Altes Leben – Gerbrand Bakker: Oben ist es still

Helmer ist ein Zwilling, der allein ist. Sein Bruder Henk starb vor vielen Jahren bei einem Unfall und seitdem fühlt Helmer sich nur noch wie ein halber Mensch. Helmer hatte eigentlich eine akademische Laufbahn angestrebt, während Henk den elterlichen Hof übernehmen sollte, seine Freundin vermutlich in nicht allzu ferner Zukunft geheiratet hätte. Doch nach Henks Tod wurde von Helmer erwartet, dessen Stelle einzunehmen und so wurde er Bauer.

„Oben ist es still“ lautet der Titel von Gerbrand Bakkers Roman aus dem Jahr 2006, und Helmer will es genauso. Es soll still sein. Er verfrachtet seinen alten Vater ins Obergeschoss und richtet sich selbst unten ein, versucht, den Vater so gut es geht zu ignorieren. Gleich zu Beginn des Romans wird deutlich, wie sehr der Konflikt zwischen beiden schwelt. Helmer wirkt zunächst vor allem sehr hartherzig, weil er den Vater so kalt und vehement aus seinem Leben heraushaben will, doch im Laufe des Romans kommen neue Facetten hinzu, die alles in anderem Licht erscheinen lassen.

Helmer ist selbst schon nicht mehr jung, und sein Leben war in den vergangenen Jahren, eher Jahrzehnten, stets dasselbe. Er hat es nicht in Frage gestellt, er wirkt wie gelähmt. Doch dann bekommt er einen Brief von Riet, der Frau, die Helmers Zwillingsbruder Henk vermutlich geheiratet und mit ihm auf dem Hof gelebt hätte. So reist Helmer ein Stück weit in die Vergangenheit, aber auch die Zukunft wird stärker Thema als zuvor und die Frage, ob alles zwangsläufig so weitergehen muss wie zuvor.

„Oben ist es still“ ist ein Roman, den ich schon sehr lange lesen wollte und der mich fast von Beginn an sehr gefesselt hat. Dabei ist Bakkers Erzählweise sehr ruhig, es ist fast stoisch, wie er seinen Antihelden erzählen lässt, der es nicht gewöhnt ist, Gefühle zu zeigen bzw. diese überhaupt selbst an sich wahrzunehmen und einzuordnen. So findet denn auch viel in Bakkers Geschichte unter der Oberfläche statt, wird nicht ausgesprochen, sondern schwingt mit. Diese Erzählweise zieht mit der Zeit ungeheuer in ihren Bann.

Vor allem ist Bakkers Roman eine Charakterstudie dieses Mannes, dessen ganzes Leben sich wandelte und komplett anders verlief nach dem plötzlichen Verlust des Bruders. Dem Autor gelingt es sehr gut, zu zeigen, wie Helmer in eine Art Starre gerät, wie er alles hinnimmt und sich nie zur Wehr setzt, vor allem gegen den so dominanten Vater. So ist der Konflikt mit dem Vater zwar deutlich zu spüren, so besteht dieser bereits seit vielen Jahren, doch ausgetragen wurde er eigentlich nie.

Bakkers Roman ist eines derjenigen Bücher, die auf unaufgeregte Weise vom Alltäglichen erzählen, von diesem ganz normalen Menschen, der sich so sehr eingerichtet hat in seinem Leben, dass er es eigentlich nicht mehr in Frage stellt. Dessen Leben durch Begegnungen mit anderen unerwartet Anstöße erhält, wenn diese auch sehr sacht sind. Bakker schaut sehr genau hin, beobachtet präzise und überlässt die Einordnung des Geschehens dem Leser. Ein Roman, bei dem die Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere, zwischen leisem Humor und Tragik stimmt.

Gerbrand Bakker: Oben ist es still, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 2010, 315 Seiten

Dieser Beitrag wurde unter Roman veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.