Meine Highlights 2018

Als ich anfing, mir Gedanken über meine Lieblingsbücher im fast vergangenen Jahr zu machen, hatte ich zunächst das Gefühl, dass es kaum echte Highlights gab. Das stimmt zwar so nicht, aber es war dennoch einfacher, diese Top Ten zusammenzustellen, als in den letzten Jahren. Es gab sie, die Bücher, die mich mitgerissen, begeistert, berührt und beeindruckt haben, aber es waren weniger als sonst. Hier sind also meine Lieblingsbücher 2018, die Reihenfolge ist völlig zufällig.

Mir ist übrigens bewusst (und vielleicht nur mir), dass ich hier vor nun schon längerer Zeit Rezensionen zu älteren Büchern angekündigt habe, die immer noch ausstehen. Ich habe einiges besprochen, was schon etwas älter ist, aber eben nicht das, was ich mir selbst vorgenommen habe. Ich mag Pläne und Listen, aber genauso gern lese ich spontan und nach Gusto. Dennoch habe ich meine Ankündigung im Hinterkopf, – und von Murakamis 1Q84 zum Beispiel habe ich das erste Buch längst gelesen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben… Doch nun erst einmal zu meinen Favoriten 2018:

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft

Eine Sinnsuche, der Versuch, zu verstehen, die Erinnerung eines Mannes an den großen Bruder. Erzählt wird von einer durchzechten Nacht, von Gesprächen, großen und kleinen Fragen, und über allem schwebt die Gewissheit, dass der Bruder kurz danach starb. Ein Trip durch die Nacht, ein Buch voller Bandwurmsätze, nachdenklich, melancholisch, aber auch voller Dankbarkeit – zumindest habe ich es so gelesen.

Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung

Die ungewöhnlichste Lektüre in diesem Jahr, ein Roman, der zwischen Tragik und Komik schwankt. Die junge Protagonistin plant, eine Art Winterschlaf zu halten, aus dem sie hofft, als neuer Mensch aufzuwachen. Natürlich kann das nicht wie erhofft funktionieren. Stets eine Spur zu dick aufgetragen, kritisiert Moshfegh einen Lebensstil der Selbstoptimierung und des stets Funktionierenmüssens, eine Geschichte, durch die man trotz der unsympathischen Protagonistin nur so hindurchjagt.

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Dieser Roman wird wahrscheinlich hauptsächlich auf „Worst of 2018“-Listen auftauchen als in „Bücher-des-Jahres“-Aufstellungen – zumindest habe ich auf anderen Blogs und auch im Feuilleton fast nur Verrisse gelesen. Aber sei es drum. Obwohl ich die Kritik oft nachvollziehen kann, habe ich die Geschichte um eine große Schuld in der Vergangenheit und Fragen um Schuld und Sühne atemlos gelesen, empfand sie als spannend und höchst unterhaltsam, hatte niemals das Gefühl, dass die Autorin den starken Plot nicht im Griff hatte. Für mich ein Pageturner.

Chris Kraus: Sommerfrauen, Winterfrauen

Vielleicht das für mich überraschendste Buch des Jahres, in dem der Autor bravourös zwischen Tragik und Komik hin und her pendelt, dessen Tiefgang sich erst nach und nach offenbart, mich dann aber total erwischt hat. Die Geschichte eines jungen Mannes, der in den 90er Jahren in New York, wo er einen Dokumentarfilm drehen soll, letztlich erwachsen wird. Er wird mit der Nazivergangenheit seiner Familie konfrontiert und steht auch persönlich vor großen Entscheidungen. Ein Buch, das sich mit Leichtigkeit schweren Themen widmet, manchmal grotesk und albern wird und dessen Mischung mich beeindruckt hat.

Michael Ondaatje: Kriegslicht

Michael Ondaatjes neuer Roman wirkte auf mich spät, traf mich dann aber mit voller Wucht und hallte so lange nach wie in diesem Jahr kein anderes Buch. Die Geschichte über zwei Kinder, die eines Tages von den Eltern alleingelassen werden mit ihnen unbekannten zunächst mysteriösen Männern. Als Leser hat man dabei stets den Wissensstand der Jugendlichen. Ondaatje schreibt distanziert und lässt bewusst Leerstellen und erzählt eine berührende Geschichte darüber, erwachsen zu werden und über eine besondere, wenn auch schwierige Beziehung zwischen Mutter und Sohn.

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Waclaw hat viele Jahre auf Ölbohrinseln gearbeitet, als sein Freund Mátyás plötzlich bei einem Unfall ums Leben kommt. Waclaw fühlt sich wie verloren und macht sich auf den Weg, zunächst nach Ungarn, in die Heimat des Freundes, der wohl mehr war als das, dann weiter in seine eigene Vergangenheit. Sprachlich wohl das herausragende Buch in diesem Jahr, voller Poesie und reich an Bildern und Metaphern, dann wieder kurz und knapp. Ein kraftvoller, sehr melancholischer Roman, dem man anmerkt, dass die Autorin auch in der Lyrik zu Hause ist. Ein großartiges Buch.

Kent Haruf: Lied der Weite

Ein leiser, aber sehr berührender und kraftvoller Roman darüber, was passieren kann, wenn man sich dazu entschließt, andere in sein Leben zu lassen, zu helfen. Neben anderen ist die junge Victoria, ungewollt schwanger, die nirgends hin kann und von zwei alten Männern aufgenommen wird, deren zurückgezogenes Leben sich durch die junge Frau vollends ändert. Die Geschichten anderer Menschen in dem kleinen Ort sind mit der Victorias und miteinder verschachtelt. Ein glasklarer Roman über Menschsein und Menschlichkeit.

Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort

Adam Hasletts sehr lesenswerter Roman hat, so mein Empfinden, nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die er verdient hat. Sein Protagonist John ist psychisch krank. Haslett beleuchtet nicht nur die Krankheit selbst und das Leiden Johns, sondern vor allem, wie es das Leben der kompletten Familie beeinflusst, wie die Angehörigen immer wieder versuchen, zu helfen und sich selbst dabei aus den Augen verlieren. Liebe lässt keine Wahl, hat aber – leider – auch Grenzen. Haslett arbeitet souverän heraus, wie Johns Krankheit die ganze Familie verändert und bestimmt.

Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden

Der Roman, der bereits 2003 erschien, schon lange ein Bestseller ist und erfolgreich verfilmt wurde, stand schon lange auf meiner Leseliste. Und er hat mich nicht enttäuscht. Die Geschichte von Eva, deren Sohn in der Schule Amok lief und mehrere Menschen tötete, ist spannend und psychologisch raffiniert, beschäftigte mich im Alltag, ließ mich verzweifeln an den Fragen, ob und wie man so etwas verhindern kann, ob Eva es gekonnt hätte. Eva geht hart mit sich ins Gericht, fragt sich immer wieder, wann was falsch lief, oder ob doch alles vorherbestimmt war. „Wir müssen über Kevin reden“ ist natürlich schwere Kost, aber auch ein Meisterwerk.

Dörte Hansen: Mittagsstunde

Ingwer geht auf die 50 zu, als er in sein nordfriesisches Heimatdorf zurückkehrt. Er scheint in einer Sackgasse zu stecken, den betagten Großeltern noch etwas zu schulden. Hansen balanciert sicher zwischen Heiterkeit und Melancholie, immer in Augenhöhe mit ihren Protagonisten. Ein berührender, wunderbarer Roman über Heimat, Abschied und Neubeginn.

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6 Antworten zu Meine Highlights 2018

  1. thursdaynext schreibt:

    Sieh an den Haruf und die Shriver hast du mir wieder in Erinnerung gerufen. herzlichen Dank und Guten Rutsch

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  2. literaturreich schreibt:

    Liebe Ines, ich schreibe ja generell keine „Worst of-Listen“, aber wenn… ;)
    Der Haslett hat es ganz knapp nicht auf meine Best-of geschafft, aber war für mich sicher auch eines der beeindruckendsten Bücher des Jahres. Auch die Lesung des Autors war für mich sehr eindrücklich, besonders da nur 10-15 Zuschauer anwesend waren. Sehr schade.
    Ich beginne das neue Jahr mit einem deiner Highlights, der Mittagsstunde. Da freue ich mich sehr drauf.
    Dir wünsche ich noch schöne Tage zwischen den Jahren und einen guten Jahresanfang. LG, Petra

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    • letteratura schreibt:

      Ich würde das auch nicht machen… ich hab auch dieses Jahr noch keine Worst-Liste gesehen, aber kann ja noch kommen… und man muss halt zu seinen Lieblingen stehen, gell. ;) Das mit dem Haslett verstehe ich nach wie vor nicht so recht, ist es das Thema, oder täuscht mich mein Eindruck vielleicht, und er wurde doch viel mehr beachtet? Hm. Auch Dir noch schöne Tage und einen guten Rutsch!

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  3. Constanze Matthes schreibt:

    Ondaatje habe ich auch sehr gern gelesen. Auf Helle und Hansen freue ich mich, die beiden Bücher liegen schon bereit. Kampmann habe ich mir schon seit längerem vorgemerkt, danke für die Erinnerung. Ich wünsche Dir einen guten Start in ein lesefreudiges, glückliches und vor allem gesundes Jahr. Viele Grüße

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    • letteratura schreibt:

      Kampmann war sprachlich besonders… ich hoffe, die Bücher werden Dir gefallen! Auch Dir ein glückliches neues Jahr mit vielen guten Büchern!

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