Antiheld – Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent

Terézia Mora wurde in diesem Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Grund genug, endlich einmal einen Roman der Autorin zu lesen, die zweisprachig aufwuchs und auch als renommierte Übersetzerin aus dem Ungarischen bekannt ist.

„Der einzige Mann auf dem Kontinent“, das ist Darius Kopp, Anfang 40, und der einzige Vertreter seiner amerikanischen Firma für drahtlose Netzwerke in Mittel- und Osteuropa. Und so kommt Moras Romanheld, der alles andere als ein Held ist, einem auch vor: allein und isoliert. Kopp möchte ein guter Kerl sein, ein guter Mitarbeiter in seiner Firma und für die Kollegen im Ausland, einer, der mit allen gut kann. Ein guter Mann für seine Frau und große Liebe Flora, mit der es nicht mehr so gut läuft. Wir Leser erleben eine Woche mit Kopp, in der uns chronologisch erzählt wird, wie alles droht, erst langsam, dann immer schneller den Bach herunterzugehen.

Dabei fehlen Beschreibungen, Erläuterungen einer höheren Instanz völlig, vielmehr ist die Sichtweise Kopps die einzige, von der der Leser erfährt. Die Dialoge sind dabei schnell und die Perspektive wechselt oft in kürzester Zeit von einer Außen- zu einer Sinnensicht und wieder zurück. Das führt dazu, dass sich „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ schnell lesen lässt und dass der Roman nie langweilig wird: Das Tempo ist hoch.

Vielleicht ist das auf der anderen Seite erstaunlich, weil dieser Darius Kopp keine besonders sympathische Figur ist, niemand, mit dem man gern mitfiebern würde, ja, eigentlich blieb er mir seltsam fern und mein Blick auf ihn war eher ein analytischer denn ein mitfühlender. Mora fängt ihn und sein Leben prägnant ein, der Roman spielt etwa 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise und zeigt überzeugend auf, wie Kopp einem Ideal hinterher läuft, immer erreichbar, immer auf zack, nett und freundlich zu allen, vorausschauend und immer alles mitdenkend. Sehr schön abzulesen ist dies an den wiederholten Überlegungen Kopps, wenn er Telefonate nach Übersee führen muss und konzentriert die Zeitverschiebung berechnet – wann ist der richtige Moment für welchen Anruf – und am Ende irgendwie doch immer zu spät kommt. Schon früh bekommt man den Eindruck, Kopp laufe immer etwas Unerreichbarem hinterher. Die Firma scheint dabei nach und nach zum Phantom zu werden und schließlich auch Kopp selbst, er rackert sich ab und wird doch im Laufe des Romans weniger greifbar.

Auch privat sieht es nicht gut aus. Ein moderner, einfühlsamer Mann zu sein für seine Frau, die er aufrichtig liebt, ist für Kopp schwierig – oder sogar unmöglich? Manchmal ist es rührend, ihm dabei zuzusehen. Kopp ist einer, der sich abmüht und doch nicht belohnt zu werden scheint.

Lange wusste ich nicht, was ich halten soll von Terézia Moras Roman aus dem Jahr 2009, dessen Fortsetzung „Ungeheuer“ (2013) mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Der Stil der Autorin ist prägnant und man fliegt mit ihr nur so durch die Seiten, da ist wenig Zeit zum Innehalten – hier setzt sich die Ruhelosigkeit des Protagonisten also fort. Mit ein wenig Abstand wächst nun aber die Überzeugung, dass „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ ein gelungener Roman ist, einer, der eine Zeit und ein Lebensgefühl einfängt – und ein Scheitern. Moras Blick ist einer aus der Distanz, und erst nach und nach habe ich mit Kopp wirklich mitgefühlt. War ich mir zunächst nicht sicher, so ist „Ungeheuer“ nun doch mit Nachdruck auf die „Zu-lesen-Liste“ gewandert. Ich muss wissen, wie es mit Darius Kopp weitergeht.

Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent, btb Taschenbuch, 2011, 384 Seiten

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4 Antworten zu Antiheld – Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent

  1. Claudia schreibt:

    Gerade habe ich mir vorgenommen, ein bisschen Terézia Mora in den Weihnachtsferien „nachzulesen“, nachdem mir im Sommer doch die Erzählungen „Liebe unter Aliens“ so gut gefallen haben. Da ich aber sonst noch nichts Literarisches von der Autorin gelesen habe, wird es ja Zeit. Und da – so mein Plan – sollte natürlich auch Darius Kopp dabei sein. Da kommt deine Besprechung gerade recht und bestärkt mein Weihnachtslesevorhaben. Nun bin ich gespannt, ob ich die Ruhelosigkeit des Protagonisten auch so intensiv erlebe, wie du es beschrieben hast.
    Viele Grüße, Claudia

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    • letteratura schreibt:

      Da bin ich auch gespannt! Ich kannte die Autorin ja vorher auch noch gar nicht, bin auch neugierig, was sie sonst noch so geschrieben hat. Und was du dann von deiner Lektüre erzählen wirst! Viele Grüße!

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