Baum und Mensch – Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens

„Die Wurzeln des Lebens“ ist ein gewichtiges Werk. Und das nicht nur ganz wörtlich, denn die über 600 Seiten wiegen ordentlich. Nein, Richard Powers hat sich in seinem neuen Roman, der für den Man Booker Prize nominiert war, auch eines schweren, eines wichtigen Themas angenommen. Es geht um nicht weniger als um den Planeten, auf dem wir, wie es immer so schön (und wahr) heißt, nur zu Gast sind, und dabei vor allem um die Bäume. Darum, wie die Wälder auf dieser Welt aus Profitgier einfach abgeholzt werden, ohne auf jene zu hören, die uns sagen, dass wir sie brauchen, dass wir sie nicht töten dürfen. Dass wir längerfristig denken müssen. Die Bäume waren lange vor uns da, doch wir hören ihre Botschaften nicht.

In Powers’ neuem Roman tummeln sich eine Reihe Menschen, von der Studentin, die ein ausschweifendes Leben führt bis zum Soldaten, von der einzelgängerischen Forscherin bis zur Geschäftsfrau, vom angehenden Professor bis zur Schauspielerin, und noch einige mehr. Sie alle kommen irgendwann, zu verschiedenen Punkten in ihrem Leben, wie vorherbestimmt wirkend oder doch ganz zufällig, mit Bäumen in Berührung. Sie begegnen sich und werden einander wichtig oder hören nur voneinander, sie sind auf unterschiedliche Art miteinander verbunden.

Dass ich einige Probleme mit diesem ambitionierten Werk hatte, hat verschiedene Gründe. Zunächst einmal ist es die Gliederung des Romans. Die Kapitel sind überschrieben mit „Wurzeln“, „Stamm“, „Krone“ und „Samen“, was mir als Idee erst einmal gut gefiel und eine Mehrdeutigkeit besitzt, die durchdacht ist. Powers überträgt den Aufbau des Baumes nicht nur auf die einzelnen menschlichen Lebensläufe in seiner Geschichte, sondern gibt dem Ganzen noch die ganz große Dimension, denn auch die übergeordnete Handlung – fern von den einzelnen Charakteren – folgt seinem Schema. Die Entscheidung aber, die Figuren über acht Kapitel, die ein Drittel des Werkes ausmachen, erst einmal ausführlich nacheinander vorzustellen, hat zur Folge, dass es so wirkt, als würde die Geschichte erst nach diesem Drittel wirklich beginnen. Bis hierhin stehen sie alle für sich. Wir lesen acht Mal Kindheit und Jugend, acht Einführungen – da musste ich in der siebten Biographie durchaus mal zurückblättern und schauen, wer eigentlich Nummer Zwei war und was sie ausgemacht hat. Organischer wäre es gewesen, die Vorgeschichten der Figuren in die Haupthandlung einzubauen, aber dem steht die Struktur des Romans entgegen.

Dabei sind die einzelnen Lebensläufe interessant, Powers schafft überzeugende Charaktere, schreibt fesselnd und hält stets die Neugier des Lesers aufrecht, der wissen möchte, wie es mit den Figuren weitergeht – in unterschiedlichem Ausmaße. Es gibt charismatische, faszinierende unter ihnen, und andere, die eher Folgende als Anführer sind.

Und es wird dramatisch, so viel darf verraten werden. Powers hat eine Botschaft und diese unter die Leserschaft zu bringen, ist sein Ziel. Er möchte wachrütteln, uns zeigen, dass es Zeit ist, zu handeln und dafür ist auch vonnöten, nicht nur mahnend den Finger zu erheben – was er tut –, sondern plastische Bilder zu malen, realistisch zu bleiben.

Ich habe sehr lang für die Lektüre von „Die Wurzeln des Lebens“ gebraucht, was vor allem daran lag, dass sich im Roman sehr starke, pointierte Szenen, die einfach sitzen, die ins Mark gehen, abwechseln mit vielen langatmigen, beschreibenden Passagen. Diese sind nötig, um das viele Wissen um die Bäume, dass der Autor vermitteln möchte, unterzubringen. Sie geraten aber zu lang, verlangsamen die Handlung und ziehen den Leser aus der Geschichte. Vielleicht sind es insgesamt auch einfach zu viele Hauptfiguren, die immer wieder zu lange verlassen werden, um dann plötzlich wieder aufzutauchen. Hier wäre meiner Meinung nach weniger mehr gewesen.

Dennoch ist „Die Wurzeln des Lebens“ lesenswert und lehrreich. Ein Roman, der aktueller kaum sein könnte, der zur rechten Zeit kommt, auch wenn das starke Gefühl zurückbleibt, dass Richard Powers zwar aufrütteln möchte, an den Erfolg dieses Aufrüttelns aber eigentlich selbst nicht glaubt. „Die Wurzeln des Lebens“ habe ich nicht nur realistisch, sondern auch pessimistisch gelesen.

Richard Powers: Die Wurzeln des Lebens, Fischer Verlag, 2018, 624 Seiten

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