Flucht – Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung

Der Gedanke, einen Winterschlaf zu halten, einfach für Monate raus zu sein, nichts mehr mitzubekommen – der hat schon etwas Reizvolles. Die junge Protagonistin in Ottesa Moshfeghs neu im Liebeskind Verlag erschienenen Romans „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ wünscht sich genau das und versucht alles, um diesen Plan in die Tat umzusetzen. Dabei würde man eigentlich denken, sie habe keinen Grund, sich vor der Welt verkriechen zu wollen, finanziell ist sie abgesichert, sie lebt in Manhattan und muss nicht einmal arbeiten. Sie sieht außergewöhnlich gut aus, das lässt sie den Leser ohne falsche Bescheidenheit wissen, dennoch ist sie so unzufrieden mit sich und ihrem Leben, dass sie sich wünscht, ihm zu entkommen. Ihre Eltern leben nicht mehr, doch augenscheinlich belastet sie das nicht weiter, ja, ganz generell macht sie einen abgeklärten, oft auch genervten Eindruck.

Genervt ist sie vor allem von ihrer Freundin Reva, die, so scheint es, sich einfach nicht vertreiben lässt aus dem Leben der namenlosen Protagonistin, obwohl die sie nicht gerade freundlich behandelt. Reva, selbst eine hübsche junge Frau, ist nicht ganz so dünn wie die Protagonistin, wie wir erfahren, einen unterschwelligen Wettstreit gibt es hier zwischen den beiden, sie ernährt sich hauptsächlich von Seven up light und Thunfisch und redet der Erzählerin eindeutig zu viel. Als Revas Mutter stirbt, bittet sie die Freundin, ihr beizustehen, was diese sehr widerwillig tut, auf Reva wegen ihrer emotionalen Ausbrüche aber herabschaut.

Schließlich hat sie sich eine Therapeutin, Dr. Tuttle, gesucht – eine, deren Beistand viel kostet, die aber keine Skrupel hat, Schlaf- und Beruhigungsmittel in Massen zu verschreiben. Eine, bei der von der ersten Minute an klar ist, dass sie eine Scharlatanin ist, die ihrer Patientin nicht einmal zuhört. Doch diese zieht sich mit den Medikamenten in ihre Wohnung zurück und tut alles, um sich systematisch auszuschalten, immer länger zu schlafen und die Wachphasen immer weiter zu verkürzen, in dem Bestreben, irgendwann, wenn sie nur lang genug geschlafen hat, als jemand anderes in einem besseren Leben zu erwachen.

„Natürlich war man als Mensch verletzlich und vergänglich und so weiter, aber ich setzte mein Leben gern aufs Spiel, wenn ich dafür den ganzen Tag lang schlafen und zu einem neuen Mensch werden könnte.“ S. 34

„Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ ist ein außergewöhnliches Buch, bei dem ich lange nicht wusste, wo die Autorin mich hinführt, wo die Geschichte hingeht und vor allem, wie das alles wohl ausgehen würde. Erzählt wird das alles von jemandem, der nicht gerade zur Identifikation einlädt. Der Wunsch, einen Winterschlaf zu halten, ist mir außerordentlich sympathisch, die Protagonistin ist es keineswegs. Nicht nur scheint sie selbst niemanden zu mögen, sondern immer nur genervt zu sein, auch stellt sie sich als so gefühlsarm dar, dass man sich immer wieder fragt, inwieweit sie sich und uns etwas vormacht, wenn sie etwa kein Wort der Trauer für ihre eigenen Eltern übrig hat.

Skurrile Momente beschert der Roman immer dann, wenn die Protagonistin ihre Therapeutin aufsucht. Dr. Tuttle gibt sich nicht einmal die Mühe, Interesse an ihrer Patientin vorzutäuschen, ihr zuzuhören und gibt ziemlich viel Blödsinn von sich. Mit der Zeit habe ich mich auf die sehr witzigen Dialoge zwischen den beiden gefreut.

„In einer australischen Studie wurde kürzlich festgestellt, dass man vom Ertrinken träumt, wenn man auf dem Rücken schläft. Für uns ist das natürlich nicht unbedingt zutreffend, weil wir auf der gegenüberliegenden Seite der Welt leben. Also schlafen Sie vielleicht lieber auf dem Bauch und sehen, wie sich das auswirkt.“ S. 86

So ganz klappt das mit dem Winterschlaf nicht, wie erhofft, und die Protagonistin stellt fest, dass sie offenbar in den Schlafphasen ein Eigenleben führt, auf Einkaufstouren geht und mit Männern im Internet chattet. Wenn sie wach ist, findet sie Hinweise darauf, kann sich aber an nichts erinnern. Sie versucht, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, zu verhindern, dass sie etwa im Schlaf die Wohnung verlässt, doch erweist sich das als schwierig.

„Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ liest sich durchweg ein Stück zu dick aufgetragen, übertrieben, satirisch. Durch diese Art des Erzählens entsteht eine sehr eigene Mischung zwischen Komik und Tragik, aus Ernst und Lächerlichkeit. Moshfegh entwickelt eine einzigartige Erzählstimme und treibt ihre Leser nur so durch ihren Roman, wobei man sich die ganze Zeit fragt, was man da eigentlich liest und wo das alles enden soll. Sicher, hier wird ohne Skrupel ein bestimmter Lebensstil, einer der nicht enden wollenden Selbstoptimierung, des Funktionierenmüssens um jeden Preis kritisiert und ins Lächerliche gezogen, gerade, wenn man sich die beiden Freundinnen, ihr Konkurrenzdenken und ihre Leben an sich ansieht. Leben übrigens, in denen auch der Sex nichts rein Privates mehr zu sein scheint, jegliche Tabuisierung verloren hat, wobei beide Frauen nicht gerade ein selbstbewusstes bzw. selbstbestimmtes Verhalten an den Tag legen, wenn es um Männer geht.

„Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ ist ein ungewöhnlicher Roman, der in keine Schublade passt. Ottessa Moshfegh ist eine interessante Autorin, von der ich unbedingt mehr lesen will und von der, so hoffe ich, noch viel zu hören sein wird.

Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung, Liebeskind Verlag, 2018, 320 Seiten

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2 Antworten zu Flucht – Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung

  1. marinabuettner schreibt:

    Schöne Besprechung! Mir war schon die Leseprobe zuviel. Auch bei ihrem vorherigen Roman bin ich nicht über ein paar Seiten gekommen, obwohl überall gelobt. Mal sehen, wie es beim nächsten wird. Die Autorin steht bei mir unter Beobachtung.
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Ich habe auch von „Eileen“ gehört, es aber nicht gelesen. Dieser Roman hier war so anders, und interessanterweise haben die nervigen Eigenheiten mich gar nicht genervt… :) ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass man dem gar nichts abgewinnen kann. Viele Grüße zurück!

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