Zwischen zwei Welten – Tara Westover: Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss

Vom Standpunkt derjenigen, die diesen Text hier schreibt und sicherlich auch derer, die ihn lesen, dürfte es eine Selbstverständlichkeit sein, ein gewisses Maß an Bildung mitbekommen zu haben, wenigstens einen Grundstock, der hierzulande erst einmal ungefähr gleich sein dürfte. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Wir alle wurden als junger Mensch eingeschult und bekamen Grundlagen vermittelt, die Tara Westover für lange Zeit fremd waren. Die Autorin des autobiographischen Buches „Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss“ wuchs in einer streng religiösen Mormonenfamilie auf, in der offiziell die Eltern den Kindern Hausunterricht gaben. In Wirklichkeit fand der kaum statt. Vielmehr mussten die Kinder schon früh im Haus und auf dem Schrottplatz des Vaters mitarbeiten, eine harte und gefährliche Arbeit, wie sich mehrfach in Taras Kindheit und Jugend zeigen sollte.

Westover erzählt ausführlich und sehr lebendig von ihrer Kindheit und Jugend, von der strengen Auslegung der Bibel im Mormonentum und davon, wie sehr sie ihre frühen Jahre – auch viel später noch – geprägt haben. Erst viele Jahre nach ihrer Geburt bekam sie überhaupt eine Geburtsurkunde, was sich als schwierig erwies, da niemand mehr den genauen Tag ihrer Geburt wusste. Die Familie hatte keine Krankenversicherung, Verletzungen, auch schwererer Art, wurden zu Hause mit Kräutern behandelt. Impfungen und Schmerztabletten waren verboten, und stets gingen diese Verbote mit einer Art Verfolgungswahn einher, vor allem ihr Vater war überzeugt davon, dass Medikamente den Menschen vor allem manipulieren und dass Gott den Konsum bestrafen werde.

Schulbildung ist für Tara eigentlich nicht vorgesehen. Ein bisschen schreiben und rechnen vielleicht, aber mehr wird sie ohnehin nicht brauchen, denn ihr ihrer Welt heiratet man früh und bekommt viele Kinder. Vielleicht könnte sie in die Fußstapfen ihrer Mutter treten, die als Hebamme arbeitet und Kräutermischungen herstellt, die im Krankheitsfall helfen sollen. Doch Tara reicht das nicht. Obwohl sie es ihren Eltern recht machen will, ihre Liebe nicht verlieren, auch Gott gefallen möchte, dessen strenge Gebote sie verinnerlicht hat, zieht es sie in die Schule. Auch durch einen ihrer Brüder, Tyler, der sich ebenfalls mehr wünscht und der oft mit dem Vater aneinander gerät, wenn er in seinem Zimmer lernt, statt auf dem Schrottplatz zu helfen. Tyler ist Taras Vorbild, der es zwar auch schwer hat, aber eben immer noch leichter als sie, da er ein Junge ist.

Es ist ein harter Weg, den Tara Westover geht, voller Rückschläge und Selbstzweifel. Ich habe ihr Buch wie atemlos gelesen. Es gibt immer wieder dramatische Szenen, etwa wenn von der sehr gefährlichen Arbeit auf dem Schrottplatz die Rede ist, bei der mehrere schwere Unfälle passieren. Doch packend ist Westovers Bericht nicht nur dann, wenn Schlimmes passiert. Tara ist hin- und hergerissen zwischen der Welt, aus der sie kommt, dieser archaischen, oft auch gewalttätigen Welt, und der, in die sie strebt, obwohl stets im Inneren davon überzeugt, dieser nicht zu genügen, nicht in sie hineinzugehören und niemals wirklich dort ankommen zu können.

Obwohl der Titel und die Beschreibung zu Tara Westovers Buch sehr auf den Aspekt der Bildung und ihrer Wichtigkeit für die Autorin fokussieren, habe ich „Befreit“ vor allem als Beischreibung eines Prozesses gelesen, der viel mit Abnabelung zu tun hat. Der Schwerpunkt des Buches liegt für mich vor allem auf dem Zwiespalt, in dem Westover sich fast ständig befindet: Ist es ihr wirklich gestattet, aus der heimatlichen Welt auszubrechen? Darf sie gewisse Verbote, zum Beispiel die strengen Kleidungs- und Ernährungsvorschriften wirklich überschreiten? Kann sie es schaffen, an der Uni zu studieren und trotzdem das Kind sein, das ihre Eltern sich wünschen? Ist sie nicht eigentlich selbst schuld, wenn sie von einem ihrer älteren Brüder immer wieder geschlagen, gedemütigt wird, er in der Familie Lügen über sie verbreitet?

Es ist ein harter Kampf, den Westover geführt hat. Am College ist sie zunächst eine Außenseiterin, die überall aneckt, die andere Vorstellungen von Körperpflege hat, die niemals vom Holocaust gehört hat, die sich absolutes Grundwissen mühsam aneignen muss. Und zu Hause entzieht man ihr die elterliche Liebe, die Unterstützung, so dass sie quasi allein dasteht. Vor allem dieses Dilemma macht Westover sehr deutlich, so dass man beim Lesen immer wieder darüber staunt, wie stark diese junge Frau doch eigentlich ist, auch wenn sie das selbst nicht sieht. Wie ungeheuer mutig der Weg ist heraus aus einer Welt, die man kennt ins absolut Ungewisse.

Tara Westover ist es wichtig, zu betonen, dass es ihr nicht um eine Bewertung des Mormonentums geht, oder um Religionen an sich. Sie erzählt ihre ganz eigene, persönliche Geschichte. Und sie tut das auf eindringliche und auch sehr reflektierte Weise, geht auch mit sich selbst teils hart ins Gericht. Sie klagt nicht an, obwohl sie das Recht dazu hätte. „Befreit“ ist ein sehr eindrücklicher Bericht einer bemerkenswerten jungen Frau, eine Lektüre, bei der ich gestaunt und mitgefiebert habe, etwas über eine mir unbekannte Welt gelernt habe und bei der ich vor allem die Autorin für ihren Mut bewundert habe.

Tara Westover: Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss, Kiepenheuer & Witsch, 2018, 448 Seiten

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4 Antworten zu Zwischen zwei Welten – Tara Westover: Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss

  1. Bri schreibt:

    Ein wichtiges Buch, wie ich finde. Und ja, Abnabelungsprozess auf jeden Fall, wie ihn jeder vollziehen muss, aber dann noch die bipolare Erkrankung bei ihrem Vater, die diese religiösen Momente noch verstärkt, die ich fast prägender für seine Denkweise erachte, als die religiöse, das ist harter Tobak. Ich finde es ganz wichtig, dass Bücher wie diese geschrieben werden, noch wichtiger wäre wahrscheinlich, wie Du es ja eingangs Deiner Besprechung auch quasi sagst, dass gerade Menschen, die eben in einer vergleichbaren Situation sind, von ihren Erlebnissen, ihren Erfahrungen und Erfolgen erfahren. Schön, dass Du das Buch auch so gut fandest, wie ich. LG, Bri

    Gefällt 2 Personen

    • letteratura schreibt:

      Ja, ich fand es ganz wunderbar und sicher steckt auch viel drin, das ich vielleicht nicht alles gleichermaßen zur Sprache gebracht habe. Ich habe zwischendurch manchmal vergessen, dass es kein Roman ist und ertappte mich bei dem Gedanken, dass es nun aber doch teils übertrieben ist, nur um dann wieder zu denken, dass es wohl doch ganz genauso gewesen sein muss… und war dann nur umso erstaunter und auch umso mehr voller Bewunderung für die Autorin. Ich glaube, dass man das gar nicht hoch genug hängen kann, wie sie ihren Weg gegangen ist und dass dazu jede Menge Mut gehört. Ein bisschen wie Deborah Feldman es in „Unorthodox“ beschreibt, obwohl die Vorzeichen da natürlich noch einmal ganz anders waren. Die Krankheit des Vaters, ja, die hat das alles sicher sehr erschwert. Deprimierend, dass da wohl keine Chance auf Besserung besteht, einfach, weil er sich niemals in Behandlung begeben würde. Ja, das war auf jeden Fall ein Buch, das es auch noch auf die Best-of-Liste 2018 hätte schaffen können, ich hab es noch im letzten Jahr gelesen, aber da war die Liste schon raus… Viele Grüße!

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      • Bri schreibt:

        Keine Frage, alles fassen kann man da gar nicht. Ist schon erstaunliich, wie sehr man versucht ist, den Text als Roman zu lesen und zu denken, naja, das ist jetzt etwas übertrieben, gleichzeitig dann erschrickt, weil man ja weiß, das ist Realität. Ging mir genauso wie Dir. Auf jeden Fall gehört eine Menge Mut dazu, sich aus solchen fürchterlichen Lebensverhältnissen zu befreien, gerade als Frau. Mein Gott, was für eine Kindheit, das mag man sich gar nicht vorstellen. Aber sicher ist das kein Einzelschicksal. Kennst Du Schloß aus Glas? Befreit hat mich – sehr entfernt – ein wenig daran erinnert. Es ist wirklich erstaunlich, wieviele Menschen aus so zerrütteten Familienverhältnissen kommen, weil die Eltern eine nicht diagnostizierte Krankheit haben, Alkoholiker waren/sind oder ähnliches … Puh, also dagegen bin ich absolut in Watte gepackt aufgewachsen. LG

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  2. letteratura schreibt:

    Ich fand vor allem auch, dass es eher wie ein Roman geschrieben ist als wie eine Autobiographie, aber vielleicht sind das auch einfach unsere bzw. meine Lesegewohnheiten… Mal schauen, ob von Westover noch mehr kommt, sei es nun autobiographisch oder vielleicht doch auch mal was Fiktives. Ich kenne „Schloss aus Glas“ nur als Film, der hat mir ganz gut gefallen, soweit ich mich erinnere, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das alles genau aus der Vorlage übernommen wurde oder ob und wie viel da geändert wurde. Aber auch da wurde deutlich, wie schwierig es für die Kinder mit dem Vater war. LG

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