treffen, doch zuvor müssen sie einigen Verpflichtungen, ihrem Tagwerk nachgehen. Jon muss einen Auftrag erledigen und sich um seine Tochter kümmern, Meg hat eine wichtige, aber auch schwierige Untersuchung zu überstehen. Wir Leser erfahren dabei stets sehr genau, was in den beiden vorgeht, denn das Besondere an „Süßer Ernst“ ist, dass wir die Gedankenströme beider Protagonisten aus erster Hand erfahren. Im Text sind diese kursiv gedruckt, und so lesen wir, was sie denken und, ungefiltert, in aller Ausführlichkeit und oft eben auch wiederholt. Das ermöglicht einerseits einen sehr genauen Einblick in das Innere der beiden, in ihre ungeschützte, manchmal grenzenlos anmutende Verletzlichkeit. Andererseits wird genau dies auf die Dauer dann aber etwas zu viel, gerät die Selbstgeißelung der Protagonisten zuweilen anstrengend – wenn ich sie auch als authentisch empfunden habe. Allerdings gerät die Handlung dadurch immer wieder ins Stocken, wenn einzelne Seiten des Romans nur oder fast nur aus kursiv gedrucktem Text bestehen. Wobei die 550 Seiten des Romans auch immer wieder zurückgreifen und durch das Erzählen vergangener Geschehnisse die Figuren greifbarer machen und die Geschichte rund und nachvollziehbar.

Kennedys Figuren stehen also im Mittelpunkt ihres Romans, ihre Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, einander näher zu kommen und der Angst davor. Nebenbei erzählt sie kurze Episoden über andere, fremde Figuren im öffentlichen Raum, beobachtet sie und die kurzen Ausschnitte ihrer Leben, an denen sie andere teilhaben lassen. „Süßer Ernst“ ist auch eine Bestandsaufnahme unserer Zeit. Der Roman fragt danach, wie wir leben wollen und wie Beziehungen möglich sein können, gerade auch im mittleren Alter, wenn das Leben bereits Spuren hinterlassen hat. Sprachlich elegant und stets treffend, voller Liebe für ihre Protagonisten, habe ich ihren Roman zwar nicht ungern gelesen, hätte mir insgesamt aber weniger Gedankenstrom und mehr eigentliche Handlung gewünscht. So habe ich eine Szene, die – nach vielen, vielen Seiten, die uns direkt in die Köpfe von Jon und Meg haben schauen lassen – anders aufgebaut ist, als eine der stärksten und berührendsten des ganzen Romans empfunden. Eine Szene, in der das Innere der Protagonisten ebenso eindringlich dem Leser vermittelt wird, eine Einordnung aber durch eine äußere Instanz geschieht. „Süßer Ernst“ lesen ist, wie ich es auf literaturleuchtet in einer treffenden und insgesamt positiven Besprechung gelesen habe, in der Tat ein Stück weit eine Zumutung. Eine Geschichte über ziemlich kaputte, gebeutelte Menschen, die sich selbst im Weg stehen. Aber wer weiß, vielleicht kriegen sie es ja hin.

A. L. Kennedy: Süßer Ernst, Hanser Verlag 2018, 556 Seiten

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Verlangen und Angst – A. L. Kennedy: Süßer Ernst

  1. marinabuettner schreibt:

    Da hast Du es ja ganz ähnlich wie ich gelesen. Irgendwie habe ich es im Nachhinein nur noch positiv in Erinnerung, denn so genau in die Menschen hineinsehen zu können, ist schon bewundernswert. Letztlich kann ich die Ängste der beiden auch gut nachempfinden.
    Viele Grüße und einen schönen Sonntag!

    Gefällt 1 Person

    • letteratura schreibt:

      Ja, ich habe mich in Deiner Besprechung auch gut wiederfinden können. Das ist interessant, wie sich der Blick auf ein Buch im Nachhinein noch ändern kann. Ich erlebe das auch oft, entweder positiv oder negativ, oder ein Buch hallt viel mehr nach, als ich es erwartet hätte. Mal schauen, wie es mir hier gehen wird. Ich fand das auch alles gut nachvollziehbar, aber etwas weniger wäre eben doch mehr gewesen ;) Dir auch einen schönen Sonntag und viele Grüße!

      Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.