„Wir wissen nie, in wessen Dienst wir wirklich stehen.“ – Stephan Thome: Gott der Barbaren

Jeder Vielleser entwickelt im Laufe der Zeit seine spezifischen Lesevorlieben, greift zu bei bestimmten Themen und Settings, und nicht zuletzt bei bestimmten Autoren. Für mich ist Stephan Thome seit der Lektüre seines Debüts „Grenzgang“ aus dem Jahr 2009 einer jener Autoren, dessen Romane für mich Pflichtlektüre sind, so auch sein soeben im Suhrkamp Verlag erschienenes neues Buch „Gott der Barbaren“, das auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht. Dieser Roman, der in China um das Jahr 1860 herum spielt, war für mich ein deutlicher Schritt heraus aus meiner Komfortzone, denn thematisch passt die Geschichte nicht gerade zu meinen Lesevorlieben, und hätte nicht Thome den Roman verfasst, hätte ich ihn zumindest nicht sofort und ganz selbstverständlich gelesen, sondern erst abgewartet, wie der allgemeine Tenor zu diesem Werk ausfallen würde.

China also, Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Zeit und auch eine geografische Gegend, über die ich nicht viel wusste. Thome lässt in seinem 700-Seiten-Werk einige höchst schillernde Personen auftreten, mit den unterschiedlichsten Interessen, die in China nach der Macht greifen, bzw. sie sich erhalten wollen. Eine seiner Hauptfiguren ist Philipp Johann Neukamp, der als christlicher Missionar nach China kommt, jedoch in seiner Getriebenheit nicht immer weiß, was genau seine innere Überzeugung ausmacht. Doch nicht nur mischen die Engländer bzw. die Ausländer oder auch die „Barbaren“ in der Geschichte mit, sondern auch unter den Chinesen selbst gibt es verschiedene verfeindete Lager, Aufständische auf der einen Seite, die offizielle Qing-Dynastie auf der anderen.

„Gott der Barbaren“ ist ein breit angelegtes, ambitioniertes Werk, in dem es – natürlich – in hohem Maße um kriegerische Auseinandersetzungen geht. Thome lässt alle Lager zu Wort kommen, sein Roman ist multiperspektivisch angelegt, die unterschiedlichen Interessen werden genauestens herausgearbeitet. Dass ich dennoch ab und zu Probleme hatte, den Geschehnissen zu folgen, liegt daher nicht an einer Unzulänglichkeit des Autors, sondern an einem mangelnden Interesse an den Inhalten der Diskussionen von Kriegsstrategien meinerseits.

Andere Szenen, die andere Schwerpunkte setzen, haben mir dagegen große Freude bereitet. Gerade besagtem Philipp Neukamp kommen wir als Leser sehr nah, da er seine Erlebnisse über weite Strecken aus der Ich-Perspektive erzählt und weil hier mit Freundschaft und Loyalität, mit Fragen des Vertrauens in Zeiten des Krieges große Themen angeschnitten werden. Auch die Szenen um den Sonderbotschafter Lord Elgin, den Thome als vielschichtigen und interessanten Charakter zeichnet, lesen sich spannend und aufschlussreich, gerade auch die gelungenen Dialoge mit seinem etwas steifen Sekretär Maddox machen dabei ziemlich Spaß und lockern die Geschichte etwas auf.

Die Engländer werden im Personenverzeichnis nicht zufällig als „Die Ausländer“ aufgeführt. Ist man als westlicher Leser auch versucht, sich statt mit den chinesischen Figuren mit ihnen zu identifizieren, so sind natürlich sie diejenigen, die einem anderen Volk ihre eigenen Ansichten aufzwingen und sie sich untertan machen wollen wie sie es schon mit den Indern zuvor getan hatten. In einem Interview, das der Autor auf Chinesisch gegeben hat und das man hier anschauen kann, erläutert er, wie interessant es für ihn war, zu sehen, dass im 19. Jahrhundert diese Impulse vom Christentum ausgingen, während heutzutage, wenn es um Glaubenskriege geht, immer sofort an den Islam gedacht wird. Sehr gelungen ist, wie Thome aufzeigt, dass beide Seiten sich gegenseitig als minderwertig empfinden, die Kultur der jeweils anderen als rückständig.

„Gott der Barbaren“ ist, obwohl tief verankert in Zeit und Ort, dennoch ein zeitloser Roman, der einmal mehr zeigt, dass wir Menschen nicht aus der Vergangenheit lernen (so wie es auch die gegenwärtigen Geschehnisse in Deutschland zuweilen denken lassen). Die Engländer mögen im Gewand der friedlichen Missionare daherkommen, eigentlich geht es um viel mehr als die Verbreitung des christlichen Glaubens. Als Leser weiß man, dass die Mission scheitern muss.

Der Roman versetzt den Leser sehr geschickt komplett in diese andere Zeit und lässt ein ganzes Universum entstehen, das überzeugt. Thome, der schon seit einigen Jahren in Taipeh lebt, beherrscht seinen Stoff souverän und vermag die Romanwelt sehr lebendig werden zu lassen. Lernen kann man auch noch etwas dabei – beim Taiping-Aufstand starben übrigens 20 bis 30 Millionen Menschen, wie Thome ebenfalls im Interview anmerkt, und dennoch ist dieser Teil der Geschichte bei uns weitgehend unbekannt. Wenn ich auch mit einigen Teilen seines Romans zu kämpfen hatte, so bin ich am Ende doch überzeugt, dass Thome ein großes Werk gelungen ist, das völlig zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht und gute Chancen hat, weiter im Wettbewerb zu bleiben.

Stephan Thome: Gott der Barbaren, Suhrkamp Verlag, 2018, 719 Seiten

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9 Antworten zu „Wir wissen nie, in wessen Dienst wir wirklich stehen.“ – Stephan Thome: Gott der Barbaren

  1. marinabuettner schreibt:

    Ich mochte Thomes Romane auch, aber dieses werde ich wohl auslassen. Was du über die kriegerischen Handlungen schreibst, die offenbar viel Raum einnehmen, schreckt mich ab. Ich hatte schon bei der Leseprobe das Gefühl, dass es diesmal nicht passt.
    Viele Grüße!

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    • letteratura schreibt:

      Ich verstehe das gut. Und ich freue mich, wenn sein nächstes Buch wieder in der Gegenwart angesiedelt sein sollte. :) Mir fällt das einfach schwer, am Ball zu bleiben, wenn es um Kriegsstrategien geht, andererseits finde ich es aber auch gut, wenn man seine Komfortzone ab und zu mal verlässt. Viele Grüße auch Dir!

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  2. Marius schreibt:

    Ich hänge gerade auf Seite 500 und muss mich wirklich durchkämpfen. Zu viele Schlachten, zu viele Charaktere, einfach etwas zu viel. Mal sehen, was die letzten 200 Seiten bewirken …

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    • letteratura schreibt:

      Gegen Ende wurde es etwas klarer, fand ich, aber ich meine, dass ich ungefähr an der gleichen Stelle auch ziemlich zu kämpfen hatte. Ich kann das gut nachempfinden, es war ein Buch, das ich mir erarbeiten musste. Zu viel, ja, vielleicht hätte man straffen sollen. Ich bin gespannt auf dein Fazit.

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