Die Unvorhersehbarkeit des Lebens – Elizabeth Strout: Alles ist möglich

Über Elizabeth Strouts Bücher, die in den letzten Jahren bei uns erschienen ist, lässt sich eines verallgemeinernd und doch treffend sagen: Sie schreibt über das Leben. Sie schreibt über uns, über Menschen und ihre Unzulänglichkeiten, über Alltäglichkeiten, in denen so viel steckt, über das, was wir uns wünschen, über die Suche nach dem Glück.

Das trifft in besonderem Maße auf ihren neuen Roman „Alles ist möglich“ zu, ein Titel, der dankenswerterweise direkt aus dem Englischen übersetzt wurde, nachdem einige ihrer früheren Bücher bei uns unter eher nichtssagenden Titeln erschienen, wie „Das Leben, natürlich“ für „The burgess boys“ oder „Die Unvollkommenheit der Liebe“ für „My name ist Lucy Barton“. Titel, mit denen man sich meiner Meinung nach keinen Gefallen tat, sondern diffuse, falsche Erwartungen weckte, die den Romanen, die sich dahinter verbargen, nicht gerecht wurden. Denn Strout ist eine ausgezeichnete Autorin, die ein Talent dafür hat, ihre Figuren in Szene zu setzen. Sie beobachtet genau und benötigt nur wenige Sätze, um die Protagonisten zum Leben zu erwecken.

„Alles ist möglich“ besteht aus mehreren Episoden, die voneinander unabhängig erzählt werden, Geschichten über Menschen in einem kleinen Ort im Mittleren Westen in den USA und über ihre Begegnungen mit anderen. Der rote Faden in diesem Roman ist Lucy Barton, der Strout schon einen ganzen Roman gewidmet hat. Lucy Barton ist eine Autorin, die es geschafft hat, dem Heimatort zu entfliehen und Karriere zu machen. In jeder Episode wird sie zumindest kurz erwähnt von den Zurückgebliebenen, die vermutlich alle ein bisschen stolz und ein bisschen neidisch sind auf ihre prominente ehemalige Nachbarin, in unterschiedlichen Ausprägungen. Als Figur ist sie hier eine unter vielen und gleichzeitig das eine Beispiel für alle anderen, dass es auch anders laufen kann. Wobei natürlich keiner weiß, ob sie wirklich so sehr zu beneiden ist, wie sie denken.

Und sonst? Da ist der alte Hausmeister der Schule, der sich vornimmt, einem einsamen Nachbarn zu helfen, es gibt die unglückliche Ehefrau, bei der für eine Woche eine fremde Frau im Gästezimmer unterkommt, was ihr Leben verändern soll, es tritt der ältere Mann auf, der sich Trost bei einer Prostituieren sucht, und wir lesen über die Wirtin einer kleinen Pension, die in einer Frau, die bei ihr unterkommt, den Drang, sich mitzuteilen, auslöst. Und da ist besagte Lucy Barton, die nach vielen Jahren zum ersten Mal zurück in der Heimat ist und auf ihre Geschwister trifft. Es wird keine einfache Begegnung.

All diese Episoden sind ungeheuer fesselnd erzählt, fesselnd in ihrer Alltäglichkeit. Strout macht fast beiläufig deutlich, dass das Bedeutsame eben oft im Einfachen und Trivialen steckt. Die großen Wünsche und Hoffnungen, das, was die Protagonisten umtreibt, all das zeigt sich im Alltag und nicht zu besonderen Anlässen, wie man vielleicht denken könnte. Dabei geht es eigentlich immer um Begegnungen und darum, was andere in uns auslösen, selbst wenn die Begegnung kurz und nichtig war. Selbst wenn alle anderen öfter an Lucy Barton denken, als sie an die anderen, die sie zurückgelassen hat. Manchmal bemerkt man erst hinterher, wo jemand eine Spur hinterlassen hat im eigenen Leben oder auch nur in den Gedanken, die nicht vom anderen lassen können.

Die einzelnen Episoden sind miteinander verlochten, berühren sich oftmals nur vage, doch Strouts Konstruktion geht auf. Manchmal liefert sie wie nebenbei in einem späteren Kapitel die zweite Sichtweise nach, die uns noch gefehlt hatte, erzählt etwas aus anderer Perspektive weiter. Das ist sehr gelungen und es zeigt wie nebenbei, dass immer alles fließt, dass alles und alle in dieser kleinen Stadt und darüber hinaus einander beeinflussen, ob man es nun will oder nicht.

Das alles liest sich so leicht und organisch, zieht so schnell hinein in diese Episoden, weil ihre Figuren so menschlich sind und Identifikationspotential bilden – mal mehr, mal weniger. Mal ist es nur ein Gedanke, ein Satz, den jemand sagt, bei dem man unwillkürlich denkt, ja, stimmt, so ist es, so einfach und so wahr. Und „Alles ist möglich“ zeigt eben auch genau das: Bei all den Plänen, die wir schmieden, ob kurz- oder langfristig, ist da auch immer eine Unvorhersehbarkeit, der wir ausgeliefert sind, ob nun positiv oder negativ.

Elizabeth Strout: Alles ist möglich, Luchterhand Verlag, 2018, 256 Seiten

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2 Antworten zu Die Unvorhersehbarkeit des Lebens – Elizabeth Strout: Alles ist möglich

  1. literaturreich schreibt:

    Bei mir herrscht eine große Elizabeth Strout-Liebe. Ich finde ihre Romane einfach wunderbar. Und ja, die deutschen Titel der vergangenen Romane waren einfach blöd. Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Ich mag ihre Art zu schreiben auch sehr. So unaufgeregt und fast wie nebenbei, aber dabei immer so treffend. Diese Beschreibung des Alltäglichen, das kann sie wirklich gut. Ich glaube, ihren letzten Roman fand ich nicht ganz so gut, aber dieser hier hat mich wieder vollkommen überzeugt. Viele Grüße zurück!

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