Verborgenes Leben – Christoph Hein: Verwirrnis

Friedeward und Wolfgang lernen sich in der Schule kennen, verstehen sich auf Anhieb, werden Freunde und schließlich ein Liebespaar. Ihnen ist schnell klar, dass niemand von ihrer Beziehung wissen darf. Es sind die 50er Jahre, wir befinden uns in einer kleinen katholischen Stadt in Thüringen, und vor allem Friedewards Vater – und Friedewards Geschichte ist dies hier vor allem – lässt keinen Zweifel aufkommen, dass das, bei dem er die beiden eines Tages überrascht, für ihn eine Sünde ist. So tut er denn auch alles, um die beiden voneinander zu trennen, scheut auch vor Drohungen nicht zurück.

Friedewards ältere Geschwister sind schon früh aus dem gefühllosen und gewalttätigen Elternhaus geflohen, sein Bruder hinterlässt nur die Nachricht, er habe sich nach Amerika aufgemacht, die Schwester heiratet einen älteren früh verwitweten Mann und erzieht mit ihm gemeinsam seine kleine Tochter. Nur Friedeward bleibt zunächst übrig, bis er mit Wolfgang zum Studium nach Leipzig geht. Hier trifft er auf ein liberaleres Umfeld, findet Freunde, sie lernen ein lesbisches Paar kennen. Doch Homosexualität ist auch im Umfeld der Universität nicht akzeptiert. Friedeward und Wolfgang bleiben weiter gezwungen, ihre Neigung geheimzuhalten.

Christoph Hein erzählt in „Verwirrnis“ vom Leben seinen Helden Friedeward, eines umgänglichen und stets freundlichen, meist eher ruhigen Intellektuellen, der sich in den Geisteswissenschaften heimisch fühlt, während sein Freund Wolfgang sich der Musik verschreibt. Dem Leser wird dabei leider früh klar, dass es den beiden wohl nicht möglich sein wird, jemals offen als Paar zu leben. Nicht nur ist es die Kirche, deren Ansichten im Roman vor allem von Friedewards Vater verkörpert werden. Homosexualität ist für ihn schlicht krank. Auch die Vertreter des aufkommenden sozialistischen Staats, der mehr und mehr in den Fokus der Geschichte rückt, wissen mit dem Wissen um Friedewards Homosexualität umzugehen und es für sich zu nutzen.

Heins Sprache ist reduziert und eher nüchtern, hier wird nichts ausgeschmückt, nichts angedeutet, sondern alles direkt erzählt. Manchmal hat mich das in seiner Unumwundenheit irritiert, doch verfehlt der unaufgeregte Stil des Autors auf der anderen Seite nicht seine Wirkung, was mir vor allem im Hinblick auf die teils nur schwer erträglichen Szenen, in denen Friedeward von seinem Vater körperlich bestraft und gedemütigt wird, in Erinnerung geblieben ist. So eine kalte Erziehung ohne jede Zuwendung! So lesen wir denn auch, dass es den Eltern um Liebe gar nicht gegangen sei, sondern vielmehr um Gottesfürchtigkeit. Sie ist für sie am Ende das, wirklich zählt.

„Verwirrnis“ ist ein eher kompakt erzählter Roman, der sich sehr auf Friedeward und sein Leben konzentriert. Einige Figuren tauchen nur zu einem frühen Zeitpunkt auf, um nicht wieder erwähnt zu werden, wobei ich gern erfahren hätte, wie es ihnen weiter ergangen ist. Insgesamt gelingt es dem Autor, wie nebenbei ein Zeitpanorama zu malen, ein halbes Jahrhundert vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen. So könnte man „Verwirrnis“ vielleicht ein zwar reduziertes Buch nennen, das dennoch große Kraft entfaltet und das trotz seines eher melancholischen Grundtons nicht in Verzweiflung abdriftet.

Christoph Hein: Verwirrnis, Suhrkamp Verlag, 2018, 303 Seiten

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Eine Antwort zu Verborgenes Leben – Christoph Hein: Verwirrnis

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Der Roman hat mir sehr gefallen. Gerade oder wegen dieser kargen Sprache gab es Szenen, die mich sehr berührt haben. Viele Grüße

    Gefällt 2 Personen

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