Auf der Suche – Thomas Hürlimann: Heimkehr

„Heimkehr“ ist das erste Werk, das ich vom Schweizer Autor Thomas Hürlimann überhaupt gelesen habe. Erst im Laufe der Lektüre recherchierte ich ein paar Hintergrundinformationen, erfuhr, dass der neueste Roman zwölf Jahre nach dem letzten erschien, dass er eigentlich 2014 schon fertiggestellt war und vom Autor noch einmal umgeschrieben wurde, dass Hürlimann aufgrund einer schweren Erkrankung einige Jahre nichts veröffentlichte. Man ist sehr verleitet, diesen Umstand mit seinem neuen Roman in Verbindung zu bringen, der sich, so ist zu lesen, sehr von den früheren Werken unterscheidet, in denen der Autor eher reduziert und realistisch schrieb. „Heimkehr“ ist keines von beidem.

Heinrich Übel Junior (ein Name, mit dem sich vorzustellen nicht immer eine Freude ist), geboren am 21. Dezember 1950, wie im Roman mehrfach zu lesen ist (und somit am gleichen Tag wie der Autor), ist der verstoßene Sohn einer „Gummidynastie“, einst verantwortlich etwa für einen berühmt gewordenen Werbeslogan für Kondome, auf den er heute noch stolz ist. Seit zwanzig Jahren war er nicht zu Hause, und als es nun so weit sein sollte – oder vielleicht auch so weit war? – verursacht er einen Verkehrsunfall, verliert das Bewusstsein und kommt schließlich mit einer schlecht vernähten Wunde am Kopf auf Sizilien wieder zu sich. Hier weiß niemand, wer er ist, alle behandeln ihn merkwürdig, als wäre er so etwas wie ein hohes Mafia-Tier und wann immer er versucht, zu erklären, dass er ein anderer ist, erntet er nichts als Bewunderung dafür, wie gut er darin ist, eine Rolle zu spielen.

Was auf Sizilien beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer Art „Roadnovel“, in der Heinrich auf merkwürdigen Wegen Länder und Städte durchquert, sich irgendwann in eine Kommunistin verliebt, die ihm von der Möglichkeit des drahtlosen Telefonierens berichtet, eine Ungeheuerlichkeit – erst an dieser Stelle wird eindeutig klar, dass wir uns nicht in der Gegenwart, sondern in den letzten Jahren der DDR befinden. So dass Heinrich plötzlich zwei Bedürfnisse hat: Aufzuklären, was in der Nacht des Unfalls, an die er sich nur noch sehr schemenhaft bzw. teilweise gar nicht erinnert, wirklich geschah auf der einen Seite, und die schöne Kommunistin zu erobern auf der anderen.

So sind die kompletten gut 500 Seiten des Romans einer Suche gewidmet. Der Lösung eines Rätsels, Heinrich Übel Juniors Rätsel. War er nun bei seinem Vater oder auf dem Weg zu ihm? Und wenn er dort war, was geschah dann während dieser Begegnung? Was unmittelbar danach? Dabei wird es oft zotig und ein bisschen derb, manchmal vermischt sich wirklich Erlebtes mit Geträumten, steht Vergangenes nah am Gegenwärtigen. Zuweilen habe ich dies als wirr empfunden und demnach dann auch als ver-wirr-end, fehlte mir die Orientierung in diesem Schelmenroman, als der „Heimkehr“ im Feuilleton mehrfach bezeichnet wurde. Und zu Recht bezeichnet wurde. Man glaubt während der Lektüre zu bemerken, dass Hürlimann gerade in den zotigen, spielerischen Stellen seine Freude gehabt hat.

Und dennoch ist dem Roman auch eine Ernsthaftigkeit nicht abzusprechen, wenn man „Heimkehr“ philosophisch betrachtet. So sinniert der Protagonist mehrfach darüber, dass man eigentlich gar nicht heimkehren könne bzw. dass man immer als ein anderer heimkehre, nie als der, der ging. Was an Heinrich Übel Junior hat sich verändert in den zwanzig Jahren seiner Abwesenheit?

Schlussendlich ist „Heimkehr“ dann auch noch eine Art Todesmotiv – womit wir wieder bei der Krankheit des Autors wären. Natürlich verbittet es sich, den Autor mit seinem Protagonisten gleichzusetzen, selbst wenn er ihm seine eigenen biographischen Daten gibt und also quasi dazu einlädt. Als Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit lässt sich der Roman dennoch lesen. So wird die manchmal in meinen Augen etwas zu sehr ausgewalzte Suche nach dem, was wirklich geschehen ist, zu einer Suche nach Antworten auf die großen Fragen. So unsinnig die Geschichte mir manchmal erschien, ist sie wie eine Suche nach dem Sinn. Vor diesem Hintergrund ein schlüssiges Buch, an dem Leser, die das Chaos weniger scheuen als ich, ihre Freude haben werden.

Thomas Hürlimann: Heimkehr, S. Fischer Verlag, 2018, 528 Seiten

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2 Antworten zu Auf der Suche – Thomas Hürlimann: Heimkehr

  1. Bri schreibt:

    Ich hab von Hürlimann vor Jahren Vierzig Rosen gelessen, das hat mich sehr sehr gut gefallen und ich habe mich schon länger immer mal gefragt, was mit ihm los sein mag, weil ich nichts mehr von ihm gelesen habe …

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    • letteratura schreibt:

      Ich frage mich jetzt natürlich, ob ich mal was Älteres von ihm lesen soll… vielleicht fällt mir ja mal was in die Hände.

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