Spannungsloses Marokko – Christine Mangan: Nacht über Tanger

Tanger, die 50er Jahre. Marokko steht kurz vor seiner Unabhängigkeit, die Stimmung im Land ist aufgeheizt, als die junge Alice mit ihrem Mann in die nordafrikanische Stadt zieht. Dort verlässt sie kaum die gemeinsame Wohnung, fühlt sich nicht wohl fern ihrer Heimat. Eines Tages steht dann Lucy vor ihrer Tür, die Freundin, mit der sie in den USA das College besucht hat und von der sie eigentlich dachte, dass sie sie nicht wieder sehen würde. Lucy nimmt wie selbstverständlich wieder ihren Platz in Alices Leben ein und zieht bei ihr und John ein.

John und der Gast verstehen sich nicht gut, und auch zwischen Alice und Lucy besteht eine Spannung, denn es ist etwas vorgefallen, auf das gerade im ersten Drittel des Romans immer wieder angespielt wird, etwas, das zwischen ihnen steht. Nach und nach wird dann deutlich, wie alles zusammenhängt, welche Ziele die beiden Frauen und auch John verfolgen und der Roman entwickelt sich zu einer Art Psychothriller.

„Nacht über Tanger“ von Christine Mangan konnte mich leider nicht überzeugen. Das beginnt schon damit, dass die Autorin die beiden Frauen abwechselnd aus der Ich-Perspektive erzählen lässt, man sie aber anhand der Sprache bzw. ihrer Erzählstimmen gar nicht auseinander halten kann. Sie klingen gleich. Im Laufe der Geschichte legt sich das, was aber inhaltliche Gründe hat.

Die Andeutungen, die Mangan bezüglich des Vorfalls in der Vergangenheit macht, der in Vermont geschehen ist, häufen sich sehr, als solle unbedingt wieder und wieder Spannung aufgebaut werden. Das ist alles andere als subtil. Auch für die Sprache gilt das. Alles wird ausbuchstabiert und erklärt, jede Gefühlsregung der Protagonistinnen dreimal neu in anderen Worten erklärt, das wirkt sehr brachial. Wo andere mit wenigen Worten Stimmungen erzeugen, werden sie einem hier nur so eingeprügelt. Der Roman liest sich wie der Versuch, psychologisch genau zu sein, es werden aber nur die Geschichte und der Erzählfluss immer wieder unterbrochen.

Besonders ärgerlich, gerade bei einem Spannungsroman, empfand ich die Vorhersehbarkeit im Roman. Sobald man das Setting und die Charaktere einigermaßen kennengelernt hat, kann man ziemlich genau sagen, wer hier welche Rolle spielt und auch, was in der Vergangenheit ablief sowie wie sich alles entwickeln wird. Überraschungen sind sehr rar.

Ich bin kein Spannungsleser, „Nacht über Tanger“ war womöglich von vornherein das falsche Buch für mich. Gereizt haben mich Zeit und Ort, Marokko in den 50er Jahren, das versprach, eine spannende Konstellation zu sein. Allerdings geraten der Schauplatz und die politischen Geschehnisse sehr in den Hintergrund. Die Autorin schafft hier zwar ein Stück weit Atmosphäre, das reicht aber längst nicht aus. „Nacht über Tanger“ ist aus meiner Sicht leider eine Enttäuschung.

Christine Mangan: Nacht über Tanger, Blessing Verlag, 2018, 368 Seiten

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2 Antworten zu Spannungsloses Marokko – Christine Mangan: Nacht über Tanger

  1. Karo schreibt:

    Oh Gott, ich gebe dir so recht! Dieser Roman ist ein gutes Beispiel dafür wie ein Creative Writing Studium in die Hose gehen kann. Programmatisch entworfen, nach Lehrbuch halt, jedoch ohne eigene Handschrift. Ich könnte noch einen Roman dieser Autorin lesen, ohne zu merken, dass es ein und dieselbe Person geschrieben hat. Das ist kein gutes Zeichen ;-/

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