Krieg, Verlust und erzählerische Kraft – Michael Ondaatje: Anils Geist

Michael Ondaatjes aktueller Roman „Kriegslicht“ ist eine der Lektüren in diesem Jahr, die mich noch lange beschäftigt haben und beschäftigen. Irgendetwas ist da am Stil und an der Art und Weise des Autors, seine Geschichte zu erzählen, die lange nachhallen. Ein Grund für mich, mich mit weiteren Werken des Autors zu beschäftigen, so mit dem im Jahr 2000 erstmals erschienenen Roman „Anils Geist“.

In diesem Roman geht Ondaatje zurück in seine Heimat Sri Lanka. Dort wurde er geboren, bevor er wenige Jahre später zunächst nach England und später dann nach Kanada ging. Ondaatjes Hauptfigur Anil ist eine junge Frau, die nach etwa 15 Jahren, die sie im Westen verbrachte, in ihr Heimatland zurückkehrt. Dort soll sie als Forensikerin für eine Menschenrechtsorganisation mithelfen, nachzuweisen, dass die Regierung an den Verbrechen des Bürgerkriegs, der in den 80er und 90er Jahren in Sri Lanka tobte, beteiligt war. Sie trifft dort den Archäologen Sarath, der für sie lange Zeit undurchsichtig bleiben wird, seinen Bruder, den Arzt Gamini und den Einsiedler Palipana. Allesamt sind sie versehrte Menschen, denen der Krieg Leid zugefügt und der ihnen geliebte Menschen genommen hat.

„Anils Geist“ porträtiert die versehrten Figuren auf behutsame und leise Weise, Ondaatje erzählt trotz des schweren Themas sehr unaufgeregt. Seine klare, fast einfache Sprache, sein schnörkelloser Stil entwickeln eine große Kraft, die neben der Düsternis, die die Geschichte voller grausiger Details ausstrahlt, immer auch ein wenig Hoffnung aufkeimen lässt.

Ondaatje widmet sich seinen Figuren und ihren Geschichten in zusammenhängenden Episoden, so dass sich seine Themen nur nach und nach zeigen. Da ist die Titelfigur Anil, die aus der Fremde zurückkehrt in die Heimat, und die irgendwie dazugehört und auch wieder nicht, denn sie war nicht dort während vieler Kriegsjahre, sondern hat ein behütetes, westliches Leben gelebt. Über ihre Vergangenheit möchte sie nicht reden, nur die Gegenwart soll eine Rolle spielen. Die Vergangenheit der anderen unterscheidet sich von ihrer denn auch maßgeblich, denn diese sind unmittelbar von der Grausamkeit des Krieges betroffen. So geht es immer wieder um unterschiedliche Arten von Verlusten, um eine westliche und eine östliche Lebensweise und die Frage, ob und wie diese miteinander zu verbinden sind.

Die Handlung des Romans ist somit teils unzusammenhängend, viele, sehr ausdrucksstarke Szenen bleiben eher für sich. Dadurch fällt man vielleicht nicht sofort in einen Lesefluss, was aber aufgrund der erzählerischen Wucht, die Ondaatje zu Eigen ist, nicht weiter stört. Es scheint ihm eher darum zu gehen, Bilder zu malen, ein Panorama zu zeichnen eines verwundeten Landes, das er, so hat man während der Lektüre den Eindruck, nach wie vor liebt und an dem er hängt.

Anils Mission in Sri Lanka ist gefährlich, natürlich gibt es Menschen, die sie loswerden wollen. Somit erhält Ondaatjes Roman auch thrillerhafte Züge, die aber nicht im Mittelpunkt stehen. „Anils Geist“ ist ein besonderes Buch, kein gefälliges, aber ein ambivalentes, voller Kraft, in dem der Autor einmal mehr zeigt, dass er ein großer Erzähler ist. Und so freue ich mich, dass es noch einige Romane Ondaatjes für mich zu entdecken gibt und hoffe, dass er noch viele weitere schreiben wird.

Michael Ondaatje: Anils Geist, dtv Taschenbuch, 336 Seiten

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2 Antworten zu Krieg, Verlust und erzählerische Kraft – Michael Ondaatje: Anils Geist

  1. Christiane schreibt:

    Ich liebe Ondaatje sehr. Das einzige seiner Bücher, mit dem ich nicht kann, ist ausgerechnet dieses, Anils Geist. Es liegt an seiner Schilderung der Grausamkeit, der Gewalt des Krieges, bei ihm verstört sie mich.
    Vielleicht muss ich es noch mal versuchen; unterdessen freue ich mich sehr, mehr deiner klugen Gedanken über seine Bücher zu lesen.

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    • letteratura schreibt:

      Man muss ja nicht jeden Roman eines geliebten Autors gleich mögen. Ich fand „Anils Geist“ auch weniger zugänglich als „Kriegslicht“, aber ich habe die gleiche erzählerische Kraft gefunden, die man im ersten Moment vielleicht nicht unbedingt bemerkt, und das fasziniert mich so an diesem Autor.

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