Flüchtigkeit und die Suche nach dem eigenen Weg – Paolo Cognetti: Sofia trägt immer Schwarz

Sofias Eltern sind jung, als sie heiraten, und sie heiraten, weil sie unterwegs ist, was im Umkehrschluss heißt, dass sie womöglich – wahrscheinlich, wenn wir den weiteren Verlauf der Geschichte bedenken – nicht zusammengeblieben wären ohne die Ankündigung des Nachwuchses. Sofia bleibt ein Einzelkind, zerrieben zwischen den Eltern, die von einer Krise in die nächste schlittern, die Mutter von psychischen Problemen geplagt, der Vater hilflos gegenüber den häufigen und extremen Stimmungswechsel seiner Frau.

Sofia ist nicht nur Einzelkind, sondern auch Einzelgängerin, schwer zu fassen auch als Figur in diesem Roman, zumindest einerseits, denn andererseits ist das Bild, dass Paolo Cognetti von ihr zeichnet, klar und deutlich. Es gelingt ihm hervorragend, seine Hauptfigur in ihrer Flüchtigkeit zu charakterisieren. Dabei geht er nicht chronologisch bzw. stringent vor, sondern erzählt episodenhaft aus dem Leben Sofias wie auch aus dem ihrer Eltern, ihrer schwierigen Ehe, so dass immer mehr Facetten hinzukommen, bis das Bild am Ende zwar keineswegs vollständig, aber doch so abgerundet ist, sodass man den schmalen Roman mit zufriedenem Gefühl zuklappt.

„Sofia trägt immer Schwarz“ ist der Debütroman von Paulo Cognetti aus dem Jahr 2012, der aufgrund des großen Erfolgs seines Romans „Acht Berge“ nun auch auf Deutsch vorliegt. Ich habe „Acht Berge“ noch nicht gelesen, jedoch bin ich nach der Lektüre dieses Romans umso gespannter auf das Buch, denn Cognetti beweist schon in seinem früheren Roman, dass er ein Meister der Charakterisierung ist und dass er es versteht, Atmosphären zu schaffen, die beim Leser das Gefühl aufkommen lassen, er wäre nicht nur ein stiller Beobachter, sondern mit dabei, mittendrin im Geschehen.

Sofia wird dabei meist von außen, aus der Perspektive anderer Figuren charakterisiert, die verschiedene Rollen in ihrem Leben einnehmen und somit verschiedene Facetten Sofias beleuchten. Neben den Eltern, zu denen sie unterschiedliche, nicht immer einfache Beziehungen pflegt, ist da zum Beispiel die alleinstehende Tante Marta, die sich Sofias annimmt, ist da die Begegnung mit einer Kindheitsfreundin, die im Gedächtnis bleibt. Und später, als es Sofia aus Italien fortzieht aus Italien bis nach New York, wo sie Schauspielerin werden möchte – auch hier hinterlässt sie Spuren, wo sie doch am liebsten lautlos verschwindet. Es geht stets um Begegnungen, darum, wie andere Menschen unser Leben betreten, dort kürzer oder länger verweilen, etwas verändern, uns wieder verlassen, ohne dass das immer bewertet werden müsste. Es geht um Flüchtigkeiten, darum, wie alles fließt, und wie eine junge Frau ihren Platz sucht, und das auf die ihr eigene, eigenwillige und sympathische Art und Weise.

„Sofia trägt immer Schwarz“ ist ein Roman in der Schwebe, einer, den ich aufgrund des ruhigen, des unaufgeregten und lebensbejahenden Tons, obwohl Sofia von Problemen, von Verlust und Trauer nicht verschont bleibt, sehr gern gelesen und in dem ich mich für die eher kurze Zeit der Lektüre wohlgefühlt habe. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob mir Sofia lange im Gedächtnis bleiben wird – vielleicht ist der Roman mir dafür ja doch ein wenig zu schlaglichthaft – Paolo Cognetti werde ich im Auge behalten und „Acht Berge“ ist gleich auf meine „Zu-lesen-Liste“ gewandert.

Paolo Cognetti: Sofia trägt immer Schwarz, Penguin Verlag, 2018, 240 Seiten

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