Der Traum vom Aufstieg – Neel Mukherjee: Das Leben in einem Atemzug

Neel Mukherjee, britischer Schriftsteller indischer Herkunft, hat mich vor wenigen Jahren mit seinem Familienepos „In anderen Herzen“ völlig begeistert und in seinen Bann gezogen. Seine Analyse einer dysfunktionalen Familie in Kalkutta gehört zum Besten, was ich jemals über Indien gelesen habe.

Mukherjees neuer Roman kommt eine Nummer kleiner daher, allein schon im Umfang unterscheidet sich „Das Leben in einem Atemzug“ vom gewichtigen Vorgänger. Hier steht nun keine ganze Familie mit ihren Verästelungen im Mittelpunkt, sondern es sind einzelne Figuren, denen gemeinsam ist, dass sie nach mehr streben, dass sie ausbrechen wollen aus einem ihnen vorgegebenen Leben. Sie wollen einerseits Geld und Ansehen, heraus aus der Armut, andererseits einfach ein Leben nach den eigenen Vorstellungen. Es ist die Suche nach Glück. Ein schwieriges Unterfangen.

Mukherjee widmet sich in seinem Roman in großen Kapiteln verschiedenen Protagonisten: Da ist der Geschäftsmann, der längst in den USA lebt und seinem Sohn seine Heimat zeigen möchte, Touristenattraktionen abgrast und das Land seiner Kindheit nun durch die Augen des eigenen Kindes sieht. Da ist der gute Sohn, der nach London gezogen ist und seine Eltern jedes Jahr in Mumbai besucht und dessen neues Leben seine Ansichten und Einstellungen weiter geformt hat, was deutlich am großen Thema dieses Kapitels klar wird, in dem es um das Verhältnis der Bessergestellten zu ihren Dienstboten geht. Bereits in seiner Jugend war er mit seinem Vater über das Thema aneinander geraten und auch jetzt ist ihm sehr wichtig, wie man seine Angestellten behandelt. Es gibt jede Menge ungeschriebene Regeln, die diese gegenüber der Herrschaft zu befolgen haben, und die der Protagonist hinterfragt. Das Leben als Bedienstete steht auch in der letzten Episode im Mittelpunkt. Hier ist es Milly, eine Frau, die schon als junges Mädchen zum Arbeiten von den Eltern fortgeschickt wurde und die kein anderes Leben kennt, doch sie versucht unermüdlich, ihre Situation zu verbessern. Schließlich lesen wir noch von Lakshman, einem jähzornigen Mann, der, um seine Familie zu ernähren, einen wilden Bären zähmen will, damit dieser als Tanzbär die Menschen unterhält und ihm so Geld einbringt.

„Das Leben in einem Atemzug“ zeigt vor allem Beispiele einer indischen Gesellschaft, ihre Menschen und ihr Streben nach Aufstieg und Glück, und die Schwierigkeiten dabei. Die Unterschiede zwischen den Lebenssituationen der verschiedenen Protagonisten bestehen scheinbar unverrückbar – es ist sehr schwierig, aus seinem Stand, der Gesellschaftsschicht, auch der Kaste herauszukommen und aufzusteigen. Denn auch wenn das Kastensystem offiziell abgeschafft wurde, ist es doch im Alltag allgegenwärtig.

Mukherjee erläutert und interpretiert dabei nicht, sondern er zeigt auf lebendige Art und Weise das Leben seiner Protagonisten, wie es nun einmal ist. Alles andere überlässt er dem Leser. Dadurch wird man recht schnell in die einzelnen Episoden hineingezogen, die ich aber als unterschiedlich fesselnd empfand – was sicherlich persönlichen Präferenzen geschuldet ist. Zunächst bleibt auch unklar, ob und inwiefern sich die einzelnen Schicksale berühren werden. Mukherjees Stil ist meist schnörkellos, aber nicht ohne Poesie (so gefiel mir etwa an einer Stelle die Anspielung auf Goethes Erlkönig) und passt dabei in gewisser Weise zu seinen oftmals pragmatischen Figuren, die auf der einen Seite um den geringen Spielraum einer Veränderung wissen, andererseits aber nichts unversucht lassen, um diese dann doch zu erreichen.

„Das Leben in einem Atemzug“ ist ein nachdenklicher Roman, der einmal mehr einen profunden Einblick gibt in das Leben auf dem Subkontinent. An den Vorgänger „In anderen Herzen“ kommt das neue Buch Mukherjees meiner Meinung nach nicht heran, lesenswert ist der Roman dennoch.

Neel Mukherjee: Das Leben in einem Atemzug, Kunstmann Verlag, 2018, 352 Seiten

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8 Antworten zu Der Traum vom Aufstieg – Neel Mukherjee: Das Leben in einem Atemzug

  1. infraredhead schreibt:

    Klingt total gut. Den Vorgänger kenne ich noch nicht… Also kommen gleich zwei Bücher auf meine Wunschliste :-). Liebe Grüße!

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  2. Stefan Heidsiek schreibt:

    Du schaffst es mich ganz schön neugierig zu machen. Ich werde mir aber eher „In einem anderen Leben“ näher anschauen. Das klingt in der Tat so, als könnte es mir gefallen. – Falls du Dich grundsätzlich für Indien interessierst, kann ich Dir auch Karan Mahajans „In Gesellschaft kleiner Bomben“ (gemäß dem Fall, du kennst es noch nicht) nur nachdrücklich ans Herz legen. Falls du magst, hier geht es zu meiner Rezension: https://crimealleyblog.wordpress.com/2017/11/21/niemand-hoert-zu-das-ist-das-problem/

    LG aus der Crime Alley

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