Wie erzählt man einen Missbrauch? – Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr

„Dämmer und Aufruhr“, der neue Roman von Bodo Kirchhoff, im Untertitel heißt es „Roman der frühen Jahre“, ist ein autobiographisches Buch, in dem der Autor unter anderem den Missbrauch thematisiert, der ihm als Kind im Internat widerfahren ist. Er erzählt von den Jahren bis zum jungen Erwachsensein und es geht dabei immer wieder um das Verhältnis des Jungen zu seiner Mutter.

Erzählt wird aus drei Perspektiven: Zunächst ist da der Junge, der mit den Eltern und einer Schwester aufwächst. Der seiner Mutter sehr nah ist, vielleicht manchmal zu nah, das fällt schwer zu beurteilen, und wahrscheinlich sollte man das auch unterlassen. Der Erzähler wechselt oft hin und her zwischen einem „er“ und einem „ich“, wir erleben also eine ständige Distanzierung und Annäherung an den Protagonisten. Eine zweite Perspektive nimmt der erwachsene Erzähler ein, der ein Hotel besucht, in dem die Eltern, so könnte es zumindest gewesen sein, ein paar schöne gemeinsame Tage verbracht haben, kurz bevor sie sich trennten. Denn ihre Ehe war wahrscheinlich von vornherein zum Scheitern verurteilt, in den Nachkriegsjahren überstürzt zwischen zweien eingegangen, die eigentlich nichts gemeinsam hatten. Vor dem Kind hielten sie die Scheidung dann eine ganze Weile geheim, was deshalb möglich war, da er im Internat war und seine Eltern selten sah. Die dritte Erzählperspektive beschreibt schließlich die letzen Jahre der betagten Mutter, schon ans Bett gefesselt und wie auf den Tod wartend, schwierig für den längst nicht mehr jungen Sohn, der sich langsam von ihr verabschiedet.

„Dämmer und Aufruhr“ hat also mehr als nur biographische Züge, Kirchhoff verarbeitet hier die eigene Kindheit und Jugend in literarischer Weise und somit mit den Freiheiten, die er sich nimmt und zugesteht. Neben den ersten Schreibversuchen, um die es im zweiten Teil des Romans geht sowie den ersten Begegnungen mit dem anderen Geschlecht, die einiges an Raum einnehmen, ist das vorherrschende – und auch das bis hierhin schon viel diskutierte – Thema der Missbrauch an dem Jungen, als er im Internat war. Bemerkenswert ist die Art, wie davon erzählt wird, denn bei Kirchhoff werden die Begegnungen mit dem Kantor, der ihn immer wieder zu sich ruft, nie als „Missbrauch“ bezeichnet und von dem Jungen auch nicht so empfunden. Vielmehr ist da neben der Scham und anderen diffusen Gefühlen auch noch etwas Anderes, eine Art Hochgefühl, weil der Kantor ihn erwählt hat und dementsprechend auch eine große Enttäuschung, als er feststellen muss, dass er nicht der Einzige ist, den der Mann „erwählt hat“. Als Leser spürt man die ganze Ambivalenz des Geschehenen, das natürlich, und so viel ist klar, ein Missbrauch ist und bleibt, ganz egal, wie man es dreht und wendet.

Beim Lesen habe ich zu spüren geglaubt, dass es schwierig gewesen sein muss, dieses Buch zu schreiben. Sich dem Missbrauch dabei auf einerseits angemessene und andererseits auf literarische Art zu nähern, keine Täter-Opfer-Geschichte zu erzählen, nicht in Gut und Böse zu unterteilen. Das wird dem Leser überlassen, und das ist gut so und funktioniert auch recht gut. Man muss sich zwangsläufig positionieren. Und man nimmt dabei eine Beobachtungshaltung ein, die ein Stück weit nachempfinden lässt, welch ambivalenten Gefühle entstehen und wie schwierig es ist, auf die „richtige Weise“ von dieser Erfahrung zu berichten.

Dennoch war „Dämmer und Aufruhr“ für mich größtenteils eine zähe Lektüre. Einige von Kirchhoffs früheren Romane habe ich sehr gern gelesen, obwohl ich womöglich nicht ganz seiner Zielgruppe entspreche – falls es die gibt. Hier hat es für mich nicht recht funktioniert, der Roman hat mich nur leidlich gefesselt und ich habe viele Wochen für die Lektüre benötigt, das Buch immer wieder beiseite gelegt. Das mag an einer großen Distanz zum Geschehen gelegen haben, die ich glaubte zu spüren, oder daran, dass mich viele der späteren Episoden nicht wirklich interessiert haben bzw. dass sie mir nicht in interessanter Weise vermittelt wurden. Durchweg hatte ich das Gefühl, dass es anstrengend gewesen sein muss, das Buch zu schreiben und dass ich diese Anstrengung spüre. Auch die Sprache habe ich manchmal als gespreizt empfunden, als fremdartige Überstülpung auf eine schwer zu erzählende Erfahrung.

Dabei empfinde ich gerade die Herangehensweise an die Missbrauchsgeschichte als durchaus gelungen und auch die Szenen, in denen der Erzähler von der letzten Zeit mit seiner betagten Mutter berichtet, sind sehr eindringlich und zählen für mich zu den besten des Romans. Insgesamt bleiben ein gemischter Eindruck und das Gefühl, dass die Lektüre von „Dämmer und Aufruhr“ zumindest teilweise eher Arbeit als Vergnügen war. Das muss nicht schlecht sein, aber vielleicht ist die Erleichterung, den Roman beendet zu haben, am Ende doch ein wenig zu groß für eine ausgesprochene Empfehlung.

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr, Frankfurter Verlagsanstalt, 2018, 480 Seiten

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4 Antworten zu Wie erzählt man einen Missbrauch? – Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr

  1. literaturreich schreibt:

    Liebe Ines, ich kann Bodo Kirchhoff als Autor eigentlich nicht viel abgewinnen. Ich glaube, wir haben uns da schon mal ausgetauscht. Am Beispiel von Widerfahrnis, das mir gar nicht gefiel, glaube ich. Seltsam, Dämmer und Aufruhr hat mir sehr gefallen, ich war stellenweise richtig begeistert (habe es gestern gerade beendet). So unterschiedlich ist das manchmal. Viele Grüße nach Berlin, Petra

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    • letteratura schreibt:

      Hm, ich fand es wirklich stellenweise sehr zäh, aber es mag an den Themen liegen, vor allem in der zweiten Hälfte des Romans… Ich lese Kirchhoff eigentlich ganz gern, aber dieses Buch war einfach nicht meins, aber wie Du schon sagst, so ist das eben manchmal. Viele Grüße zurück!

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  2. Alexander Cien schreibt:

    Wie erzählt man einen Missbrauch? Die Antwort sind Sie mir leider schuldig geblieben. Was ist die treffende Erzählperspektive, wie realistisch darf der Missbrauch und die qualvollen Folgen noch Jahre danach dargestellt werden? Ja und Täter/Opfer, richtig und falsch, wer weiß es zu sagen? Hat der Neunjährige gar den Erwachsen aufgegeilt, oder sind wir nicht alle Täter? Und ist das dann überhaupt literarisch, denn bei Thomas Mann, Cesare Pavese, Goethen finden wir ja nichts von solchen Schmuddeleien. Aber wie hat der Kirchhoff es jetzt geschrieben, soll ich mir um der einen (?) Stelle wegen das Buch kaufen! Zuletzt: was haben nun die weiblichen und männlichen Betroffenen davon, dass man darüber spricht? Der Begriff „Missbrauch“ beinhaltet immer noch, es gäbe einen rechten „Gebrauch“ von Menschen. Ich nenne es sexuelle Gewalt und die findet täglich statt in Familien, bei Pflegeeltern, in Heimen, Kindergärten, Schulen, Kirchen, Jugendfreizeiten, Internaten, Sportvereinen – meine Phantasie reicht nicht aus. Es sind nur selten Einzeltaten (Monotraumata), sondern Serientaten auch von mehreren Tätern, oft über Jahre hinweg! Das passt nicht in die Literatur, leider (weil’s keiner lesen will). Und es geht nicht um die Tat, sondern und das, was den betroffenen Menschen angetan wurde. Kaum 20% verwinden komplexe Traumatisierung (vielfach zum Opfer geworden) und können ein „normales“ Leben führen. Die große Mehrheit wird durchs Leben gejagt, und es finden sich immer neue „Täter“ – Lehrer, Freunde, Liebespartner, Professoren, Regisseure, Vergewaltiger, Ärzte, Therapeuten, Polizisten, Richter – die Betroffenen erwartet überall erneuter Missbrauch, wenn auch nicht sexueller, sondern irgend einer, der andere zu Siegern, Gewinnern macht. Und die Gesellschaft sagt, das Leben ist kein Ponyhof, die „Opfer“ müssten ihren Tätern vergeben, sie sollen sich fragen, was ihr eigener Anteil daran ist und immerhin hätten sie ja gut Hundert zwanzig Therapiestunden bekommen, oder wie kürzlich 5000 Euro vom Papst! Ich schätze darüber wird Herr Kirchhoff nicht geschrieben haben, oder auch nicht über die schmerzhafte Sprachlosigkeit Schwerdttraumqtisierter, die aus ihrem Schicksal keinen Roman destilliertem können, der dann auch noch „literarisch“ wäre… schade, eugentlich.

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    • letteratura schreibt:

      Sicherlich kann man die eingangs etwas provokativ gestellte Frage nicht einfach beantworten, vor allem nicht anhand der erzählerischen Mittel, die dafür die einzig richtigen wären, da kann es keine Antwort geben. Kirchhoffs Buch ist in erster Linie ein persönliches und außerdem ist es ein Roman, in dem er sich Freiheiten erlaubt hat. Hinzu kommt, dass das Thema des Missbrauchs zwar im Mittelpunkt stehen mag, es aber nicht nur darum geht. Um allumfassende Antworten geht es hier nicht, weder gibt Kirchhoff sie, noch würde ich mich dazu hinreißen lassen, das wird bewusst dem einzelnen Leser überlassen. Wie man einen Missbrauch erzählt – natürlich frage ich damit gleichzeitig, ob es überhaupt möglich ist, angemessen davon zu erzählen. All das, was Sie aufzählen, und was natürlich dramatisch und ein Skandal ist, da bin ich ganz Ihrer Meinung, spielt zwangsläufig in das Thema hinein, aber hier geht es eben um seine persönliche Geschichte. Man kann darüber diskutieren, ob das zu trennen ist, man kann sicher auch darüber diskutieren, ob sich das Thema als Romanstoff eignet, generell. Es gibt keine einfachen Antworten, auch in meiner Besprechung nicht. Ich kann nur persönliche Eindrücke wiedergeben – hier war das sicherlich schwieriger als bei anderen Büchern.

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