Der Mann im Gästezimmer – Ali Smith: Es hätte mir genauso

Die schottische Schriftstellerin Ali Smith ist eine sehr interessante Autorin, die sich in ihren Büchern nicht scheut, ihre LeserInnen zu fordern, die auch schon mal verwirrt, Grenzen überschreitet. Ich schreibe das, obwohl ich noch gar nicht so viele Werke von ihr gelesen habe, dieser Eindruck aber sehr stark ist. Vor allem ist mir ihr Roman „Beides sein“ noch in guter Erinnerung, weil er durchaus speziell ist und weil es Smith in ihm so gut gelang, mit einer ungeheuren Souveränität zwei Ebenen zusammenzubringen, die kaum weiter voneinander entfernt sein könnten.

„Es hätte mir genauso“ ist da leichter zugänglich, wenn man auch anfangs erst einmal im Dunkeln tappen mag und es unklar ist, wohin die Reise genau geht. Zunächst einmal ist es Anna, eine Frau Mitte 40, die einen merkwürdig anmutenden Brief erhält von einer ihr gänzlich Unbekannten, die sie darum bittet, einmal bei ihr vorbeizukommen. Denn in ihrem Gästezimmer habe sich ein Mann eingeschlossen, einer, der zu Besuch auf ihrer Dinnerparty war. Er war von einem anderen mitgebracht worden und die Gastgeber der Party kannten ihn bis zu dem Abend nicht einmal. Und dieser Mann, Miles, weigere sich seitdem, das Zimmer zu verlassen. Ob Anna nicht einmal versuchen könne, ihn zum Hinauskommen zu bewegen? Schließlich sei ihre Nummer im Adressbuch seines Handys vermerkt, das er nicht mitgenommen habe in das Gästezimmer, sondern im Wohnzimmer habe liegen lassen. Anna ist zunächst einmal verwirrt und muss sich erinnern. Wer war dieser Miles noch mal? Kennt sie ihn überhaupt? Wieso ist sie in seinem Handy gespeichert?

Ali Smith schreibt mit „Es hätte mir genauso“ keinen Roman, der konventionellen Erwartungen genügen würde. Ich mag sehr, wie sie sich einfach die Freiheit herausnimmt, die Geschichte auf ihre ganz eigene Weise zu erzählen, sodass man eigentlich nie weiß, welche Abbiegung die nächste sein wird. Der Roman ist dabei episodenhaft. Wir lernen verschiedene Personen kennen, die in irgendeiner Form mit Miles zu tun hatten, wobei sich die Verbindung oft erst mit der Zeit erschließt.

So wird das Bild dieses Mannes, Miles, sehr langsam klarer, wenn es auch niemals ganz deutlich wird. Jeder derjenigen, die ihn kannten, zielt auf eine andere Facette seines Charakters, auf eine Episode in seinem Leben. Und so zeigt Smith wie nebenbei, wie jeder von uns für die Menschen, denen wir begegnen, Unterschiedliches sein kann. Unterschiedliches ist. Wie wir unterschiedliche Rollen einnehmen.

Ali Smiths Figuren sind allesamt starke Charaktere, oftmals sind sie keine Sympathieträger. Die Zeichnung dieser Figuren ist eine große Stärke der Autorin, denn man sieht sie in kürzester Zeit bereits vor sich und hat das Gefühl, sie zu kennen. Und meist sind sie so interessant, dass man sich unweigerlich fragt, was es über sie noch zu entdecken gäbe, und was wir dann leider nicht mehr erfahren – oder vielleicht ist das gar nicht zu bedauern, sondern im Gegenteil liegt die Stärke des Romans hier wie so oft in den Leerstellen.

„Es hätte mir genauso“ ist ein spielerischer Roman, der abbiegt, wo es seiner Autorin passt, abbricht, wo sie Lust dazu hat. Der eine Situation weiterspinnt, in die man eher nicht kommt, der ein Gedankenspiel ausreizt: Was könnte passieren, wenn man einfach mit den Konventionen bricht, wie Miles es tut? Seine ungewöhnliche Aktion jedenfalls bringt ihm dann sogar so etwas wie Berühmtheit ein.

Die Lust am Schreiben und am Fabulieren meint man übrigens auch in dem Charakter der jungen Brooke herauszulesen, die ich hervorhebe, weil sie so eine starke, liebenswerte Figur in Smiths Roman ist. Brooke wächst bei jungen Eltern auf, die ihr viele Freiheiten lassen, sie ist klug und liebt Wortspiele, versucht, mutig zu sein und sich nicht verunsichern zu lassen. Die Passagen mit ihr machen einfach Spaß.

„Es hätte mir genauso“ ist ein ungewöhnliches, unterhaltsames und kluges Buch. Smith erzählt mit Leichtigkeit und Souveränität. Antworten auf all ihre Fragen darf man von ihr allerdings nicht erwarten.

Ali Smith: Es hätte mir genauso, btb Taschenbuch Verlag, 2018, 320 Seiten

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11 Antworten zu Der Mann im Gästezimmer – Ali Smith: Es hätte mir genauso

  1. Marion schreibt:

    Das kenne ich noch gar nicht! Ich mag Ali Smith aber sehr, sehr gerne. Und dieses werde ich sicher auch lesen. Danke für den Hinweis!

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  2. thursdaynext schreibt:

    Lese ich gerade mit Genuß, wenn auch ohne Ahnung wohin die Reise geht.

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    • letteratura schreibt:

      Bin gespannt auf dein Fazit!

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      • thursdaynext schreibt:

        Wie du es beschreibst. Exakt so. Blöd nur, dass ich das jetzt nicht für meine Rezi abschreiben kann, sondern selbst formulieren muss. Werde aber auf dich verweisen. Es macht Spaß,, sobald man akzeptiert, dass sie mäandert. Habe da wohl eine neue Autorin für mich entdeckt. Lebensklug, witzig und pointiert.

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      • letteratura schreibt:

        Beides sein hat mir auch gefallen, das kann ich auch empfehlen. Im Original kommt grad so eine Jahreszeiten-Reihe raus, vier Romane meine ich, die eben wie die Jahreszeiten heißen, darauf bin ich schon gespannt, aber wie so oft bin ich zu faul, es mal wieder im Original zu versuchen und muss also wohl warten… LG!

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      • thursdaynext schreibt:

        White Teeth von ihr habe ich gelsen. ist wohl schon älter, aber es gefiel mir. Das mit zu fauol für englisch kommt mir sehr bekannt vor. Habe zwei engl. Titel auf dem SuB , schon lange ;)

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      • letteratura schreibt:

        Das ist aber Zadie, nicht Ali…

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      • thursdaynext schreibt:

        Ayyee, stimmt. Jane Doe … ;)

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