Utopie und Radikalität – Paolo Giordano: Den Himmel stürmen

Die junge Teresa verbringt seit jeher mit ihrem Vater die Sommer in Speziale, einem Dorf im süditalienischen Apulien, wo ihre Großmutter lebt. Bei einem dieser Aufenthalte lernt sie die drei Jungen Bern, Nicola und Tommaso kennen, mit denen sie ab sofort ihre Zeit verbringt. Die drei leben sehr naturverbunden auf einem nahe gelegenen Hof, wo Nicolas Eltern auf sie aufpassen und sie streng christlich erziehen – im Dorf nennt man die Gruppe eine Sekte. Auch Teresa lernt Cesare und Floriana kennen und wird ein wenig zu einem Teil der Gemeinschaft. Ein paar Jahre später, es ist wieder Sommer, werden Teresa und Bern dann ein Paar, die Dynamiken zwischen den Jugendlichen verschieben sich. Die beiden werden überwältigt von den Gefühlen füreinander, doch Teresa muss wie jedes Jahr zurück nach Turin in ihr eigentliches Leben. Als sie im nächsten Jahr zurückkehrt, haben die Dinge sich verändert.

In „Den Himmel stürmen“, dem neuen Roman von Paulo Giordano, der soeben im Rowohlt Verlag erschienen ist, begleitet der Leser diese vier und noch ein paar andere mehr durch ca. zwanzig Jahre, beginnend irgendwann ein paar Jahre vor der Jahrtausendwende. Im Mittelpunkt stehen dabei Teresa und Bern, die sich einander viel bedeuten, die sehr gute und schwere Zeiten durchmachen, gemeinsam und ohne den anderen.

Später, da haben sich die inzwischen jungen Männer längst von der Gemeinschaft der Kindheit distanziert, versuchen sie eine Zeitlang, eine Utopie zu leben, eins mit der Natur, und nur mit dem, was sie zu geben bereit ist, sie versorgen sich selbst, verzichten dabei auf chemische Hilfsmittel. In ihrem Denken und Tun werden sie mit der Zeit zunehmend radikaler. Was nach außen hin schnell so aussieht, als wären da ein paar realitätsfremde Spinner am Werk, ist bei genauerem Hinsehen der Versuch, damit aufzuhören, die Erde auszubeuten und ursprünglicher zu leben.

Paolo Giordano verknüpft seine Themen zu einer organischen Geschichte. Er bleibt dabei immer ganz bei seiner Ich-Erzählerin Teresa, die manchmal sicherlich etwas naiv-verblendet erscheint, die in ihren Gefühlen zu Bern zuweilen etwas zu egoistisch handelt und blind liebt, das wird manchmal etwas viel. Doch es gelingt dem Autor auch, zu vermitteln, dass sie kaum anders kann. Und das Gefühl, einfach nur das zu tun, was man glaubt, tun zu müssen bzw. nicht unterlassen zu können, das findet sich auch bei Bern und seine Freunden, die in dem Wunsch und in ihrem Getriebensein, die Natur zu retten, nicht sehen, wenn sie zu weit gehen. Auch im Miteinander versuchen die jungen Leute, etwas zu leben, das auf Dauer nicht umsetzbar zu sein scheint. Keine Geheimnisse voreinander zu haben, sexuell frei zu leben (wobei das kein Thema ist, das im Vordergrund steht, sondern eher mitschwingt), Besitzansprüche, die man an Personen hat, abzugeben, das klingt in der Theorie dann doch alles viel einfacher, als es in der Praxis ist.

„Den Himmel stürmen“ ist oft dramatisch, manchmal habe ich mich gefragt, ob der Roman über das Ziel hinausschießt. Und ebenso habe ich mich gefragt, ob Giordano mir da Kitsch vorsetzt. Da ist viel mit Bedeutungsschwere aufgeladen, das kann einem schnell zu viel werden. Dass ich den Roman sprachlich nicht immer ganz gelungen empfand, ich ab und zu an holprigen Stellen hängen blieb, manche Wortwahl mir unorganisch und merkwürdig auffiel, irritierte ebenfalls. Dennoch bin ich nur so durch die Seiten gehetzt, von einem starken Sog in die Geschichte hineingezogen, deren Ausgang ich erwartet und ein bisschen auch gefürchtet habe.

„Den Himmel stürmen“ regt auf jeden Fall zum Nachdenken an, über Freundschaft und Liebe, aber auch über die Möglichkeiten, etwas zu verändern, damit unsere Erde nicht nur uns, sondern auch unseren Nachfahren noch erhalten bleibt. Bern und seine Freunde haben einen radikalen Weg gewählt, und sie haben die Verwirklichung ihrer Ziele über alles andere gestellt. Eine Radikalität, die ihre Folgen hat, auch für Teresa, mit der man als Leser durch die Jahre streift. Ein fesselndes Buch, mit kleinen Schwächen, dennoch lesenswert.

Paolo Giordano: Den Himmel stürmen, Rowohlt Verlag, 2018, 528 Seiten

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Eine Antwort zu Utopie und Radikalität – Paolo Giordano: Den Himmel stürmen

  1. Esther schreibt:

    Danke für den Tipp, das hört sich sehr interessant an. Das sind Themen, die mich beschäftigen, ich merke mir dieses Buch schon mal vor.

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