Ungleiche Freunde – Wallace Stegner: Zeit der Geborgenheit

Wallace Stegner (1909 – 1993) gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der USA im 20. Jahrhundert, während er bei uns deutlich weniger bekannt war. Er erhielt für sein Werk unter anderem den National Book Award und den Pulitzer Prize, brachte es insgesamt auf 28 Veröffentlichungen, darunter 13 Romane. Im dtv Verlag erschienen zwischen 2009 und 2011 neben „Zeit der Geborgenheit“ noch zwei weitere Romane Stegners in neuer Übersetzung.

Stegner wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, aus denen er sich hervorarbeitete und schließlich an verschiedenen Universitäten unterrichte. Er betätigte sich auch als Biograf, Essayist und Historiker.

Das alles erinnert an Larry, den Stegner in „Zeit der Geborgenheit“ (Originaltitel: Crossing to Safety“) die Geschichte erzählen lässt. Es war Stegners letzter Roman aus dem Jahr 1987, der Autor starb 1993 an den Folgen eines Autounfalls. Larry besucht zu Beginn des Romans mit seiner Frau Sally das gleichaltrige Paar Charity und Sid, mit denen sie beide eine lange und intensive Freundschaft verbindet. Sie sind alle um die 60 und haben sich einige Jahre nicht gesehen. Zunächst erfährt der Leser nicht, warum sie ausgerechnet jetzt wieder zusammen kommen.

Larry erzählt vielmehr vom Beginn ihrer Freundschaft, die keine selbstverständliche war. Sally und er hatten beide früh ihre Eltern verloren und standen relativ mittellos und allein da, ihre ersten gemeinsamen Jahre waren geprägt von der Tatsache, dass sie kaum Geld hatten, keine Sicherheit, wie es beruflich mit Larry weitergehen sollte. Er hatte eine Stelle an der Uni, die auf kurze Zeit befristet war. Auch Sid arbeitete an der Universität, jedoch stammten sowohl er als auch seine Frau Charity aus wohlhabenden Familien und hatten niemals ernsthafte finanzielle Sorgen. Trotz dieser Unterschiede schlossen beide Paare sehr schnell eine enge Freundschaft, wobei sie sich oft zu viert trafen, aber auch jeweils die beiden Männer als auch die Frauen sich freundschaftlich sehr nahe waren.

Stegner schaut in seinem Roman sehr genau hin: Über viele Jahre hinweg beobachtet er seine Figuren, Larry und Sally, die einen Schicksalsschlag verkraften müssen, Charity, die eigentlich zu willensstark für Sid ist, ihn beherrscht und über ihn bestimmt – was nicht bedeutet, dass beide sich nicht aufrichtig lieben würden. Charity ist eine sehr attraktive, charismatische Frau mit einer intensiven Ausstrahlung und auch Sid ist ein gutaussehender Mann. Dennoch gibt es ein nicht zu übersehendes Ungleichgewicht in ihrer Beziehung, das sich in Kleinigkeiten äußert, und diese fängt Stegner sehr genau ein. Beobachten lässt er all dies Larry, der sowohl die eigene Beziehung als auch die der Freunde stets genauestens analysiert, ebenso wie die Freundschaft zwischen ihnen allen. Eine Freundschaft, die niemals ernsthaft droht, an den unterschiedlichen Verhältnissen, aus denen sie stammen, zu zerbrechen, am Stolz etwa, wenn Larry und Sally nicht anders können, als finanzielle Hilfen von Sid und Charity anzunehmen.

„Zeit der Geborgenheit“ hat nicht mit Knalleffekten aufzuwarten, obwohl man manchmal meinen könnte, das Unheil stehe unmittelbar bevor. Stegner kommt ohne Intrigen und Verrat aus, und dennoch habe ich mich in seiner Geschichte keine Sekunde gelangweilt. Stegner schreibt über das alltägliche Leben, über die Versuche der jungen Erwachsenen, beruflich Fuß zu fassen, ihren Platz im Leben zu finden, darüber, wie sich ihre Beziehungen im Laufe der Jahre verändern, aber nicht zwangsläufig verschlechtern, darüber, wie lebenswichtig eine gute, enge Freundschaft sein kann, aus der man Kraft und Freude schöpfen kann. Ruhig und elegant lässt er Larry erzählen, der im Einklang mit sich und seinem Leben ist. Ein wunderbares Buch.

Wallace Stegner: Zeit der Geborgenheit, dtv Taschenbuch Verlag, 2011, 418 Seiten

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