Ein Abend unter Freunden – Michael Kleeberg: Der Idiot des 21. Jahrhunderts

Michael Kleebergs „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ wird nicht als Roman bezeichnet, sondern als „Divan“. Das lässt natürlich als erstes an Goethes West-östlichen Divan denken, allerdings legt Kleeberg keine Gedichtsammlung vor, sondern eine Zusammenstellung von Geschichten und Berichten, die teils für sich stehen, grob und übergeordnet aber alle zusammenhängen. „Divan“ ist dabei nicht nur als Sammlung von Texten zu verstehen, sondern auch als Zusammenkunft von Menschen, denn es ist eine Gruppe, die sich im Haus eines der Freunde trifft und sich Geschichten erzählt, aus dem eigenen Leben oder aus dem anderer.

Dabei gibt es eine weitere wichtige Referenz, nämlich die Geschichte um Leila und Madschun, eine orientalische Liebesgeschichte, deren früheste bekannte Version aus dem 7. Jahrhundert stammt, von der es aber zahlreiche Varianten gibt. Im Grunde geht es dabei um zwei Liebende, die nicht zusammen sein dürfen, woraufhin der männliche Part sich auf viele Jahre an einen einsamen Ort ohne Kontakt zur Außenwelt zurückzieht. Diese alte Geschichte hat in „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ ein heutiges Pendant.

Kleeberg hat für sein neues Buch lange recherchiert und war viel im Nahen Osten unterwegs, hat Gespräche geführt und neue Perspektiven erfahren, wie er selbst im Nachwort schreibt. Herausgekommen ist ein Werk, das zunächst einmal schwer einzuordnen ist, das sich in seiner Vielfältigkeit und seiner Fülle an unterschiedlichsten Geschichten aber wunderbar liest. Es ist, als wäre man selbst mit dabei, an einem dieser Abende, an dem die Anwesenden zusammenrücken und jeder etwas erzählt und beizutragen hat, in einer Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt.

Thematisch geht es dabei stets um Ost und West (womit wir wieder bei Goethe wären), etwa um drei unterschiedliche, doch zumindest für eine gewisse Zeit befreundete deutsch-libanesische Paare, zu denen ein viertes hätte dazukommen können, wäre alles etwas anders gelaufen. Es geht um einen jungen Mann, der schuldlos des Terrors verdächtigt wird und daran zerbricht. Wir lesen von Bernhard, in dessen Haus die Freunde sich treffen, der mit Jugendlichen zusammenarbeitet und Erlebnisse mit muslimischen Familien schildert. Wir erfahren von Frauen, die sich dem IS angeschlossen haben und von Opfern von Terroranschlägen. Von der Flucht der persischen Sängerin Maryam, die nach der Iranischen Revolution nach Deutschland flieht und Herrmann kennen lernt – eine Liebesgeschichte mit Hindernissen.

Man kann, man muss sich treiben lassen in diesen so unterschiedlichen Geschichten, die sich auch stilistisch voneinander absetzen und so umso vielfältiger erscheinen. Die einzelnen als Bücher bezeichnete Kapitel folgen dabei der Logik eines geselligen Zusammenseins, bei dem die eine Geschichte die nächste ergibt, man durch eine Kleinigkeit auf ein neues Thema kommt und plötzlich gar nicht mehr weiß, warum man sich so weit vom Ursprung entfernt hat.

Dabei kommen wir immer wieder auf den Islam zurück, auf Geschichten von Flucht und Migration, von Heimat und Fremde. Und vor allem auf das, was uns alle eint, statt trennt. Manchmal trägt Kleeberg vielleicht ein wenig zu dick auf, ist sein Stil nicht immer geschliffen und klar. Den Gesamteindruck trübt das nicht. „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ ist eine prall gefüllte Collage von Geschichten, in denen sich Orient und Okzident auf verschiedendste Weise einander annähern und, mehr noch, zeigen, dass genau dies möglich ist. Lehrreich, kurzweilig, voller Leben und eben wie ein Abend unter Freunden.

Michael Kleeberg: Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Divan, Galiani Verlag, 2018, 464 Seiten

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