Erlösung – Andreas Martin Widmann: Messias

Andreas Martin Widmanns neuer Roman trägt den bedeutungsvollen Titel „Messias“. Neben der Gleichsetzung mit Jesus Christus kann man darunter auch einfach eine „Person, die andere Menschen aus religiöser, sozialer oder ähnlicher Unterdrückung befreit beziehungsweise diese davon erlöst“ verstehen, so zu lesen unter www.wortbedeutung.info“. Solch eine Figur, wobei damit nicht zwangsläufig eine Person gemeint sein muss, suchen auch die Protagonisten in Widmanns Roman, als da wären Paul Helmer, der in einer Werbeagentur arbeitet, seine Frau Inge, die mit Hilfe eines straffen Sportprogramms, als Trainerin einer Frauengruppe und mit Hilfe eines Therapeuten unermüdlich Selbstoptimierung betreibt, und zuletzt beider Tochter Judith mit künstlerischen Ambitionen, die spontan einer Kommune in Dänemark beitritt, der sie ebenso schnell dann wieder entflieht.

Als Leser begleiten wir diese drei abwechselnd. Paul wird von seiner Firma nach England geschickt, wo er die Geschäfte mit der neuen Airline Oman Airways vorantreiben soll. Er findet dort keinen Anschluss, wird nicht aufgenommen in den Kreis der britischen Kollegen, fühlt sich fehl am Platz – ein Gefühl, das er von seinem Leben daheim kennt. Obwohl der Roman es nicht ausbuchstabiert, ist deutlich, Pauls und Inges Ehe hat schon bessere Zeiten gesehen, es ist wohl schon lange mehr ein Nebeneinander als ein Miteinander. Inge besucht derweil ihren Therapeuten, sorgt sich um das eigene Aussehen und das Älterwerden, auch sie auf der Suche nach etwas oder jemandem, nach dem genannten Heilsbringer, nach einer Rettung. Wovor? Und wofür? Das scheinen auch Inge, Paul und nicht zuletzt Judith nicht recht zu wissen. Judith, Mitte 20, macht Kunst, ist stets auf der Suche nach Förderern und Geldmitteln, bleibt ihren Eltern gegenüber aber eher verschlossen. Nachdem sie eine Weile aus deren Blickfeld vollkommen verschwunden war, steht sie plötzlich wieder bei Inge vor der Tür, erzählt nicht, wo sie war oder was geschehen ist, sondern widmet sich schweigend ihrem neuesten Projekt. Das Verhältnis zwischen ihr und Inge ist angespannt.

Zu Beginn liest sich „Messias“ sehr unterhaltsam, zieht den Leser schnell in seine Geschichte hinein. Wie Paul versucht, in London zu punkten, zwischen der eigenen Firma und dem Geschäftspartner, den er an Land zu ziehen hofft, vermittelt, das erzählt Widmann sehr kurzweilig und mit Humor und Sprachwitz. Auch die folgende Einführung in das, was Inge umtreibt, ist gelungen, so dass sich der Roman sehr viel versprechend anlässt. Jedoch kippt dieser Eindruck auf der Hälfte der Geschichte, da der Erzähler es beim ständigen Anreißen der Konflikte belässt und auch seine einzelnen Schauplätze seltsam separiert bleiben. Immer wieder wechselt die Perspektive, werden auch neue, unerwartete Sichtweisen eingenommen, was dem Roman auf der einen Seite eine weitere Differenzierung verleiht, ihn vielschichtiger und interessanter werden lässt, auf der anderen Seite zerfällt die Geschichte aber eben dadurch zu sehr in ihre einzelnen Teile. Es geht dabei weder um Antworten, die der Roman sich zu geben weigert (ohnehin gibt es diese eindeutigen Antworten schlicht nicht), noch um eine Zusammenführung oder Aufklärung jeder einzelnen Frage bzw. jedes einzelnen Konflikts. Aber die einzelnen Figuren und ihre Probleme bleiben seltsam ungelöst in der Luft hängen. So viel wird angerissen, das der Autor dann nicht zu Ende führt und im Sand verläuft. Das mag ein realistisches Abbild des wahren Lebens sein, aber „Messias“ ist ein Roman, in dem das Gesamtkonzept für meinen Geschmack nicht ganz aufgeht, die einzelnen Teile nicht ausgewogen sind.

Im Buchumschlag ist zu lesen, Widmann sei „ein Erzähler mit klarem Blick für die gesellschaftlichen Zusammenhänge und deren Hineinwirken in unsere privaten Beziehungen“. Eine Einschätzung, die ich teile, und genau dies beweist sein neuer Roman. Auch wenn ich letztlich nicht ganz glücklich mit ihm war und die zweite Hälfte meinem Empfinden nach gegenüber der ersten abfällt – „Messias“ zeigt auf meist überzeugende Weise drei Menschen auf der Suche nach dem großen Unbekannten, nach der Erlösung durch etwas außerhalb von sich selbst. Und das ist etwas, was vermutlich jeder mal mehr, mal weniger nachvollziehen kann.

Andreas Martin Widmann: Messias, Rowohlt Verlag, 2018, 448 Seiten

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