Kleiner Bruder – Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft

„Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb.“ S. 7

Der Beginn von Heinz Helles neuem Roman „Die Überwindung der Schwerkraft“ machte gleich deutlich, mich erwartete eine Geschichte der Schwere und der Melancholie, es würde ans Eingemachte gehen, wenn sich auch zeigen würde, dass es nicht um einen ausnahmslos deprimierenden Roman handelt. Es ist ein Satz, der mich gleich hineingezogen hat in die Geschichte, der auf den Sog vorbereitete, der mich schnell erfassen sollte.

Die Erinnerung an den um etwas mehr als zehn Jahre älteren Bruder, der eigentlich ein Halbbruder ist, ist für den Ich-Erzähler vor allem mit einer durchzechten Nacht verbunden, die beide miteinander verbrachten, einige Monate, bevor der Bruder dann starb. In dieser Nacht sahen die beiden sich zum letzten Mal, was zu dem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte. Der große Bruder hatte Alkoholprobleme, er hatte diverse, ernste Krankheiten, wie ich im Laufe des Romans erfahre, doch er hatte auch sehr präzise Wünsche und Vorstellungen das Leben betreffend. Er war einer, der viel nachdachte, der nach Lösungen suchte für Probleme, die andere gar nicht sahen.

Ich folge also den beiden Männern durch diese Nacht und durch die Straßen, die Kneipen, lese vom Wo und Was, wobei es in Wirklichkeit um das geht, was sie miteinander reden, was der ältere dem jüngeren, der von ihm immer ganz selbstverständlich als „kleiner Bruder“ bezeichnet wird, erzählt. Bemerkenswert ist dabei, wie das geschieht. Der Ich-Erzähler führt einen Monolog, er reiht Hauptsatz an Nebensatz und an Hauptsatz, seine Sätze reichen dabei oftmals über halbe und ganze Seiten. Der vorangestellte erste Satz des Romans ist dabei einer der kürzesten, die das Buch überhaupt enthält.

Die Erzählung scheint keinem rechten Schema zu folgen. Der große Bruder werde bald Vater, erfahre ich, nur um gleich zu bezweifeln, dass die Umstände wirklich Anlass zur Freude geben. Immer geht es irgendwie um die Suche nach dem Glück des Älteren, auch beruflich, er ist ein rastloser Charakter. Doch wie diese Nacht eine ungewisse ist, in der die Beteiligten nicht wissen, wann es sie wohin treiben wird, so treibt auch der Monolog des Erzählenden mal hierhin und mal dorthin, in Vergangenheit und Gegenwart, an verschiedene Orte. So verharren die Brüder zum Beispiel lange beim belgischen Kindermörder Dutrout, dessen Taten den älteren sehr beschäftigen und die nur ein Teil dessen sind, was ihn an der Welt verzweifeln lässt.

„Die Überwindung der Schwerkraft“ ist ein bisschen wie ein Rausch. Nie weiß man, welche Abbiegung der Erzähler als nächstes nehmen wird, alles wirkt zu jedem Zeitpunkt ein wenig konfus und irgendwie doch klar. Alles scheint zusammenzuhängen, sowohl in der Geschichte als auch überhaupt. Helles Roman kommt als eine einzige Sinnsuche daher. Und zwar, so verstehe ich ihn zumindest, als eine, die gar nicht erwartet, einer Antwort näher zu kommen.

Heinz Helles Roman ist ein nachdenkliches und melancholisches Buch, bei dem über jeder Zeile die Gewissheit schwebt, dass der große Bruder inzwischen schon länger nicht mehr da ist. Dadurch wird alles, was der Jüngere Revue passieren lässt, mit Bedeutung aufgeladen. Wie könnte es nicht so sein? Dennoch ist es keine bleierne Schwere, die auf der Geschichte liegt, blitzt ab und zu so etwas wie Dankbarkeit dafür durch, den anderen in seinem Leben gehabt zu haben. Oder ich bilde mir das nur ein, weil ich es gern so hätte.

Ich kann nur dazu ermuntern, sich einzulassen auf diesen schmalen Roman mit dem wunderschönen Cover, in dem der Autor auch Biographisches verarbeitet, dessen Protagonisten aber unbedingt als die Romanfiguren zu verstehen sind, als die sie uns begegnen. „Die Überwindung der Schwerkraft“ ist für den Schweizer Buchpreis nominiert, die Preisverleihung findet am 11. November 2018 in Basel statt. Heinz Helle wäre ein würdiger Preisträger.

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft, Suhrkamp Verlag, 2018, 208 Seiten

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9 Antworten zu Kleiner Bruder – Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft

  1. Esther schreibt:

    Eine sehr schöne Rezension – und es ist auch schön über ein Buch zu lesen, das nicht aller Munde ist.

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  2. Marion schreibt:

    Dieses Buch habe ich auf der Messe von einem reizenden Suhrkamp-Menschen bekommen und werde es gleich nach meinem Urlaub lesen. „Eigentlich müssten wir tanzen“ habe ich sehr gemocht, so fies es auch war.

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    • letteratura schreibt:

      Ich habe neulich noch einmal deine Besprechung dazu gelesen, Alpträume hattest du… Die hatte ich hier nicht, Wohlfühllektüre ist es trotzdem nicht, aber wer will das schon ;) so richtig traue ich mich an „Eigentlich müssten wir tanzen“ nicht heran.

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