Verbrechen und Strafe – Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Es ist ein Kriegsverbrechen, geschehen im Ersten Tschetschenienkrieg in den 90er Jahren, das die Katze und den General überhaupt erst zusammenführt. Der General war damals beteiligt an Vergewaltigung und Mord einer jungen Tschetschenin, ein Verbrechen, das ihn und sein Leben komplett verändert hat, eine Schuld, für die er nie gebüßt hat und die schwer auf ihm lastet. Damals noch ein Niemand, so hat er sich inzwischen, wir schreiben das Jahr 2016, zu einem schwerreichen und einflussreichen Oligarchen entwickelt, und er hat sich in den Kopf gesetzt, seine Mittäter – und sich selbst –  zur Rechenschaft zu ziehen.

Katze ist eine junge Schauspielerin, die in die Geschichte nur deshalb hineingezogen wird, weil sie dem damaligen Opfer ähnlich sieht. Alexander Orlow, der General, sieht sie auf einem Plakat und bietet ihr viel Geld dafür an, dass sie ein Video dreht, das den anderen dreien von damals zugespielt werden soll, und in dem er sie mit Hilfe von Katze zu einem Treffen zitiert. Der General versetzt seine Mittäter in größte Unruhe, eigentlich wollen sie nur vergessen, was damals geschah, immer mit der Rechtfertigung nicht zuletzt vor sich selbst, dass schließlich Krieg war und andere Regeln galten.

Nino Haratischwilis neuer, sehr umfangreicher Roman nimmt sich mit dieser Geschichte, die um große Themen wie Schuld, Sühne und Gerechtigkeit kreist, viel vor. Und sie nimmt sich Zeit, um die Geschichte zu entfalten. Erzählt wird aus drei Perspektiven. Neben der Katze und dem General ist die dritte Hauptfigur die Krähe, ein Journalist namens Onno Bender, der in der Vergangenheit bereits mit Orlows Geschichte und auch mit ihm persönlich in Berührung kam. Er ist derjenige, der die Videos direkt den drei Adressaten übergeben soll.

Sicher, man hätte den Roman straffen können, man hätte einige Nebenfiguren und ihre Geschichten abkürzen können, ohne dass es die eigentliche Haupthandlung berührt hätte. Andererseits gibt das ausführliche Verweilen auf Nebenschauplätzen dem Roman durchaus noch mehr Tiefe, vervollständigt den Romankosmos, lässt den Leser die Figuren und das, was sie antreibt, besser verstehen. Mir war der Roman nicht zu lang. Auch die Wiederholungen,  die wiederkehrenden rhetorischen Fragen haben mich nicht gestört, sondern ich habe sie als verstärkend, als betonend empfunden. „Die Katze und der General“ entwickelt einen ungeheuren Sog, der Roman ist ein absoluter Pageturner, den ich kaum zur Seite legen konnte. Dabei ist die Geschichte um die drei Hauptfiguren und einige sehr wichtige weitere Protagonisten so spannend, dass ich auf die Sprache weit weniger geachtet habe, als es sonst der Fall ist, negativ aufgefallen ist sie mir dabei jedenfalls nicht. Ich musste wissen, wie es weitergeht, und zwar sofort. Die Autorin gibt Informationen sehr dosiert weiter, nichts wird dem Zufall überlassen, nach und nach erfahren wir Leser, was wir wissen müssen, bis das Bild irgendwann vollständig ist.

Und es ist ein erschreckendes Bild. Einen so gewaltigen Plot, wie Haratischwili ihn zum Thema ihres Romans gemacht hat, muss man im Griff haben, sonst läuft man Gefahr, dass es lächerlich wird, oder dass man seine Geschichte mit Pathos überhäuft. Der Autorin passiert das aber nicht. Alle Figuren in „Die Katze und General“ haben schwer zu tragen, haben Verluste erlitten, mit Problemen, mit einer Schuld zu kämpfen. Sie alle suchen etwas, der am meisten Getriebene ist aber der General. So geht es ihm zwar vordergründig darum, seine Mittäter von damals zur Rechenschaft zu ziehen, sie dafür zu bestrafen, dass sie es bereits damals nicht zu einer Aufklärung kommen ließen. Vor allem geht es ihm aber um sich selbst. Er selbst ist es, der mit seiner Schuld nicht leben kann.

„Die Katze und der General“ stellt große Fragen: Ist der Mensch im Grunde gut oder böse? Kann man das, mit so einer gewaltigen Schuld, wie sie Orlow auf sich geladen hat, weiterleben? Gibt es das überhaupt, Gerechtigkeit? Kann es eine Strafe geben, die die Schuld so weit tilgt, dass man nach vorn schauen kann? Nino Haratischwili ist eine große Erzählerin, von der man nebenbei auch noch eine Menge lernen kann über den Krieg in Tschetschenien und seine Folgen. „Die Katze und der General“ ist meine erste Begegnung mit der Autorin, sicher aber nicht die letzte. Sie steht mit ihrem Roman auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2018, der Gewinner wird am Montag bekanntgegeben.

Nino Haratischwili: Die Katze und der General, Frankfurter Verlagsanstalt, 2018, 750 Seiten

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5 Antworten zu Verbrechen und Strafe – Nino Haratischwili: Die Katze und der General

  1. marinabuettner schreibt:

    Ach wie schön, neben den vielen Negativstimmen eine so schöneBesprechung zu lesen. Mir ging es bei „Das achte Leben“ schon so, dass die Story so spannend und mitreißend war, dass ich die Sprache weniger beachtet habe. Und das will bei mir schon was heißen. Ich habe das Buch noch vor mir …
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      „Das achte Leben“ kenne ich ja noch nicht… Werde ich aber auch noch lesen, irgendwann. Ich fand es wirklich sehr fesselnd und unterhaltsam, und ich achte ja normalerweise auch mehr auf die Sprache. Ich wünsche Dir viel Freude bei der Lektüre!

      Gefällt 1 Person

  2. Constanze Matthes schreibt:

    Ich muss doch erst noch „Das achte Leben“, dieses dicke Ding, lesen. Und dann kommt schon wieder ein neues, und Du weckst meine Neugierde mit Deinem wunderbaren Bericht. Auf den Krieg in Tschetschenien bin ich literarisch durch den Amerikaner Anthony Marra geworden, vor allem sein Roman „Die niedrigen Himmel“ ist meisterhaft und sehr zu empfehlen. Viele Grüße

    Gefällt 1 Person

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