Berliner Melancholie – Matthias Nawrat: Der traurige Gast

Ein Mann geht durch die Straßen Berlins, beobachtet andere Menschen, lernt sie kennen. Wie Autor Matthias Nawrat hat sein Protagonist polnische Wurzeln und lebt schon länger in Deutschland. In „Der traurige Gast“ erzählt der Mann selbst von seinen Begegnungen. Er ist der namenlose traurige Gast.

Es sind vor allem zwei Begegnungen, die dabei im Vordergrund stehen. Zunächst einmal ist es die Architektin Dorota, die er aufsucht, weil er irgendwann einmal mit seiner Frau die Idee hatte, die gemeinsame Wohnung umzugestalten. Die Architektin verlässt nie ihr Viertel, sie ist überzeugt, die Wohnung ihrer Klienten nicht selbst betreten zu müssen. Doch es geht schon sehr bald nicht mehr um die Wohnung oder eine Umgestaltung, die eher eine fixe Idee war. Vielmehr erzählt Dorota ihrem Gast in großer Ausführlichkeit auch sehr Privates aus ihrem Leben. Die zweite wichtige Begegnung ist die mit Dariusz, den der Protagonist beim Jobben in einer Tankstelle kennenlernt. Dariusz war einst Chirurg, er war verheiratet mit einer Frau, die er nicht geliebt hat und hatte einen Sohn, den er verloren und auf dessen Spuren er sich begeben hat.

„Der traurige Gast“ ist durchzogen von einer tiefen Melancholie, die manchmal nicht leicht auszuhalten ist, es ist ein zutiefst trauriges Buch. Wir folgen dem Protagonisten durch Berlin, dabei werden Straßen, Stadtteile, Bauwerke genannt, sodass man sich, wenn man die Stadt kennt, alles gut vorstellen kann. Doch diese konkreten Anhaltspunkte sind nur äußerlich, an ihnen hält der Mann sich fest, wie auf der Suche nach Orientierung. Innerlich hat er nichts, an dem er sich festhalten kann. Eigentlich ist er Schriftsteller, doch er hat viel Zeit, um umherzulaufen und sich die Geschichten anderer Menschen anzuhören.

In seiner Passivität bei diesen Begegnungen hat er mich zuweilen sehr an Faye, die Protagonisten in Rachel Cusks Trilogie „einer weiblichen Odyssee im 21. Jahrhundert“ erinnert (bestehend aus den drei Romanen Outline, Transit und Kudos). Wie Faye erzeugt der traurige Gast in seinen Gesprächspartnern den Wunsch, zu reden, ohne etwas von sich selbst preiszugeben. Wir erfahren nur sehr wenig über ihn. Er ist verheiratet, glücklich, wie er betont, doch wird seine Frau stets nur nebenbei erwähnt. Kinder sollten sie bekommen, unbedingt, so sagt man ihm immer wieder, doch er hat es damit nicht eilig. Während die Schriftstellerin Faye bei Cusk aber durch ihre Gesprächspartner auch selbst charakterisiert wird, passiert das bei Nawrat viel beiläufiger. Sein Protagonist ist höflich und zurückhaltend, aber auch ehrlich, wenn er etwas nicht weiß, nicht kennt oder nicht mag.

„Der traurige Gast“ wird in Nawrats Roman in eine Art Sinnkrise gestoßen. Er kann nicht mehr als Schriftsteller arbeiten, nimmt stattdessen irgendeinen Job an, bei dem er beschäftigt ist. Das Leid, von dem ihm seine Gesprächspartner erzählen, lässt ihn nicht los. Fragen beschäftigen und quälen ihn. Kann man schlimme Erfahrungen vergleichen und gegeneinander aufrechnen? Ist das Leid eines alten Mannes, der seinen Sohn verloren hat, weniger wert als das eines Kindes im Krieg, das die schlimmsten Verbrechen an seiner Familie mit ansehen musste? Der Blickwinkel des Protagonisten verschiebt sich, nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz entwickelt er zudem diffuse Ängste, für die er sich gleichzeitig schämt.

„Der traurige Gast“ ist kein stringenter Roman, der einem deutlich sichtbaren Schema folgt. Man muss ihn aushalten, in seiner Melancholie und Traurigkeit, aber auch seine Konzeption, bei der einzelne Teile nicht zwangsläufig zu einer befriedigenden Auflösung finden. Es ist wie im Leben, das eben auch nicht den Gesetzen eines Romans folgt. In dem Geschichten abrupt enden, in dem man auf manche Fragen keine Antworten findet. „Der traurige Gast“ ist ein zutiefst menschlicher und nachdenklicher Roman über nichts weniger als die Frage nach dem Sinn und dem großen Ganzen. Ein leises und sehr lesenswertes Buch.

Matthias Nawrat: Der traurige Gast, Rowohlt Verlag, 

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5 Antworten zu Berliner Melancholie – Matthias Nawrat: Der traurige Gast

  1. marinabuettner schreibt:

    In Berlin liegt die Traurigkeit nie fern, wenngleich nicht auf den ersten Blick zu erkennen …
    Viele Grüße!

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  2. Pingback: Fantastische Apokalypse mit Widersprüchen: Unternehmer von Matthias Nawrath – Sören Heim – Lyrik und Prosa

  3. Constanze Matthes schreibt:

    Ich wollte von Nawrat schon immer mal seinen Roman „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ lesen. Aber ich glaube, dieser Band könnte mir auch sehr gefallen. Ich mag melancholische, leise, nachdenklich stimmende Geschichten. Vielen Dank für Deinen Tipp. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Es ist meine erste Begegnung mit dem Autor und mich würde auch interessieren, ob die anderen Romane ähnlich oder ganz anders sind. Ich werde ihn mir merken.

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