Von Sehnsucht und Zerrissenheit – Angelika Overath: Ein Winter in Istanbul

Der Schweizer Religionslehrer Cla verbringt drei Monate in Istanbul, wo er über den Philosophen und Theologen Nikolaus von Kues, genannt Cusanus, forscht. Dieser hatte im Spätmittelalter eine Reise von Konstantinopel nach Venedig unternommen, um die christlichen Religionen zu einen, was am Ende aber scheiterte. Der Leser folgt Cla sowohl durch die Straßen von Istanbul als auch hinein in seine Lektüre, in seine Gedanken zu Cusanus. Und vor allem ist er dabei, als Cla dem Kellner Baran begegnet, der sowohl griechische als auch türkische Wurzeln hat und der einige Jahre in Deutschland gelebt hat, so dass die beiden sich auf Deutsch unterhalten können.

Cla hat im Engadin seine Schweizer Freundin Alva zurückgelassen, mit der er seit ca. zwei Jahren zusammen ist und die er aufrichtig mag und zu lieben glaubt, zu der er sich bisher aber nicht völlig bekennen kann. Alva ist Mitte 30, Cla zehn Jahre älter, und er sehnt sich nach einem intensiveren Leben, was immer das genau heißen soll.

Während er mit Baran durch Istanbul streift, mit der Fähre den Bosporus hinauf und hinunter fährt, sprechen die beiden über die Stadt und ihre Heimaten, vor allem über Religion und historische Figuren. Cla erzählt Baran von Cusanus, und Baran führt Cla in den Sufismus ein und nimmt ihn mit zu einer Veranstaltung mit tanzenden Derwischen. Dabei kommen sie sich näher, was Cla überfordert, denn schließlich ist er nicht schwul, wie er sich selbst und auch Baran immer wieder versichert.

Angelika Overaths neuer Roman „Ein Winter in Istanbul“ ist ein ruhiges Buch, eine leise Geschichte über die Selbstfindung dreier Charaktere. Der Roman folgt einem gleichmäßigen Rhythmus, die Annäherung der Autorin an ihre Figuren ist stets behutsam und respektvoll, so dass ich ihnen die meiste Zeit über gern gefolgt bin. Lange Passagen des eher kurzen Romans sind den historischen Personen vorbehalten, allen voran Cusanus, aber auch Bessarion, einem byzantinischen Humanist und Theologen, und Rumi, dem Begründer des Sufi-Ordens der Tanzenden Derwische.

Man kann also eine Menge über Religionsgeschichte lernen in „Ein Winter in Istanbul“. Allerdings empfand ich die beiden Ebenen des Romans als weniger miteinander verflochten und ineinandergreifend, als es wohl beabsichtigt ist. So blieben meinem Empfinden nach die beiden großen Teile des Romans, nämlich einerseits die Geschichte um Cla, Baran und Alva und auf der anderen Seite die Ausführungen um Geschichte und Religion zwischen Orient und Okzident, wie es immer so schön heißt, eher für sich, so dass das eine das andere eigentlich gar nicht benötigt oder bedingt hat.

Während Overaths Charaktere vielschichtige, kluge, wenn auch zerrissene Figuren sind, denen man nur zu gern durch diese Geschichte folgt, so nimmt die Handlung einige Wendungen, die ich als klischeehaft empfand, als unnötig dramatisierend vielleicht auch, ich hatte das Gefühl, bestimmte Wendungen schon oft genauso gelesen zu haben, überrascht wurde ich kaum. Das hätte ich mir anders gewünscht.

Vielleicht merkt man meinen Worten an, dass ich nicht recht weiß, was ich von Angelika Overaths Roman halte. „Ein Winter in Istanbul“ hat viel, das mir gefallen hat, und einiges, was meinen Eindruck schmälert. Nein, es ist kein schlechter Roman, und es ist sicher einer, den man intensiv lesen muss, bei dem es sich auch lohnt, innezuhalten und Dinge Revue passieren zu lassen. Es ist einer, bei dem mir vor allem die Behutsamkeit gefällt, mit dem die Autorin vor allem ihre Figuren behandelt und in Szene setzt. Dennoch geht das Gesamtkonzept für mich nicht ganz auf. Immerhin macht „Ein Winter in Istanbul“ mich neugierig auf andere Werke der Autorin, von der ich bis hierhin noch nichts gelesen hatte.

Angelika Overath: Ein Winter in Istanbul, Luchterhand Verlag, 2018, 272 Seiten

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4 Antworten zu Von Sehnsucht und Zerrissenheit – Angelika Overath: Ein Winter in Istanbul

  1. marinabuettner schreibt:

    Danke für deine Rezension. Sie ist für mich sehr hilfreich bei der Entscheidung Lesen oder nicht? Ich werde es mal mit der Leseprobe versuchen. Aber was du schreibst lässt mich eher Abstand nehmen.
    Ich habe von Angelika Overath vor einigen Jahren „Sie dreht sich um“ gelesen und war sehr angetan. In diesem Roman geht es allerdings um Kunst und das ist ja immer mein Thema. Sie lässt die unterschiedlichsten Gemälde im wahrsten Sinne des Wortes lebendig werden, so dass ich Lust bekam, wie die Protagonistin von Museum zu Museum zu reisen (was ich natürlich nicht tat).
    Viele Grüße!

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