Erinnerung und Trauma – Juli Zeh: Neujahr

Über Juli Zehs neuen Roman „Neujahr“ zu schreiben, ist deshalb problematisch, weil die Geschichte meiner Meinung nach dann am besten funktioniert, wenn man sich völlig unbedarft auf sie einlässt und nicht weiß, was einen bei der Lektüre erwartet. Daher sollte man eigentlich weder den Klappentext lesen, noch sich sonst mit dem Roman beschäftigen – zumindest vor der Lektüre. Will man also überrascht werden, sollte man hier das Lesen einstellen. Das ist zwar in gewisser Weise für mich „geschäftsschädigend“, sei dennoch aber erwähnt und die Leserschaft somit gewarnt. Wem das egal ist, der lese hier weiter, ich werde nicht alles verraten, aber eben mehr als den Beginn des Romans, was dem oben erwähnten Argument entsprechen würde, aber man könnte diesen Text dann eben nicht als Besprechung o. ä. bezeichnen (Sämtliche Rezensionen in den Feuilletons übrigens sind da nicht so zimperlich, wie eine kurze Internetrecherche verrät, aber andernfalls ist es eben schwierig, etwas über den Roman sagen…).

Jede Menge über den Roman verraten wurde auf der sehr launigen Lesung, die ich vor kurzem auf dem Berliner Literaturfestival besuchte. Moderiert von Jörg Tadeusz, ging es dabei zunächst einmal darum, wie wir uns erinnern und dass viele Erinnerungen, zum Beispiel an Kindheitserlebnisse, in Wirklichkeit gar keine solchen sind, sondern auf Erzählungen unserer Eltern oder auf Fotos basieren. Dennoch sind wir fest davon überzeugt, uns zu erinnern. Zeh fügte noch an, dass sie in ihrer Zeit als Juristin oftmals bei Gerichtsverhandlungen erlebte, wie Zeugen felsenfest auf einer bestimmten Aussage beharrten, etwa beteuerten, gesehen zu haben, dass ein Unfallteilnehmer am Steuer telefoniert habe, auf eine entsprechende Frage aber antworteten, sie hätten sich erst umgedreht, als es geknallt habe (Übrigens sind Lesungen mit Juli Zeh nur zu empfehlen, gerade im Zusammenspiel mit Tadeusz hatten alle Anwesenden einen sehr lustigen Abend, was vor allem an den beiden schlagfertigen Interviewpartnern auf der Bühne lag).

Um Erinnerungen geht es auch in Neujahr, um verschüttete, um eigentlich längst in Vergessenheit geratene. Protagonist des schmalen Buches ist Henning, der mit seiner Frau Theresa und den beiden noch sehr kleinen Kindern über Weihnachten und Neujahr Urlaub auf Lanzarote macht. Henning führt ein eigentlich gutes Leben, wie er sich selbst immer wieder sagt, Theresa und er lieben sich, haben sich Kinderbetreuung, Jobs und Haushalt gerecht aufgeteilt. Dennoch ist Henning unzufrieden und unglücklich, vergleicht sich permanent mit seiner Frau, zieht bei diesen Vergleichen vor sich selbst aber immer den Kürzeren. Bis hierhin nicht ungewöhnlich und eher typisch, doch Henning leidet seit einiger Zeit unter Panikattacken. Der Urlaub auf Lanzarote war bisher geprägt von kindgerechten Unternehmungen, nun aber, am 1. Januar, ist Henning, wie lange von ihm geplant, endlich auf dem Rad unterwegs, macht sich beim Radeln Gedanken zu seinem Leben und zu dem ständigen Gefühl, nicht zu genügen, sinniert über seine Panikattacken. Bis er plötzlich heimgesucht wird von einer Erinnerung, an eine Zeit, als er ungefähr 5 Jahre alt war und den Urlaub ebenfalls auf Lanzarote verbrachte, mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester. Ein Urlaub, der prägend war, auch ohne, dass Henning wusste, warum. Ein Urlaub, an den er sich überhaupt nicht mehr erinnert hatte, bis zum jetzigen Zeitpunkt.

„Neujahr“ gliedert sich in zwei große Teile, jeweils in der Gegenwart und in der Vergangenheit spielend. Dazwischen liegt ein großer zeitlicher Abstand, dennoch schließt sich mit der wieder einsetzenden Erinnerung Hennings ein Kreis.

Zehs neuer Roman liest sich schnell und ist vor allem in der zweiten Hälfte recht spannend, entwickelt dann auch einen starken Lesesog. Die Sprache gewohnt einfach und auf den Punkt, mehr braucht es aber auch nicht. Dennoch bin ich mit dem Roman nicht ganz glücklich, weil mir die Antwort, die Henning auf alle seine Probleme in der Gegenwart bekommt, zu einfach ist. Dabei möchte ich nicht einmal unterstellen, dass die Autorin eine einfache Antwort geben möchte, oder dass zwingend suggeriert würde, mit Einsetzen der Erinnerung Hennings würden all seine Probleme dann auch schnell und einfach gelöst, weil es bloß diese Erinnerung gebraucht hätte. Da der Roman aber bewusst knapp gehalten wird, entsteht auf mich zwangsläufig diese Wirkung, und das ist mir zu wenig. Hennings Überforderung in der Familie, die in Panikattacken endet, als Vater und Ehemann, als moderner Mann, der es allen recht machen will, dabei aber selbst immer unglücklicher wird und sich zunehmend unzulänglich fühlt, wird mir allzu verkürzt mit einem Kindheitstrauma erklärt. Als würde sein Leben, seine Situation, er selbst dafür nicht ausreichen, als würde es diesen – sicher triftigen – Grund unbedingt benötigen, damit es plausibel, damit es okay ist. Thematisch ist dieses Porträt des modernen Mannes dabei so aktuell und trifft gerade einen Nerv, hier verschenkt die Autorin meiner Meinung nach viel Potential, indem sie ihm nicht weiter auf den Grund geht und ein weiteres Nachdenken oder gar Aufarbeiten der Probleme Hennings quasi im Keim erstickt. Vielleicht hätte man tatsächlich zwei Romane aus den beiden Teilen machen sollen, wie Anne-Dore Krohn vom Kulturradio schreibt. So bleibt ein Gefühl des Halbfertigen zurück, des zu kurz Erklärten und ein Gefühl der Unzufriedenheit.

Juli Zeh: Neujahr, Luchterhand Verlag, 2018, 192 Seiten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Erinnerung und Trauma – Juli Zeh: Neujahr

  1. Masuko13 schreibt:

    Du triffst das genau auf den Punkt: ein schneller Roman mit jeder Menge Psychothrill, der letztendlich aber nichts erklärt. Ich hätte auch gern viel mehr darüber erfahren, wie Henning zukünftig mit seinen Panikattacken, mit seiner Beziehung und mit den eigenen Kindern umgeht. Und so bleibt auch bei mir „ein Gefühl des Halbfertigen zurück, des zu kurz Erklärten und ein Gefühl der Unzufriedenheit“. Vielen Dank!

    Gefällt 1 Person

  2. letteratura schreibt:

    Vor allem fand ich, wie gesagt, schade, dass es so rüberkommt, als sei mit der Erinnerung alles erklärt und gelöst. Als könnte man nicht ohne ein vergessenes Trauma unter Panikattacken leiden.

    Gefällt mir

  3. thursdaynext schreibt:

    Das Thema interessiert mich nicht doch ich mag die Autorin deren Unter Leuten mir sehr gefiel. So bleibt ein Buch weniger auf dem SuB, auch gut ;)

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.