Die Herkunft des Anderen – Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte

Veblen verdankt ihren ungewöhnlichen Namen dem norwegischen Ökonom und Soziologen Thorstein Veblen, nachdem ihre Mutter sie benannt hat und dessen Anhängerin sie dann auch wie zwangsläufig schon im Kindesalter wird. Sie ist eine junge Frau, naturverbunden, tierlieb und gibt wenig auf Äußerlichkeiten. Paul ist Assistenzarzt und arbeitet an einer medizinischen Studie, die für ihn einen gewaltigen Karriereschritt bedeuten kann, aber aus dem Ruder zu laufen droht. Obwohl die beiden recht unterschiedlich sind, werden sie schnell ein Paar, erkennen eine innere Wesensverwandtschaft und beschließen, zu heiraten.

Nicht nur heißt es nun, sich zu einigen, in welchem Rahmen genau die Hochzeit stattfinden soll, tausende kleine Entscheidungen zu treffen – und dabei den anderen noch näher kennenzulernen, wobei auch Unerwartetes zutage gefördert werden wird – auch den Eltern muss man den bzw. die Zukünftige vorstellen. Und was sie angeht, hat McKenzie in die Vollen gegriffen und Figuren geschaffen, die teils so überzeichnet sind, dass sie wie Karikaturen daherkommen. Allen voran Veblens Mutter Melanie, eine Hypochonderin, die Veblen ihr Leben lang manipuliert hat, um stets von ihr zu bekommen, was sie will. Melanie ist eine Egozentrikerin, unerträglich selbstgerecht, die an allem und jedem etwas auszusetzen hat und sich gern in jeder erdenklichen Situation als Opfer sieht. Es ist unmöglich, ihr etwas recht zu machen. Von Paul ist sie nicht überzeugt – vermutlich will sie aber auch einfach ihre Tochter nicht „hergeben“. Von Veblens Vater ist sie schon lange getrennt, und ihr Mann Linus erträgt Melanies Launen stoisch, weil er sie so liebt, wie es heißt, wobei man sich als Leser fragt, wie es jemand ernsthaft über eine so lange Zeit neben Melanie aushalten kann. Linus wirkt wie ein Waschlappen ohne eigene Meinung, ohne eigenes Leben. Alles davon ist zu dick aufgetragen, ist einfach zu viel.

Für Pauls Eltern gilt das im Prinzip ebenfalls, auch wenn die Lage hier anders ist: Sie sind eine Art Alt-Hippies, was dem Leser durch die Erwähnung einer Bestellung von jeder Menge Gürtelschnallen mit Peace-Zeichen, die die beiden bearbeiten und verschicken müssen, sofort um die Ohren gehauen wird, damit wir wissen, was los ist. Sie betreiben einen Bauerhof. Paul hat sich durch sein Akademikerstudium und sein Auftreten in guten Anzügen von den Eltern distanziert – und von seinem Bruder Justin, der geistig behindert ist und um den sich die Eltern immer rührend gekümmert haben, was dazu führte, dass Paul sich nie in ausreichender Weise gewürdigt fühlte, denn Justin stand immer im Mittelpunkt. Er könne nichts dafür, hat Paul immer wieder gehört. So ganz glaubt er nicht daran. Seine Eltern sprechen von sich Justin zusammen als „das Trio“.

„Im Kern eine Liebesgeschichte“ konzentriert sich sehr auf die Konflikte zwischen dem jungen Paar und den beiden Elternpaaren, weil McKenzie erzählen will, wie sehr wir von unserer Ursprungsfamilie geprägt sind und wie schwierig es sein kann, sich abzugrenzen und zu lösen. Ein Thema, in dem sich erst einmal jeder wieder finden kann. Allerdings übertreibt sie es so sehr mit der Charakterisierung der Eltern, dass leise Töne nur in Maßen durchschimmern, weil alles so überdreht ist. Dabei hätten Veblen und Paul allein schon genug Potential hergegeben für eine interessante Geschichte, ohne dass der Fokus so sehr auf ihrer jeweiligen Herkunft liegt. Sicher kann und muss man sie vielleicht sogar miterzählen, hier tut die Schwerpunktsetzung aber der Geschichte nicht gut.

Dabei ist „Im Kern eine Liebesgeschichte“ vor allem ein unterhaltsamer Roman, den ich nicht ungern gelesen habe. Teils geht es Schlag auf Schlag, die Dialoge sind schnell und pointiert, die Story hat Tempo. Auch gegen starke Charaktere ist erst einmal nichts einzuwenden, und davon gibt es hier genug, Konflikte sind also vorprogrammiert. Wirklich in die Tiefe geht die Geschichte aber nicht, kann sie auch nicht, da so viel an ihr überzeichnet ist. Daher habe ich sie auch nur begrenzt als komisch empfunden, obwohl auch hier das Potential da ist. Auf unvorhersehbare Wendungen wartet man vergeblich. Veblens Liebe zu Eichhörnchen, die schon auf dem Cover in Szene gesetzt wird, sollte noch erwähnt werden, da sie eine nicht unwichtige Rolle in der Geschichte spielt und durchaus Charme hat. Durch den Roman ziehen sich kleine Illustrationen zu dem, was gerade geschieht, was das Ganze zwar etwas auflockert, aber nicht unbedingt bereichert. „Im Kern eine Liebesgeschichte“ ist somit ein nettes Buch um liebeswerte Charaktere, das aber hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, weil es einfach zu dick aufträgt.

Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte, Dumont Verlag, 2018, 480 Seiten

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