Vergangenes Königreich – Anna Katharina Fröhlich: Rückkehr nach Samthar

„Die geheime Macht eines Ortes! Niemals wird sich eine Antwort auf die rätselhafte Anziehung gewisser Stätten finden, an denen wir uns einbilden, am richtigen Ort angekommen zu sein.“ S. 53

Dass über Anna Katharina Hahns Roman „Rückkehr nach Samthar“, der im Juli im C.H. Beck Verlag erschien, nicht allzu viel im Internet zu finden ist, erstaunt nicht. Sehr speziell ist der Stoff, den die Autorin hier verarbeitet, und vermutlich greift man hier nur zu, wenn man ein besonderes Interesse hat. Ein Interesse an Indien, an einem Indien, das es so eigentlich gar nicht mehr gibt, ein Interesse auch an einem Roman, der eigentlich mehr einer Reisebeschreibung gleicht, der mit einem eher schmalen Plot aufwartet.

Da „Rückkehr nach Samthar“ meine erste Begegnung mit einem Werk der Autorin ist, fällt die Möglichkeit, Vergleiche zu ziehen zu früheren Romanen, weg, den ganz eigenen „Fröhlich-Ton“, von dem ich in einer Rezension las, konnte ich also nicht wiederentdecken. Erkennen konnte ich ihn dennoch, einen ganz eigenen Plauderton, in dem die Ich-Erzählerin von dieser Reise, von ihrer Rückkehr in das alte, das ehemalige Königreich Samthar erzählt. Bereits als kleines Kind war sie dort, mit ihrem zweiten Stiefvater, der kurz danach ihre Mutter heiratete, eine ungewöhnliche Reise, auf die die Mutter das Kind schickte, die selbst nicht mit dabei war.

Auf den ersten Seiten lesen wir von dieser früheren Reise, die auch die Autorin selbst als kleines Kind unternommen hat – der Roman trägt autobiographische Züge. Ich habe die Autorin auf der Frankfurter Buchmesse erleben dürfen und das Bild dieser sympathischen, selbstbewussten, in sich ruhenden und doch auch ein wenig extravagant auftretenden Frau schob sich während der Lektüre immer wieder wie zwangsläufig vor mein geistiges Auge, wenn ich mir die Ich-Erzählerin vorstellte.

Als diese zurückkehrt, mehr als 30 Jahre sind inzwischen vergangen, ist Samthar längst kein Königreich mehr (bereits 1950 fiel der Fürstenstaat dem noch jungen Staat Indien zu), der Maharaja hat keine Macht mehr, sein Titel ist nur noch ein Höflichkeitstitel. Angesehen ist er dennoch, und seine Welt scheint denn auch stehengeblieben zu sein. Die Erzählerin beobachtet das Leben um sie herum, den machtlosen Herrscher und seine Bediensteten, das Leben in der Festung, stets distanziert und doch voller Faszination. Als irgendwann die Nichte des Maharajas mit ihrem Mann zu Besuch kommt, hält mit ihnen auch das moderne Indien Einzug. Die Erzählerin ist fasziniert von der jungen Frau, die sich so sicher zwischen den Welten bewegt.

Indien ist ein schwer zu verstehendes Land, ein Land voller Vielfalt und Widersprüche, das hat die Lektüre von „Rückkehr nach Samthar“ einmal mehr gezeigt. Fröhlich verlässt sich in ihrem Buch darauf, dass das, was sie erzählt, schon die Kraft haben werde, den Leser zu fesseln, es gibt kaum eine Handlung, einen Konflikt oder Ähnliches. Im Mittelpunkt stehen die Erlebnisse, die sinnlichen Eindrücke dieser Reisenden, die sie aufsaugt, die in ihr arbeiten, die sie verarbeitet und an denen sie uns teilhaben lässt. Es ist eine große Faszination, die das Land auf sie hat, und es ist der stete Abgleich dessen, was sie noch aus ihrer frühkindlichen Reise in Erinnerung hat. Fröhlich erzählt selbstbewusst und in völligem Vertrauen auf ihren Stoff, und so, als haben sie ihre potentiellen Leser niemals im Kopf, als schreibe sie nur für sich selbst. So wirken ihre Worte einerseits spontan, andererseits schreibt sie gewählt und ausschmückend. Es erfordert ein gewisses Einlassen auf diesen Text, bei dem mir im letzten Teil dann doch irgendwann ein wenig der Spannungsbogen gefehlt hat. Dennoch ist „Rückkehr nach Samthar“ ein lesenswerter Roman, ein Innehalten, ein bisschen wie eine Reise nicht nur durch den Raum, sondern auch die Zeit, die in Samthar wie stehengeblieben zu sein scheint. Eine weitere Facette Indiens, die hier auflebt und die immer auch die Reflexion darüber einschließt, was dieser Ort nicht nur im Inneren eines Besuchers, sondern auch des Lesers auszulösen vermag.

Anna Katharina Fröhlich: Rückkehr nach Samthar, C.H. Beck Verlag, 2018, 270 Seiten

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6 Antworten zu Vergangenes Königreich – Anna Katharina Fröhlich: Rückkehr nach Samthar

  1. marinabuettner schreibt:

    Ich habe vor Jahren „Kream Korner“ gelesen. Da spielt Indien auch schon eine Hauptrolle. Und ich mag Fröhlichs Sprache sehr. Du hast mich wieder an dieses neue Buch von ihr erinnert und ich werde nun in der Bibliothek mal schauen, ob ich es finde. Soweit ich weiß, lebt die Autorin ganz wunderschön naturnah am Gardasee. Das wirkt bestimmt ausgleichend …
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Ja, ich glaube auch… Und dass sie in diesem Buch viel Autobiographisches verarbeitet hat. Es ist vermutlich schon etwas speziell und ich tu mich oft schwer, wenn es „wenig Plot“ gibt und viele beschreibende Passagen, aber hier war das alles so wunderbar farbenfroh und interessant… Auch nachdem es jetzt ein paar Tage her ist, dass ich das Buch beendet habe, wirkt das noch nach. Bin gespannt, ob es Dir gefällt. Ich werde die Autorin auch im Auge behalten. Viele Grüße und einen schönen 1. Advent!

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